Schrodt: "Mehrsprachige Schülerschaft in monolingualer Schule kann nicht gutgehen"

Interview3. Juni 2015, 10:00
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Bildungsexpertin Heidi Schrodt erklärt, was es braucht, damit die österreichische Schule in der Migrationsgesellschaft ankommt

In Österreich ist es schwerer, durch Bildung einen sozialen Aufstieg zu erreichen, als anderswo in Europa – das war die Quintessenz einer OECD-Studie aus dem Jahr 2014 . Aktuelle Studienergebnisse des Sozialwissenschafters Philipp Schnell untermauern diesen Befund: Kinder mit Migrationshintergrund haben es im heimischen Bildungssystem schwerer als in anderen europäischen Ländern. Bildungsexpertin Heidi Schrodt erklärt, was es braucht, damit die österreichische Schule in der Migrationsgesellschaft ankommt.

Nach der OECD-Studie von 2014 bestätigt es nun auch eine Studie des Sozialwissenschafters Philipp Schnell: Kinder mit Migrationshintergrund haben es im heimischen Bildungssystem schwerer als Migrantenkinder in anderen europäischen Ländern. Ist der Migrationshintergrund ausschlaggebend für den Bildungserfolg oder -misserfolg?

Heidi Schrodt: Der Migrationshintergrund per se ist nicht ausschlaggebend, sondern die Kombination von sogenanntem Migrationshintergrund, einer anderen Erstsprache als Deutsch und dem sozioökonomischem Hintergrund. Im Klartext: Wer aus einem armen, bildungsfernen Elternhaus kommt und darüber hinaus eine andere Erstsprache als Deutsch spricht, hat es in Österreich sehr schwer, mit dieser Kombination durch Bildung einen sozialen Aufstieg zu erreichen – im Gegensatz etwa zu Schweden, das im positiven Sinn radikal vom Kind beziehungsweise Jugendlichen ausgeht und dieses, diesen bestmöglich schulisch fördert; egal woher der Einzelne jeweils kommen mag.

Das heimische Bildungssystem reproduziert also soziale Ungleichheit. Welche Maßnahmen braucht es, um dieser sozioökonomisch bedingten Chancenungerechtigkeit einen Riegel vorzuschieben?

Schrodt: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil die Maßnahmen auf allen Ebenen des Bildungssystems ansetzen müssen, vom Kindergarten bis zum Ende der Sekundarstufe. Besonders wichtig wären aber ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr, ein verstärkter Ausbau von Ganztagsschulen, massive Investitionen in Deutschförderung auf allen Ebenen bei gleichzeitiger Förderung der Erstsprachen sowie Maßnahmen in der Lehrerausbildung und -fortbildung. Die Schulen brauchen Unterstützungspersonal nach internationalen Maßstäben. Derzeit stehen wir, was die Anzahl dieser Menschen an unseren Schulen betrifft, an vorletzter Stelle aller vergleichbarer Staaten. Die Trennung mit zehn Jahren sollte ersatzlos gestrichen werden. Allerdings: Wenn sich die Qualität des Unterrichts nicht gleichzeitig ändert, wird dennoch alles beim Alten bleiben.

Bei Tests schneiden Schüler mit sogenanntem Migrationshintergrund zum Teil deutlich schlechter ab. Wie kann verhindert werden, dass die für diese Ergebnisse verantwortlichen strukturellen Probleme ethnisiert werden?

Schrodt: Die wichtigste Maßnahme scheint mir in einem grundlegenden Paradigmenwechsel des Unterrichts zu liegen. Wir müssen weg von einem Unterricht, der auf ein – fiktives – Mittelmaß ausgerichtet ist, hin zu einem Unterricht, der vom Leistungsstand und Entwicklungsstand der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers ausgeht und von daher den Unterricht entwickelt. So können Einzelne bestmöglich gefördert werden, besonders dann, wenn die Deutschkenntnisse noch nicht ausreichen. Ständige Lernstandsdiagnostik, gekoppelt mit individuellen Fördermaßnahmen, etwa kann verhindern, dass so viele Schüler und Schülerinnen wegen mangelnder Deutschkenntnisse schulisch zurückbleiben. Bei einem solchen Zugang stellt sich die Frage nach Ethnien nicht.

