Die neue Reifeprüfung – Versuch einer ersten Bilanz

Userkommentar5. Juni 2015, 19:06
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Die Nebeneffekte der Zentralmatura: Ökonomische Vorteile und die Ausweitung der Kontroll- und Disziplinargesellschaft

Vieles an der neuen Matura ist durchaus begrüßenswert. Es lohnt sich aber, auch über Nebeneffekte nachzudenken, mit Scherz und Ironie, aber natürlich ohne tiefere Bedeutung.

Vermarktungschancen für "Bildung"

Die ökonomischen Vorteile liegen auf der Hand. Verstärkt werden Maturavorbereitungskurse von diversen Privatorganisationen angeboten, Auslagerungen, die direkt zu einer Ankurbelung der Wirtschaft führen. Nicht übersehen werden sollten die zahlreichen Ghostwriter, die nunmehr bei der Abfassung der Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA) mit Rat und vor allem Tat zu Seite stehen werden und sich auf beträchtliche Einnahmen freuen dürfen.

Die Firma "Acad Write" ("Wir verstehen uns als Profis für nachhaltige Problembehebungen") hat beispielsweise ihre Gewinne von mageren 280.000 Euro im Jahr 2005 auf mehr als zwei Millionen Euro vergrößert (Süddeutsche Zeitung, 16. Februar 2015) – das sollte Vorbild und Ansporn sein. Für Nachhilfe wird sowieso immer noch zu wenig ausgegeben (etwa 120 Millionen Euro pro Jahr in Österreich).

Ein Nebeneffekt dieses Nebeneffekts könnte dann die Entsorgung der altmodischen Bildung sein, wie sie von der Aufklärung konzipiert wurde. Frei nach Kant: "Habe ich einen Ghostwriter, der für mich Verstand hat, […] habe [ich] nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen." Die Aufklärung ist tot, die Postaufklärung (oder Postmoderne) besteht darin, andere dafür zu bezahlen, dass sie einem das mühsame Selberdenken abnehmen.

Vom Ethos zur Kontrolle der Kontrolleure

Eine weitere Folge der neuen Reifeprüfung ist schon jetzt erkennbar, die Ausweitung der Kontroll- und Disziplinargesellschaft. War bislang die gymnasiale Oberstufe wenigstens in Ansätzen und Teilbereichen noch eine Oase der Muße, Reflexion und Bildung, vor allem in den so genannten geisteswissenschaftlichen Fächern – manchmal natürlich auch eine Oase des Nichtstuns –, so hat die Evaluationslust und die Operationalisierbarkeit (nach dem Prinzip der Naturwissenschaften: "Alles, was messbar ist, messen, alles, was nicht messbar ist, messbar machen!") wohl die letzten Schlupflöcher ausfindig gemacht.

Auslösender Faktor war offenbar die Einsicht der Schulbehörde, dass viel zu viele Maturazeugnisse in den vergangenen Jahrzehnten hergeschenkt wurden, indem Lehrerinnen und Lehrer vor den Klausuren oder mündlichen Prüfungen einen dezenten "Hinweis" auf die Aufgabenstellungen gaben. Die Schulbehörde warf einigen Lehrkräften also offenbar einen Mangel an dem vor, was man früher als Ethos, Tugend oder moralische Gesinnung bezeichnet hatte. Natürlich nicht offiziell. Über diese Dinge redet man nicht. Aber alle wissen davon. Wie erziehe ich Lehrerinnen und Lehrer zu mehr Ehrlichkeit, zu mehr Moral oder, wie es heute heißt, zu mehr Professionalität? Am besten gar nicht. Lehrkräfte gelten offenbar als erziehungsresistent. Wir ändern die Rahmenbedingungen, so dass Unehrlichkeit fast gar keine Chance mehr hat.

Verglichen mit der Neuen Mittelschule, die im Jahr 200 Millionen Euro kostet und nachgewiesenermaßen nur etwas besser als die alte Hauptschule abschneidet, kann die neue Reifeprüfung also nur als durchschlagender Erfolg gewertet werden. (Georg Cavallar, 5.6.2015)

  • Die Nebeneffekte der neuen Reifeprüfung. Eine ironische Bilanz.
    foto: apa/hans klaus techt

    Die Nebeneffekte der neuen Reifeprüfung. Eine ironische Bilanz.

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