Von den Irrungen des Peter Pan

2. Juni 2015, 16:47
posten

Theaternachwuchs in der Drachengasse

Wien - "Für immer Peter Pan!", so das Motto des diesjährigen Nachwuchswettbewerbs im Theater Drachengasse. Das gemeinsame Sujet der vier Arbeiten, die es ins Finale geschafft haben, ist das des ewigen Kindes aus James Matthew Barries Märchen Peter Pan. Schauspielerisch beeindruckende Inszenierungen zeichnen durchwegs beklemmende Bilder des heutigen Jungseins - ohne sich aber auf Formen zu besinnen, die alternative Entwürfe erlaubten.

Der Theaterabend startet mit Katharina Pauls FairyDust[TM]: Mit der gleichnamigen App kann alles ausgedacht werden, was sich auch sonst ausdenken ließe. Die Mitarbeiter des überflüssigen Start-ups bemühen Begriffe wie Freiheit, Offenheit und Fantasie, ohne zu merken, dass sie die totalitäre Ideologie des zweckgelösten Produzierens repetieren. Am Praktikumsaspiranten Michael beobachten wir die Indoktrinierung durch die hippen Phrasen der Jungunternehmer. Das ist anstrengend, auch für die Zuseher.

Sprechende Collagen und depressive Phantasien

Noch während das Bühnenbild umgestaltet wird, beginnen Jessyca R. Hauser und Nancy Mensah Offei ihre Sing- und Sprech-Collage LOST: girls and private songs. Die Tanzfläche der Karaoke-Bar Nimmerland (Peter Pans Insel) befindet sich vor, die Theke hinter der Zuhörerschaft. Über deren Köpfe hinweg werden die Dialoge ausgetragen. Die vielschichtige Performance, in der sich philosophisch fragende mit zeternden und träumerisch erinnernden Textelementen abwechseln, handelt von dem Wunsch nach einem Leben, das sich nicht permanent darstellen müsste, um präsent zu sein.

Eine Mischung aus Tanz-, Musik- und Sprechtheater ist das Stück Alb [when Alice met Peter]. Peter steht auf der Bühne und singt ein Liebeslied, bis die unter den Zusehern sitzende Alice auf die Bühne hüpft und ihren Schatz umarmt. Doch plötzlich wendet sie sich ans Publikum und sagt: "Schön, nicht? - Aber leider nicht wahr." Tatsächlich ist Peter nämlich nicht der Freund von Alice, sondern ihre Depression. Die berauschte Performance thematisiert das entfremdete Verhältnis zu einer Wirklichkeit, die aufgrund ungezählter Möglichkeiten keine selbstständige Wahl erlaubt.

Meine Nase läuft gibt sich zum Schluss als Polemik auf die Event- und Partykultur. Schweißtreibende Tanzeinlagen und immer-krasse Ausdrucksformen sind lustig, auf die Dauer aber auch nervtötend. (Franz Schörkhuber, 2.6.2015)

  • Jessyca R. Hauser und Nancy Mensah Offei machen in ihrer Sing- und Sprech-Collage LOST: girls and private songs den Theaterraum zur Karaoke-Bar.
    foto: andreas friess

    Jessyca R. Hauser und Nancy Mensah Offei machen in ihrer Sing- und Sprech-Collage LOST: girls and private songs den Theaterraum zur Karaoke-Bar.

Share if you care.