Otfried Höffe: "Asyl und Flucht sind die heutigen Freiheitsprobleme"

Interview5. Juni 2015, 11:50
6 Postings

Die Kritik am Neoliberalismus bescherte dem Begriff der Freiheit einen schlechten Ruf. Der deutsche Philosoph will diesen wieder stärken

STANDARD: Warum haben Sie sich gerade jetzt dem schwer fassbaren Begriff Freiheit gewidmet?

Höffe: Dafür gibt es drei Gründe: Der Mensch ist von Natur aus ein freies Wesen, das ist die anthropologische Bedeutung der Freiheit. Zweitens ist die Freiheit ein zentrales Leitmotiv der Moderne und somit ein epochenspezifisches Kriterium für Technik, Wissenschaft, Medizin, Wirtschaft oder Politik. Und der letzte Grund lag für mich darin, dass die Freiheit zunehmend stark in die Kritik geraten ist; Stichwort Neoliberalismus oder auch die Hirnforschung, die bestreitet, dass es so etwas wie Freiheit gebe. Es gibt also einerseits deterministische Diskurse in der Wissenschaft und andererseits jene Diskurse über eine überbordende Freiheit, die dem Menschen im Sinne des Neoliberalismus schaden würde, weil es Freiheit nur bei den Kapitalisten gebe, aber nicht für die Bürger.

STANDARD: Freiheit dient als Argument für sämtliche Positionen - selbst wenn sie sich diametral gegenüberstehen. Was heißt das für die Bedeutung eines Begriffs, wenn er zur politischen Kampfmetapher wird?

Höffe: Die Gefahr ist einerseits, dass er zu sehr ausgeweitet und überfrachtet wird und durch diese Überladung an Bedeutung verliert. Andererseits ist Freiheit ein sehr vielschichtiges und vieldimensionales Phänomen; es auf einen einzigen Punkt zu bringen würde dieses Phänomen auch verfehlen.

STANDARD: Ein Beispiel für diesen intensiven Einsatz des Freiheitsarguments ist das Verhältnis zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften. In der Debatte über das Kopftuch werden sowohl Sanktionen als auch der liberale Umgang mit Freiheit argumentiert.

Höffe: Bei komplizierten Fällen wie diesem muss man genau nachfragen: Inwieweit steht es den Betroffenen offen? Wird es von Intuitionen gefördert oder sogar erzwungen? Diese und weitere Fragen sind mitzuberücksichtigen. Letztlich muss eine Gesellschaft den einzelnen Mitgliedern einer religiösen Gruppe die Chance bieten, sich zu emanzipieren. Die Mitglieder behalten zwar das Recht, wenn gewünscht ultraorthodox zu leben, dürfen dies aber niemandem aufzwingen. In liberalen Gesellschaften kommt es nicht auf Mehrheits- oder Minderheitengesellschaften an, sondern auf das Recht jedes Einzelnen, sich frei zu entscheiden, einschließlich des Rechts, aus einer Religion auszutreten.

STANDARD: In der politischen Philosophie scheint derzeit Freiheit als Thema keine allzu große Rolle zu spielen. Ein Eindruck, den Sie teilen?

Höffe: Das ist nicht ganz falsch. Im Vordergrund steht heute vor allem "Gerechtigkeit" mit all ihren Facetten: von distributiver über intergenerationelle bis zu anamnetischer Gerechtigkeit. Gerechtigkeitsfragen sind freilich mit Freiheit verbunden, denn seit Kant ist das Prinzip der gleichen Freiheit als Kriterium der Gerechtigkeit anerkannt. Der Gefahr, dabei über der Gleichheit die Freiheit zu vergessen, trete ich in meiner Freiheitsstudie entgegen.

STANDARD: Welche Themen sind in den letzten Jahren in der politischen Philosophie aufgekommen, und wie stehen sie in Verbindung mit Freiheit?

Höffe: Ein wichtiges Thema ist der Liberalismus und wie man ihn definiert: Reduziert man ihn auf Wirtschaftsliberalismus und kritisiert ihn dann als Neoliberalismus? Oder erweitert man den Begriff zum politischen Liberalismus, bei dem es vor allem um Grund- und Menschenrechte, Gewaltenteilung und Demokratie geht? Und schließlich gibt es noch den "umfassenden Liberalismus", der das Stichwort des guten Lebens zu integrieren sucht. John Rawls etwa legt in diesem Zusammenhang darauf Wert, dass es in einer Demokratie für alle Bürger einen Kernbereich geben muss, den alle anerkennen. Ein Liberalismus, der sich auf diesen und nur diesen Kernbereich verpflichtet, bezeichnet er als politischen Liberalismus. Über die Frage nach dem guten Leben hingegen darf jeder selbst entscheiden.

