Blatter geht, der Fußball bleibt

2. Juni 2015, 18:52
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Joseph S. Blatter ist nur vier Tage nach seiner Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten zurückgetreten. Er wirkte traurig, gestand aber keine groben Fehler ein. Das Nachfolgespiel kann beginnen

Zürich – Die Rede, die ihm keiner mehr zugetraut und auf die keiner mehr zu hoffen gewagt hatte, verlas Joseph S. Blatter mit fester, aber mitgenommener Stimme. "Ich will nur das Beste für die Fifa und den Fußball", sagte der 79-Jährige während einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz und kündigte seinen Rücktritt an. Es war in Zürich, und es war Dienstagabend, 18.55 Uhr. Vier Tage nach der Wiederwahl des Fifa-Präsidenten hat der gewaltige Druck des Korruptionsskandals den mächtigsten Mann im Weltfußball in die Knie gezwungen. Für viele, praktisch alle war das eine gute Nachricht.

Am späten Abend meldeten US-Medien, dass die US-Bundespolizei gegen Blatter ermittelt. Zuerst berichtete der US-Sender ABC, der sich auf mit dem Fall vertraute Personen berief. Die Bundesbehörde FBI dementierte aber bereits offizielle Untersuchungen, ebenso die New Yorker Bezirksstaatsanwaltschaft.

Neuwahl spätestens im März 2016

"Ich bin so sehr mit der Fifa und ihren Interessen verbunden. Ich möchte mich bei allen Unterstützern und Wegbegleitern bedanken", sagte Blatter, der 17 Jahre Boss war, und verließ den Saal, ohne Nachfragen zuzulassen. Die Neuwahlen werden bei einem Sonderkongress, er findet irgendwann zwischen Dezember 2015 und März 2016 statt, abgehalten. Bis dahin bleibt Blatter formal im Amt. Domenico Scala, Vorsitzender der Audit- und Compliancekommission, wurde mit der Leitung eines "signifikanten" Reformprogramms beauftragt.

Seit vergangenem Mittwoch erschüttert ein ungeheuerlicher Skandal den Verband. Die Fifa steht weltweit massiv in der Kritik, allen voran Blatter, der trotz allem am Freitag für seine fünfte Amtszeit bestätigt worden war, und das mit der absoluten Mehrheit der 209 Mitgliedsverbände.

Blatter: "Kein Mandat der gesamten Fußballwelt"

"Ich habe gedacht, meine Kandidatur wäre das Beste für diese Organisation", sagte Blatter. "Die Wahl ist nun vorbei, aber die Herausforderungen bleiben. Zwar habe ich das Mandat der Mitglieder, aber es fühlt sich nicht so an, als hätte ich das Mandat der gesamten Fußballwelt."

Blatters Gegner kommen vor allem aus Europa. Die Führungsriege der Uefa hatte den Präsidenten in den Tagen vor der Wahl wiederholt zum Rücktritt aufgefordert. An Blatter aber war bisher alles abgeprallt. Nach seiner Wiederwahl Freitagnacht rief er voller Freude den Neuanfang aus. Die, die den Wandel vehement gefordert hatten, fuhren als Verlierer nach Hause. Am Dienstagabend um 18.55 Uhr waren sie doch Sieger.

Spekulationen über Platini, Figo, van Praag, Hussein

Über die Nachfolge kann spekuliert werden, möglicherweise rückt Uefa-Boss Michel Platini in den Kandidatenkreis. Der Portugiese Luis Figo und der niederländische Verbandschef Michael van Praag, die gegen Blatter im letzten Moment nicht antreten wollten, wären auch Alternativen. Der jordanische Prinz Ali bin Al Hussein, der Blatter als einziger Gegenkandidat unterlegen war, bekundete Interesse. "Ali ist für Neuwahlen bereit", sagte Sala Sabra, Vizepräsident des jordanischen Verbands. Zudem werde der 39-jährige Prinz "den Vorsitz sofort übernehmen, sofern sie ihn fragen".

"Viele Jahre haben wir daran gearbeitet, die Fifa zu reformieren", sagte Blatter. "Aber es schmerzt mich, während die Reformen weitergehen müssen, dass es nicht genug war." Der Weltverband scheint nicht nur durchzogen von Korruption und Betrug zu sein, er ist es. Kurz vor dem Kongress waren sieben hochrangige Funktionäre verhaftet worden, darunter zwei Vizepräsidenten. Die US- sowie die Schweizer Behörden setzten die Fifa mit zwei voneinander unabhängigen Untersuchungen gewaltig unter Druck. In den USA werden 14 Personen in einer 161-seitigen Anklageschrift belastet.

"Es ist meine große Sorge um die Fifa und ihre Interessen, die mich sehr bewegen und mich zu diesem Schritt bewegt haben", sagte Blatter. "Was mir mehr als alles andere bedeutet, ist, dass, wenn alles vorbei ist, der Fußball der Gewinner ist." Der Schweizer Scala führte aus, die Fifa habe sich "diesem Reformprozess zu 100 Prozent verschrieben. Heute hat der Präsident allen Mitgliedsverbänden die Entscheidung mitgeteilt." Er habe das getan, "um das Vertrauen wiederherzustellen". Gleichzeitig nahm Scala die Verbände in die Pflicht, "mehr Verantwortung zu übernehmen". Das führe zu Transparenz. (red, sid, 2.6.2015)

  • Ein kleiner Schritt für Sepp Blatter, ein großer für die Fußballwelt.
    foto: reuters/sprich

    Ein kleiner Schritt für Sepp Blatter, ein großer für die Fußballwelt.

  • Richtung Ausgang.
    foto: ap/leanza

    Richtung Ausgang.

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    Die Rücktrittsrede in bewegten Bildern.

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