Die Linguistin Inci Dirim spricht von Normalitätsannahmen, auf denen unser Bildungssystem basiert. Eine dieser Annahmen ist die Monolingualität im Deutschen. Nun haben aber österreichweit ein Fünftel, in Wien etwa zwei Drittel aller Schüler eine andere Mutter- beziehungsweise Erstsprache als Deutsch. Mehrsprachige Schülerschaft plus monolinguales Schulsystem = ?

Schrodt: Eine mehrsprachige Schülerschaft in einer monolingual ausgerichteteten Schule, das kann nicht gutgehen. Genau das finden wir aber vor. Obwohl etwa in den Volksschulklassen mancher Wiener Bezirke bereits fast 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine andere Erstsprache als Deutsch sprechen, hat sich unser Schulsystem darauf nicht eingestellt. Das ist nicht nur politisch unverantwortlich, sondern auch ökonomisch dumm. Wir nutzen alle diese Potenziale kaum.

Im Vorjahr wurden 50 Jahre Gastarbeit in Österreich gefeiert. Was braucht es, damit die österreichische Schule in der Migrationsgesellschaft ankommt?

Schrodt: Der allererste wichtige Schritt wäre meiner Meinung nach, dass sich die Politik endlich einmal zu den Gegebenheiten, mit denen wir es zu tun haben, bekennt, nämlich dass Österreich längst eine Migrationsgesellschaft ist. Daraus würde notwendigerweise folgen, dass auf allen Politebenen Maßnahmen zu setzen sind, die diesen Gegebenheiten Rechnung tragen. Bisher haben wir es vor allem mit einem Abwehrdiskurs zu tun, an- und vor sich hergetrieben von einer bestimmten politischen Partei. Migration ist nicht nur Normalität, sondern könnte eine große Chance für unser Land sein. Ich erwarte mir von unseren Politikerinnen und Politikern, dass sie das endlich begreifen und vermitteln.

In Ihrem Buch "Sehr gut oder Nicht genügend. Schule und Migration" schreiben Sie: "Die Zuwanderung ist längst Realität geworden in Österreich. Von einer gelebten Normalität sind wir dennoch noch sehr weiter entfernt, nicht nur in der Schule." In welchen anderen Bereichen orten Sie dringenden Handlungsbedarf?

Schrodt: Das ist der Kindergarten ebenso wie die Wohnbaupolitik, gar nicht zu reden von der Asylpolitik, um nur einige Bereiche zu nennen. Mir kommt vor, als sei Xenophobie in Österreich besonders stark ausgeprägt. Historisch gesehen, denken wir nur an den Vielvölkerstaat der Monarchie, würde man das Gegenteil erwarten. Mir war immer unverständlich, warum wir mit einer solchen Vergangenheit so fremdenfeindlich sind.

Mehr als die Hälfte der Wiener Bevölkerung haben einen sogenannten Migrationshintergrund, bei den unter 20-Jährigen sind es bis zu 70 Prozent. Wie zeitgemäß ist es angesichts dieser Zahlen, von "Alteingesessenen" und "Zugewanderten" zu sprechen?

Schrodt: Wie unsinnig diese Zuschreibungen sind, kann ich am Beispiel meines Mannes erläutern. Er ist 67 Jahre alt, in Wien geboren und aufgewachsen, und dennoch, kaum zu glauben, hat er "Migrationshintergrund". Sein Vater ist nämlich, noch in den letzten Jahren der Monarchie, im heutigen Tschechien geboren. Ich plädiere daher für einen sofortigen Stopp dieser Etikettierungen. Reden wir einfach von Wienerinnen und Wienern, Wiener Kindern, Wiener Jugendlichen, Wiener Pensionistinnen und Pensionisten. Wer braucht eigentlich 2015 noch einen "Hintergrund"? (Meri Disoski, 3.6.2015)

Heidi Schrodt war Direktorin der AHS Rahlgasse in Wien-Mariahilf. Sie ist Vorsitzende der Initiative "Bildung grenzenlos" und Mitglied verschiedener Expertenkommissionen zu Bildungsfragen. 2005 erhielt sie den Wiener Frauenpreis.

Heidi Schrodt
Sehr gut oder Nicht genügend?
Schule und Migration in Österreich
Molden-Verlag 2014

  • Heidi Schrodt: "Mir war immer unverständlich, warum wir mit einer solchen Vergangenheit so fremdenfeindlich sind."

    Heidi Schrodt: "Mir war immer unverständlich, warum wir mit einer solchen Vergangenheit so fremdenfeindlich sind."

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