Politexperte: "Hillary kann wirklich Geschichte schreiben"

Interview4. Juni 2015, 08:00
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Als Präsident des Public Affairs Council kennt Doug Pinkham den Politikbetrieb in Washington besonders gut. Sein Tipp: Hillary Clinton wird sich 2016 durchsetzen

STANDARD: Täuscht der Eindruck, oder hat der Wahlkampf für 2016 wirklich extrem früh begonnen?

Pinkham: Barack Obama kann nicht noch einmal antreten, daher ist die Gelegenheit sehr gut für den politischen Gegner, es dieses Mal zu schaffen. Es fühlt sich in der Tat so an, als habe die Kampagne für 2016 schon einen Tag nach der Wahl 2012 begonnen.

STANDARD: Warum bemühen sich so viele Republikaner zu einem so frühen Zeitpunkt um eine Kandidatur?

Pinkham: Weil es so früh noch keinen erklärten Sieger geben kann. Alles kann passieren. Noch vor zwei Jahren hätte ich gedacht, dass ein Isolationist wie Rand Paul Präsident werden könnte. Es war die Ansicht weit verbreitet, wir sollten lieber die Probleme zu Hause lösen, als in der Welt die Rolle als Supermacht zu pflegen. Aber das war, bevor die Terrormiliz "Islamischer Staat" auf den Plan trat. Sie ist eine echte Gefahr, und so hat sich die politische Lage sehr schnell wieder verändert. Timing ist essentiell, und diesen Zeitpunkt probieren jetzt viele Republikaner zu erwischen.

STANDARD: Sind die USA schon bereit für einen dritten Bush als Präsident nach George Walker und George W., nämlich für Jeb Bush?

Pinkham: In Washingtoner Zirkeln hat Jeb Bush tatsächlich gute Chancen. Er ist clever, erfolgreich und talentiert, keine Frage. Außerdem nicht allzu konservativ, und er hat viele Hispanics - eine stark wachsende Wählerschaft - hinter sich. Er wäre ein starker Gegner für Hillary Clinton. Sein Problem sind die Vorwahlen, an denen Wähler mit moderaten Ansichten kaum teilnehmen, sondern eher jene mit radikaleren Einstellungen. Er muss sich gegen die Hardliner durchsetzen, muss also mit Themen punkten, die außerhalb seines eigenen Spektrums liegen. Jeb Bush könnte also gezwungen werden, sich eine Politik zueigen zu machen, die gar nicht die seine ist - etwa in Sachen Einwanderung.

STANDARD: Das erinnert sehr an Mitt Romneys Schicksal ...

Pinkham: Ja, es könnte ihm das Gleiche passieren. Romney, eigentlich moderat, musste im Vorwahlkampf härtere Standpunkte verteidigen, als er eigentlich wollte. Als er dann im Hauptwahlkampf 2012 wieder gemäßigtere Töne anschlagen wollte, wurde ihm das von den Hardlinern in der eigenen Partei angekreidet. Ähnlich war es auch mit John McCain 2008.

STANDARD: Stimmt die Analyse, die "Grand Old Party", so ein Spitzname der Republikaner, sei bloß eine Partei alter, weißer Männer?

Pinkham: Das hören sie zwar nicht gerne, aber statistisch stimmt das schon. Ihr Elektorat ist hauptsächlich weiß, männlich und über 60 Jahre alt. Die großen Wählergruppen, deren Stimmen alle haben wollen, sind aber die Hispanics, die Jungen und die Frauen. Rein statistisch gesehen, muss der nächste Präsident aus den Reihen der Demokraten kommen.

STANDARD: Das heißt dann, dass wohl Hillary Clinton ins Weiße Haus einziehen wird ...

Pinkham: Tja ... Statistiken funktionieren aber nicht immer. Die Republikaner werden versuchen, ihr die Fehler und Misserfolge der Obama-Administration anzuhängen. Schließlich war sie ja dessen Außenministerin. Ich denke aber, dass Clinton immer stärker als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen werden wird, je länger die Kampagne dauert. Später wird sie kaum noch mit der Politik ihres Mannes Bill oder mit der Obamas gleichgesetzt werden können.

STANDARD: Worum wird es im Wahlkampf gehen? Die Außenpolitik war es 2012 jedenfalls nicht wirklich ...

Pinkham: Wie so oft wird es um die Wirtschaft gehen. Die Amerikaner tendieren immer mehr dazu, Politik zu personalisieren - in dem Sinne, dass sie sich fragen: Wie betrifft das alles mich persönlich? Wieso geben wir all das Geld draußen in der Welt aus und nicht hier bei uns und für uns selbst? Bauen wir doch Schulen und Straßen! Investieren wir ins Gesundheitswesen! Machen wir etwas aus unserem Land! Schaffen wir Jobs! Daneben wird es aber dieses Mal verstärkt sehr wohl um Außenpolitik gehen. Die Probleme im Nahen Osten, das Verhältnis zu China, jenes zu Europa - das sind alles sehr wichtige, sehr große Themen.

STANDARD: Wenn Sie jetzt gezwungen würden raten oder wetten zu müssen, wer die Wahl 2016 gewinnt: Wer wäre dann ihr Tipp?

Pinkham: Nach dem, was ich bisher weiß: Hillary Clinton. Sie hat große außenpolitische Erfahrung, sie ist eine starke Persönlichkeit. Und sie ist moderater in gewissen Wirtschaftsfragen. Viele Menschen unterschätzen außerdem zurzeit noch die historische Dimension dieser Wahl: Sie könnte tatsächlich die erste Frau im Weißen Haus sein! Das ist eine große Sache, Hillary kann wirklich Geschichte schreiben. Und viele Amerikaner, nicht nur Frauen, werden sich überlegen, ob sie nicht dazu beitragen wollen, Geschichte zu schreiben. (Gianluca Wallisch, 3.6.2015)

foto: public affairs council
Doug Pinkham ist seit 1997 Präsident des Public Affairs Council in Washington. Die Organisation wurde 1954 auf Initiative von US-Präsident Dwight D. Eisenhower als Schnittstelle zwischen Unternehmen und Regierung gegründet. Pinkham sprach Ende vergangener Woche am Österreichischen Kommunikationstag 2015 auf Einladung der Österreichischen Public Affairs Vereinigung ÖPAV in Wien.
  • Doug Pinkham ist davon überzeugt, dass Hillary Clinton als erste Frau ins Weiße Haus einziehen wird.
    foto: ap photo/richard shiro

    Doug Pinkham ist davon überzeugt, dass Hillary Clinton als erste Frau ins Weiße Haus einziehen wird.

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