Gesundheitsgefährdendes Leben am Abgrund

Reportage3. Juni 2015, 18:05
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Operieren auf Pump: Einigung mit Kreditgebern soll Griechenlands Gesundheitssystem in vor dem Zusammenbruch bewahren

Der letzte Doktor auf der Insel gab Maria Kamma die Schlüssel zur Praxis und bestieg die Fähre. Dann aber war für die Bürgermeisterin der kleinen Ägäis-Insel Tilos das Maß voll. Als sie Mitte Mai aus Protest zurücktrat, zusammen mit dem ganzen Gemeinderat, reagierte das Gesundheitsministerium in Athen schnell: Es rief bei Médecins du Monde an, der Hilfsorganisation für Einsätze in Katastrophengebiete.

Das Gesundheitsministerium fand einen Arzt, der auf die nur 800 Einwohner zählende Insel im Dodekanes ging. Dieses Mal sogar mit einem Dreijahresvertrag. "Eine Schande!", empörte sich George Patoulis, Präsident des Athener Ärzteverbands, "das öffentliche Gesundheitssystem in Griechenland bricht mit jedem Tag weiter zusammen".

Vorwurf an Kreditgeber

Auch Patoulis ist Bürgermeister, und zwar im noch gut situierten Athener Außenbezirk Marousi, doch seine Sicht als Politiker der konservativen Nea Dimokratia auf das Desaster in Spitälern und Arztpraxen unterscheidet sich kein bisschen von jener der nun regierenden radikalen Linken: Die internationalen Kreditgeber sind schuld. Ihr extremer Druck auf die griechischen Regierungen habe zu einer Gesundheitspolitik geführt, die nur noch nach buchhalterischen Gesichtspunkten funktioniert, ohne soziale und menschliche Überlegungen, klagt Patoulis.

"Einer von zwei Patienten mit chronischen Erkrankungen ist nicht in der Lage, rechtzeitig einen Doktor aufzusuchen und eine Behandlung zu erhalten. Die griechische Bevölkerung sieht einem langsamen wirtschaftlichen, sozialen, psychologischen und schließlich biologischen Tod entgegen."

Zweieinhalb Millionen Griechen haben mittlerweile mit ihrem Job auch die Krankenversicherung verloren. Wer nichts in die Sozialkassen einzahlen kann, bekommt auch nichts mehr, lautet die Regel, die 2011 unter dem Druck der Geldgeber aufgestellt wurde. "Das war einfach verrückt", sagt Anastasios Grigoropoulos, der Präsident und Manager von Evangelismos in Athen, Griechenlands größtem Spital. "Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise, wenn die Leute ihre Arbeit verlieren, sagt man ihnen: Ihr müsst für mindestens sechs Monate eine Beschäftigung finden, um eine Krankenversicherung zu haben."

Im Sommer 2014 hat die Regierung des konservativen Premiers Antonis Samaras schließlich ein Einsehen und erlässt ein neues Gesetz. Griechen ohne Krankenversicherung haben fortan ein Recht auf freie Behandlung in den Krankenhäusern. Wer das bezahlen soll, ist allerdings nicht klar. Das Verfahren ist langwierig: Patienten müssen vor Kommissionen, Spitäler machen ihre eigenen Regeln. Geld hat niemand mehr.

120 Millionen Euro bräuchte Grigoropoulos eigentlich für sein Krankenhaus mit den 950 Betten. Ganze zwei Millionen hat er von der Regierung in diesem Jahr bisher bekommen. Die Staatskassen sind leer, weil es keine Einigung mit den Kreditgebern von EU und Internationalen Währungsfonds gibt. 1,2 Milliarden Euro schulden griechische Spitäler mittlerweile den Pharma-Multis im Ausland, meldete dieser Tage die Nachrichtenagentur Reuters.

Ärzte wandern aus

Kein Wunder also, dass viele griechische Ärzte auswandern. "Ein Riesenthema", sagt George Patoulis, der Chef der Athener Ärztevereinigung. Die Zahl der spezialisierten Mediziner, die das Land verlassen, habe sich in den Krisenjahren verfünffacht. Besonders die jungen Ärzte seien entmutigt. Jeder vierte Mediziner in Griechenland ist nur teilzeitbeschäftigt oder gleich arbeitslos. Denn auch die private Medizin läuft nicht so leicht. 20 oder 50 Euro für den Besuch einer Arztpraxis sind für viele Griechen ein Problem geworden. Für George Patoulis sind das fürchterliche Zeiten: "Zum ersten Mal in der griechischen Geschichte geht es bei der Auswanderung nicht um Arbeiter, sondern um ausgebildete, hoch spezialisierte Mediziner." (Markus Bernath, 3.6.2015)

  • Patienten in einem Gesundheitszentrum bei Athen: Die Krise in Griechenland ist auch eine humanitäre.
    foto: reuters / alkis konstantinidis

    Patienten in einem Gesundheitszentrum bei Athen: Die Krise in Griechenland ist auch eine humanitäre.

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