Der einsame Tod des großen Liberalen Charles Kennedy

2. Juni 2015, 17:51
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Mit 55 Jahren ist der führende britischen Liberaldemokrat nur kurz nach seinem Mandatsverlust bei der Unterhauswahl gestorben

Seit der Unterhauswahl war viel von der Brutalität des britischen Systems die Rede. Hohe Popularität im Wahlkreis, glänzendes Ansehen über Parteigrenzen hinaus, ein profunder Erfahrungsschatz, persönliche Integrität - nichts schützt jene Abgeordneten, deren Partei die Wählerschaft abstrafen will. Besonders in Schottland haben dies im Mai viele zu spüren bekommen, allen voran der jetzt verstorbene frühere Vorsitzende der Liberaldemokraten, Charles Kennedy.

Als die Nachricht vom einsamen Tod des 55-Jährigen - das genaue Obduktionsergebnis stand bei Redaktionsschluss noch aus - in Westminster eintraf, war es, als hielte das Londoner Parlamentsviertel für einen Moment den Atem an. Gewiss hatte mit dem Mandatsverlust Kennedys politische Karriere ihren Höhepunkt überschritten. Doch hatten viele erwartet, der kluge und witzige Politiker werde, womöglich als Mitglied des Oberhauses, im Kampf um Großbritanniens Zukunft in Europa eine wichtige Rolle spielen.

Karriere bei Labour-Abspaltung SDP

Der jüngste Sohn einer Bauernfamilie wuchs in den wildromantischen Highlands im Schatten von Ben Nevis auf. Er habe den höchsten Berg Großbritanniens (1344 Meter) nie bestiegen, behauptete Kennedy, und Freunde glaubten es. Denn der passionierte Raucher und Whiskytrinker, Musikfreund und profund gebildete Historiker zeigte an Leibesertüchtigung nie das geringste Interesse. Seine politische Leidenschaft wurde beim Studium an der Uni Glasgow geweckt; Kennedy landete bei der Europa-freundlichen, pragmatischen Labour-Abspaltung SDP. Deren Nominierung zum Parlamentskandidaten für den Heimatwahlkreis erreichte den 23-Jährigen während eines Fulbright-Stipendiums in den USA - vom weitverbreiteten Antiamerikanismus der politischen Linken ließ sich Kennedy auch später nie anstecken.

Kein Pazifist

Eine Wahlperiode lang, von 1983 bis 1987, amtierte der rothaarige, sehr hellhäutige Schotte als Parlamentsbaby. Hartnäckig und geduldig warb der junge Mann für die Fusion seiner schlingernden SDP mit der liberalen Partei. Im Namen der Liberaldemokraten stecken die Wurzeln, der Liberalismus und die Sozialdemokratie. Keiner verkörperte die beiden Strömungen, das Eintreten für soziale Gerechtigkeit wie für Bürgerrechte, die Weltoffenheit bei klarer Westanbindung so perfekt wie Kennedy.

Nachdem er 1999 Vorsitzender geworden war, vergrößerte er bei zwei Wahlen Stimmenzahl und Mandate für seine Partei. Dass er strategisch denken konnte, bewies Kennedy in der Opposition zum Irak-Krieg. In einem militärgläubigen Land kam dies einem Vabanquespiel gleich. Labour und Tories hielten dem Regierungschef Blair die Stange, Kennedy blieb hart. Er sei kein Pazifist und verabscheue den Diktator Saddam Hussein, aber: "Ich bin nicht überzeugt, dass ein Krieg nötig ist. Und wir sollten nicht ohne unsere wichtigsten Verbündeten handeln."

Gesundheitliche Ausfälle

Die Popularität im Land kontrastierte zunehmend mit der Ungeduld seiner Fraktionskollegen über häufige gesundheitliche Ausfälle des Chefs. 2006 räumte Kennedy öffentlich sein Alkoholproblem ein und trat zurück. Die Koalition mit den Tories 2010 hielt der Schotte für einen schweren Fehler. Er votierte dagegen, verweigerte sich auch der Erhöhung der Studiengebühren, die der Glaubwürdigkeit der Liberaldemokraten einen katastrophalen Schlag zufügten. Seine eigene Integrität blieb intakt, auch im Privatleben. Zwar zerbrach die spät geschlossene Ehe, doch in der Sorge für den gemeinsamen Sohn Donald, 10, ließ es Kennedy an nichts fehlen.

Er bedanke sich für das Vertrauen der vergangenen 32 Jahre, sagte der gerade brutal abgewählte Politiker am Morgen des 8. Mai nach der Unterhauswahl und fügte hinzu: "Ich hoffe, dass Sie später einmal das Vertrauen für gerechtfertigt halten." Der elegante Satz des großen liberalen Demokraten ist zu seinem Epitaph geworden. (Sebastian Borger, 2.6.2015)

  • Seine Integrität blieb stets intakt. Charles Kennedy stellte sich auch gegen die eigene Partei, wenn ihm Entscheidungen, wie etwa die verhängnisvolle Zusammenarbeit mit den Tories 2010, missfielen.
    foto: imago

    Seine Integrität blieb stets intakt. Charles Kennedy stellte sich auch gegen die eigene Partei, wenn ihm Entscheidungen, wie etwa die verhängnisvolle Zusammenarbeit mit den Tories 2010, missfielen.

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