"Eine Syrische Moderne": Vom langen Alltag der Revolution

2. Juni 2015, 17:16
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Das Filmmuseum zeigt historische Arbeiten aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land - und erzählt eine andere Geschichte des Staates am Abgrund

Wien - Er wisse nicht, wann sein Land Krieg gegen Israel geführt habe, meint der Dorfvorsteher. Einer der umstehenden Männer weiß die richtige Antwort auf die Frage des Filmemachers. Es war 1967 und zum Zeitpunkt dieser Aufnahme somit erst vor wenigen Jahren. Als der syrische Dokumentarist Omar Amiralay 1974 seinen Film Alltag in einem syrischen Dorf fertigstellte, fiel dieser umgehend der Zensur des regierenden Baath-Regimes zum Opfer. Die Bilder einer verzweifelten Landbevölkerung, von Partei und Staat hintergangen und im Stich gelassen, passte so gar nicht zur offiziell propagierten Vision des sozialistischen Zukunftsstaats von Hafiz al-Assad. Amiralay zeigte die Auswirkungen der vom Diktator verordneten Agrarreform: Armut, Enteignung, Krankheiten und Konflikte. Der Krieg gegen den Erzfeind jenseits der Golanhöhen interessierte hier niemanden.

Alltag in einem syrischen Dorf ist jedoch nicht nur ein Dokument der bitteren Anklage, sondern auch der persönlichen Enttäuschung. Erst wenige Jahre zuvor war der 1944 in Damaskus geborene Amiralay nach einem Filmstudium in Paris - und geprägt vom Geist der Protestbewegung von 1968 - in seine Heimat zurückgekehrt und hatte mit einem kurzen Essayfilm einem Prestigeprojekt der Regierung - dem Bau eines riesigen Staudamms am Euphrat - gehuldigt. Im Stil sowjetischer Propagandafilme bewundert die Kamera die Mechanik der Kräne und Bagger, die dem Land die erhoffte Modernisierung bringen sollen. Eine Hoffnung, die sich nicht nur für Amiralay ins Gegenteil verkehrte. "Ich habe mit dieser Modernisierungsideologie Syriens kollaboriert. Also waren wir Intellektuelle mitverantwortlich für den Ruin unseres Landes", meinte Amiralay noch wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 2011, ein paar Wochen vor Ausbruch des Bürgerkriegs.

Nostalgische Opfer

Die Auswahl jener Arbeiten von Amiralay, die im Rahmen der Filmschau Eine Syrische Moderne im Filmmuseum zu sehen ist, spiegelt die Ambivalenz und den Facettenreichtum seines Gesamtwerks wider, das von Sozialkritik ebenso geprägt ist wie vom Glauben an den prinzipiell möglichen Fortschritt, etwa an einen sozialistischen Bruderstaat Jemen in Von einer Revolution (1978).

Ob Amiralay mit seinen beiden Kollegen Mohamad Malas (Die Nacht, 1992) und Ossama Mohammed (Opfer, 2002), die ihre Filmausbildung in Moskau absolvierten und sich eher dem Spielfilm zuwandten, tatsächlich für ein nationales syrisches Kino einsteht, lässt die Retrospektive jedoch offen. Denn für die Herausbildung einer nationalen Kinematografie fehlt es Syrien seit Jahrzehnten an Produktionsmitteln und kontinuierlicher Ausbildung - spätestens seit der dramatischen Entwicklung in den letzten Jahren völlig undenkbare Voraussetzungen. Nicht zufällig besitzen die wenigen Spielfilme von Malas stets etwas Lyrisch-Melancholisches: In Die Nacht erzählt er von der Suche eines Buben nach dem verschwundenen und nicht wiederkehrenden Vater.

Das Kino eines "failed state" kann nur so aussehen wie Ossama Mohammeds jüngster Film Silvered Water, Syria Self-Portrait (2014): Mohammed montierte tausende Videoausschnitte über die Gräuel des Krieges, die er in seinem Pariser Exil auf Youtube fand, zu einem erschütternden Dokument der Hilflosigkeit im Angesicht von Hass und Gewalt.

Im vierzig Jahre zuvor entstandenen Alltag in einem syrischen Dorf kann man sehen, wie ein Regierungsbeauftragter der Bevölkerung von den ungeahnten Möglichkeiten des Kinos vorschwärmt. In anderen Ländern spiele es bereits eine wichtige Rolle bei der Erziehung der Massen, so der Mann vor einer improvisierten Leinwand, denn es könne dem Einzelnen ein Bild des Fortschritts der Gesellschaft liefern. Gebannt starren die Dorfbewohner auf die Bilder, die ihnen ein besseres Leben versprechen. Das Ende des Films von Amiralay spricht diesen Szenen Hohn: Ein alter Bauer entblößt seine Brust und schreit: "Wir sind hungrig und sterben!" (Michael Pekler, 2.6.2015)

Filmmuseum, 3. bis 15.6.

  • "Für die Armee erschieße ich meinen Bruder." In seinem Kurzfilm "Schritt für  Schritt" (1978) verfolgt Ossama Mohammed den Weg syrischer Buben zu Soldaten.
    foto: arsenal - institut für film und videokunst e.v.

    "Für die Armee erschieße ich meinen Bruder." In seinem Kurzfilm "Schritt für Schritt" (1978) verfolgt Ossama Mohammed den Weg syrischer Buben zu Soldaten.

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