STANDARD: Anders als in der politischen Philosophie ist der Liberalismus in den meisten Debatten aber doch vor allem im Zusammenhang mit ökonomischen Fragen relevant, oder?

Höffe: Wir dürfen das Thema nicht derart verengen: Neben dem Thema Wirtschaftsliberalismus gehört zum Liberalitäts- oder Freiheitsgedanken der Moderne auch, dass der Mensch sich von Zwängen, von Naturzwängen freimacht. Die Medizin und die Technik sind hier Bannerträger dieses Freiheitsbegriffes. Für diese Bereiche kann man etwas beobachten, das man in der Philosophie einen pragmatischen Widerspruch nennt: Einerseits kritisieren wir die Technik, aber wenn Sie etwa zum Zahnarzt gehen, wollen Sie bei der Anästhesie die modernsten Mittel haben - und diese verdanken sich einem Emanzipationsprozess von Naturzwängen. Das ist ganz wichtig. Oder auch die Debatte um Kunst und Wissenschaft: Kunst ist ein Freiheitsphänomen der Moderne, das viele Philosophen meiden, unter anderem, weil sie zu wenig Sachkompetenz haben. Aber die Künste und in anderer Weise die Wissenschaften sich enorm wichtige Bereiche. Deshalb votiere ich dafür, sie in die Debatte um Liberalismus und Freiheit aufzunehmen.

STANDARD: Sie diskutieren in Ihrem Buch für den Bereich Medizin vor allem die neuen diagnostischen Möglichkeiten bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) - warum?

Höffe: Fragen der Reproduktionsmedizin spielen derzeit eine große Rolle. Bei der PID zum Beispiel sollte sich der Gesetzgeber möglichst weit zurückhalten. Doch wenn er erlaubt, ein schon befruchtetes Ei zu untersuchen oder in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium eine Abtreibung durchzuführen, wieso sollte er diesen minimalinvasiven Eingriff nicht zulassen? Man muss sich also die Frage nach Wertungswidersprüchen stellen. Die zweite Frage ist, ob der Gesetzgeber überwältigende Argumente dagegen hat. Hat er sie nicht, dann plädiere ich für die Devise "im Zweifel für die Freiheit der betroffenen Personen". Denn Sexualität und Fortpflanzung sind ein höchst intimer Bereich, von dem sich der Staat möglichst weit zurückzuhalten hat.

STANDARD: Sie selbst sprechen sich also für die Möglichkeit von PID aus?

Höffe: Sofern sie nicht andere Freiheitsrechte beeinträchtigt, befürworte ich das Recht auf PID. Der Gesetzgeber darf Gewissensvorbehalte einiger Bürger nicht allen aufzwingen.

STANDARD: Die Philosophin Nancy Hirschmann fragt, wer überhaupt die Subjekte der Freiheit sind. Diese Frage erinnert vor allem an die vielen aktuellen Flüchtlingskatastrophen.

Höffe: Das Subjekt der Freiheit ist jeder Mensch, das ist unstrittig. Bei der Frage der konkreten Realisierbarkeit der universellen Freiheit gibt es allerdings große Unterschiede. Die am schlechtesten Gestellten in den jeweiligen Ländern haben nicht einmal die Möglichkeit zu flüchten. Das sollte man nicht vergessen. Asyl und Flucht gehören bestimmt zu den großen Freiheitsproblemen von heute, und ich würde jedem gegenüber skeptisch sein, der hierfür eine einfache Lösung zu haben glaubt. (Beate Hausbichler, 5.6.2015)


Otfried Höffe (geboren 1943) ist emeritierter Professor für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie in Tübingen. Er hat vor allem über Aristoteles und Immanuel Kant publiziert, seine systematischen Schwerpunkte sind Rechtsphilosophie und Ethik. Höffe ist Herausgeber der Reihen "Denker" und "Klassiker auslegen" und seit 2009 Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin in der Schweiz. Im März 2015 erschien im Beck-Verlag sein aktuelles Buch "Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne".

  • In einer liberalen Gesellschaft haben Mitglieder einer Religionsgemeinschaft auch das Recht, ultraorthodox zu leben. Höffe: "Sie dürfen dies aber niemandem aufzwingen."
    foto: christian fischer

    In einer liberalen Gesellschaft haben Mitglieder einer Religionsgemeinschaft auch das Recht, ultraorthodox zu leben. Höffe: "Sie dürfen dies aber niemandem aufzwingen."

Share if you care.