Tosender Ölrausch belastet Meerestiere

3. Juni 2015, 05:30
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Die bei der Ölsuche eingesetzten Luftpulser bedrohen Meereslebewesen, Wissenschafter dokumentieren Strandungen

Der 8. Juni ist Tag der Weltmeere. Doch zu feiern gibt es nach Meinung von Meeresbiologen und Umweltschützern wenig: Laut einem Bericht des UN-Umweltprogramms von Ende 2014 gelangen jedes Jahr rund 6,4 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Der Schiffsverkehr steigt weltweit. Die Meere sind überfischt. Und auch Arten, die nicht verspeist werden, enden als Beifang. Ein zunehmendes Problem für akustisch sensible Meeresbewohner ist die Lärmverschmutzung.

Fast alle Meerestiere haben als Hauptsinn das Gehör. Vor allem drei Lärmquellen sorgen für Irritationen bis hin zu Strandungen unter Meeressäugern und anderen Tierarten, berichtet Unterwasser-Akustikerin Lindy Weilgart: "Schifffahrt, seismische Luftpulser, die bei der Ölsuche oder aus geowissenschaftlichen Gründen eingesetzt werden, und der militärische Sonar der Marine." Im Zuge ihrer wissenschaftlichen Arbeit erforschte Weilgart zum Beispiel die Kommunikationslaute von Pottwalen. "Ich segelte 50.000 Kilometer über den Pazifik und erforschte, ob es Dialekte unter Potwalgruppen gibt", sagt die Wissenschafterin.

Explosionen unter Wasser

Luftpulser, auch Airguns genannt, sind nach Explosionen die lauteste vom Menschen verursachte Lärmquelle, berichtet Weilgart: "Der Lärm breitet sich senkrecht aus, durch manchmal tausende Meter Meereswasser, um dann in den Meeresboden für hunderte von Kilometern einzudringen." Das Echo, das zurückkommt, gibt Informationen über Ölablagerungen. Der Lärm kann auch waagrecht mehr als tausende Kilometer weit gehört werden.

"Über eine Fläche von 300.000 Quadratkilometer wird der Geräuschpegel monatelang um das 100-Fache erhöht", sagt die Forscherin. Deswegen zeigen immer mehr Meerestierarten Reaktionen wie physiologischen Stress, sie verlagern zu ihrem Nachteil den Lebensraum und zeigen andere Veränderungen im Verhalten wie zum Beispiel verminderte Nahrungsaufnahme, veränderte Lautäußerungen und vermindertes Wachstum. Zudem wurden Gehörschäden, massive Verletzungen und sogar der Tod durch Ertrinken oder Strandungen dokumentiert. "Mindestens 55 Meerestierarten sind von Lärmbelästigung beeinträchtigt, sagt Weilgart.

"Über die Anwendung einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vor der Durchführung von seismischen Untersuchungen herrschen unterschiedliche Interpretationen", sagt Nicolas Entrup von der NGO Ocean Care. So würden etwa Spanien und Deutschland eine UVP-Pflicht haben, Kroatien, Griechenland hatten vor diversen seismischen Untersuchungen keinerlei Auflagen erteilt. "Die Novellierung der UVP-Richtlinie der EU im Frühjahr 2014 sieht jedoch eindeutig seismische Untersuchungen vor", ergänzt Entrup. Die Bestimmungen der Richtlinie müssen bis 2017 umgesetzt werden.

Internationale Beschlüsse würden die Durchführung einer UVP schon seit einigen Jahren vorsehen, sagt Entrup. Dazu zählen etwa Resolutionsbeschlüsse der Bonner Konvention und das Abkommen zum Schutz von Walen und Delfinen im Mittelmeer. "Ein aktueller Beschluss der Biodiversitätskonvention zeigt erneut, dass die Staaten sich selbst zwar strikte Maßnahmen auferlegen, jedoch mangelt es an deren Umsetzung", sagt er. Intensiv diskutiert werden jedoch nur jene Zielgebiete von seismischen Bohrungen, die mit Interessen des Tourismus kollidieren, wie die Adria und die Balearen. (Julia Schilly, DER STANDARD, 3.6.2015)

  • Der Tag der Ozeane ist am 8. Juni. Der Druck auf die Weltmeere nimmt durch Schiffsverkehr, Überfischung und Verschmutzung durch Plastik zu. Vor allem bei der Lärmverschmutzung fehlt es noch an Maßnahmen, kritisieren Experten.
    foto: ap/new england aquarium

    Der Tag der Ozeane ist am 8. Juni. Der Druck auf die Weltmeere nimmt durch Schiffsverkehr, Überfischung und Verschmutzung durch Plastik zu. Vor allem bei der Lärmverschmutzung fehlt es noch an Maßnahmen, kritisieren Experten.

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