"Hörndlwalks" gegen Bauprojekt in Hietzing

Video7. Juni 2015, 08:00
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Bürger protestieren gegen den Bau einer Rehaklinik im Wiener Hörndlwald: Die Fläche, auf der das Josef-Afritsch-Heim stand, soll lieber renaturiert werden

Wien – Die Frösche quaken, die Vögel zwitschern, Blumen sprießen zwischen den Grashalmen hervor. Seit das Josef-Afritsch-Heim, ein in den 1950er-Jahren erbautes ehemaliges Jugendgästehaus, 2013 abgerissen wurde, hat die Natur dieses Stück des Hörndlwalds in Wien-Hietzing zurückerobert. Das gesamte Erholungsgebiet erstreckt sich zwischen dem Geriatriezentrum Wienerwald, der Friedensstadt-Siedlung und dem Lainzer Tiergarten.

derstandard.at/luger

Die beschauliche Szenerie auf dem jetzt grünen Fleckerl könnte aber bald wieder einer Baustelle weichen. Denn die gemeinnützige Betreibergesellschaft Pro Mente plant mit Unterstützung der Stadtregierung die Errichtung eines psychiatrischen Rehabilitationszentrums mit 80 Betten. Das Projekt wurde im Gemeinderat bereits weitgehend durchgewinkt.

"Nicht der erste Kampf"

Davon wollen sich die Gegner aber nicht abhalten lassen – 8.000 Personen bekundeten 2014 mit ihrer Unterschrift, den Bau abzulehnen. "Es ist nicht der erste Kampf gegen die Stadtregierung", sagt Merten Mauritz, Anrainer und Obmann des Vereins "Rettet den Hörndlwald". Vereinsobfrau Tina Schönknecht pflichtet ihm bei. Schon ihre Eltern hätten sich für den Erhalt des Waldes eingesetzt und an Bäume gekettet.

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Der Wald soll nicht bebaut werden, fordern Anrainer.

Für die beiden geht es um mehr als die Rettung des Grünraums: Der Hörndlwald weckt Kindheitserinnerungen. Schönknecht, die mittlerweile im 23. Bezirk wohnt, habe hier das Radfahren erlernt. Heute sei der Hörndlwald das erweiterte Kinderzimmer ihres Sohnes. Mauritz, der sich als Kind hier auf den Skiern übte, will sich nicht damit zufriedengeben, dass "einer der letzten schönen Plätze in Wien" bebaut werden soll. Und das Grundstück sei für die geplante Kapazität zu klein, um die Rehaklinik wirtschaftlich zu führen. Deshalb besteht die Befürchtung, dass "sukzessive jedes Stück Grün zugebaut" wird, weil das Gebäude in den Wald hinein vergrößert werden muss.

Verkehrsaufkommen

Um die Ruhe im Grätzel, das nur einmal pro Stunde von einem öffentlichen Bus angefahren wird, sorgt man sich ebenfalls: "Personal, Patienten und Besucher werden mit dem Auto kommen." Die Natur werde der benötigten Infrastruktur zum Opfer fallen.

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Das Bauprojekt stößt auf Ablehnung.

Den Beteuerungen der Betreiber, der Erholungsraum werde uneingeschränkt nutzbar bleiben, will man deshalb nicht recht glauben. Und man befürchtet auch, dass der angrenzende Fußballplatz von der Rehaklinik eingenommen werden könnte. Denn die geplante Mitbenutzung könne nicht funktionieren: "Burn-out-Patienten, die Ruhe brauchen, und spielende, lärmende Kinder vertragen sich nicht", so Mauritz.

"Gutes Projekt am falschen Standort"

Für Bezirksvorsteherin Silke Kobald (ÖVP) ist die Klinik ein "gutes Projekt am falschen Standort". Es sei immer schon Wunsch des 13. Bezirks gewesen, die Fläche zu renaturieren. Sie appelliert an Pro Mente, das Rehazentrum auf bereits vorhandenen Gesundheitsarealen zu errichten – etwa auf dem Rosenhügel oder den Flächen des Geriatriezentrums Wienerwald. Die Steinhofgründe im 14. Bezirk betrachtet sie ebenfalls als geeignet. Das Jugendstilareal rund um die Otto-Wagner-Kirche ist allerdings noch heftiger umstritten – Bürgerinitiativen protestieren dort seit Jahren gegen jegliche Bebauung.

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Die "Gedenkstätte" zur Rettung des Hörndlwaldes.

Die Initiative "Rettet den Hörndlwald" verwehrt sich auch nicht per se gegen ein soziales Projekt – ein Naturkindergarten wäre etwa vorstellbar; vorausgesetzt, der Hörndlwald wird nicht "zubetoniert". "Lass ma das Fleckerl, wie's ist", wünscht sich Mauritz.

Um das zu erreichen, organisiert und plant die Initiative Protestaktionen von Fackelzügen bis zu "Hörndlwalks" – man werde auch vor dem Rathaus demonstrieren, wenn es sein muss. "Wir können den Bau noch aufhalten." (Christa Minkin, 7.6.2015)

Die Karte: Überblick über die Grätzel-Besuche

Link

Verein "Rettet den Hörndlwald"


Hintergrund: Grünes Hietzing, schwarz regiert

Hietzing ist mit einem Anteil von 70,3 Prozent der Wiener Bezirk mit den meisten Grünflächen. Regiert wird er seit Jahrzehnten schwarz. Es gab aber – etwa in den 1960er-Jahren – auch rote Bezirksvorsteher.

Bei der Bezirksvertretungswahl 2010 erreichte die ÖVP mit 36,5 Prozent Platz eins. Die SPÖ kam auf 29,2, die Grünen auf 15,7 und die FPÖ auf 15,2 Prozent.

Bei der Gemeinderatswahl 2010 entfielen 34,9 Prozent der Stimmen auf Rot, 28,8 auf Schwarz, 19,8 auf Blau und 13,5 auf Grün.

Bezirksvorsteherin ist seit 2013 Silke Kobald. Sie folgte Heinz Gerstbach nach, der das Amt 23 Jahre lang innehatte.


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