Beseelte Musikarchitektur

2. Juni 2015, 17:26
3 Postings

Nézet-Séguin und Pappano mit Orchestern in Wien

Wien - Von wegen seelenlose amerikanische Orchester! Ein Höchstmaß an Perfektion und dynamischer Wucht - das war noch lange nicht alles, was vom Philadelphia Orchestra am ersten Abend seiner zweitägigen Residenz im Wiener Musikverein zu vernehmen war. Musikdirektor Yannick Nézet-Séguin gilt für viele als einer der derzeit interessantesten Dirigenten - und gemeinsam gelang bei der 5. Symphonie von Peter Iljitsch Tschaikowsky eine Interpretation, bei der schier alles zu stimmen schien.

Alles war da: Ein übergreifender Spannungsbogen, das immer neue Zögern und neuerliche Schwung-Aufnehmen, das dem ganzen Werk überhaupt zugrunde liegt (und Tschaikowsky generell auszeichnet), auch belebte, flexible Phrasen, ein voller und durchaus kräftiger Klang, ohne je ins Pompöse oder Vordergründig-Pathetische abzugleiten.

Transparenz und Fülle

Nézet-Séguin versteht es unter anderem, Transparenz und Fülle zu verbinden, den Klang zu modellieren und daraus die Energie für übergreifende Entwicklungen zu gewinnen. Das tat er mit dem homogenen, ausgeglichen strahlenden Orchester, dessen Solisten allesamt Meisterschaft mit spürbarer Persönlichkeit verbinden, etwa die grandiose Solo-Hornistin - zuvor beim 1. Violinkonzert von Schostakowitsch mit der Solistin Lisa Batiashvili.

Ihr körperhaft-kraftvoller Ton setzte dabei dem orchestralen Elan noch eins drauf: Mit hochexpressiver Klarheit und einer Art innerer Dramatik hielt sie die Wechselläufe zwischen Bedrücktheit und Jubel, die dem zur Zeit stalinistischer Repressalien entstandenen Werk eingeschrieben sind, in rätselhafter Schwebe - und mit vollendetem Können sowieso. Die Geigerin dankte mit einer Zugabe, die neuerlich mit der russischen Politik zu tun hat: mit dem "Requiem" für die Kriegsopfer der Ukraine ihres georgischen Landsmanns Igor Loboda - einem Trauerwalzer, der am Ende bedrückend verklingt und zuvor die Virtuosität eines Eugène Ysaÿe ebenso wie bedrohliche Modernismen entfesselt.

Glühende Architektur

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, Nézet-Séguin und der italienische Dirigent Antonio Pappano wären ästhetische Verwandte. Pappano hat mit seinem Klangkörper, dem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia, im Wiener Konzerthaus am zweiten Abend des Gastspiels Anton Bruckners 8. Symphonie umgesetzt. Und bei aller Klarheit der vermittelten Riesenarchitektur wurden Strukturen tendenziell glühend und also singend umgesetzt. Ein Bruckner quasi mit romantischem Antlitz.

Pappano liebt die große Geste, aber nie setzt er auf billigen Effekt. Sein impulsives Gestalten bewahrt Überblick und sucht, Kontraste durch nie unverbindlich klingende Ausdrucksvaleurs pointiert herzustellen. Bei Bedarf klingt es ganz fahl in den Streichern (dritter Satz), dann plötzlich fiebrig. Das Prachtvoll-Festliche (tolle Hörner) wird ebenso überzeugend erweckt wie das Sanfte (etwa des zweiten Satzes). Ein tolles, homogenes Orchester beschert einen tollen Abend. (daen, tos, 2.6.2015)

Share if you care.