45.900 Jahre alte Funde belegen: Der Mensch wanderte über den Nahen Osten nach Europa ein

2. Juni 2015, 12:10
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Schneckenschalen aus Ksâr 'Akil im Libanon zeigen, dass Homo sapiens die Route über die Levante wählte

Leipzig - Die ältesten bekannten Schädelteile eines modernen Menschen wurden 2002 und 2003 in der rumänischen Höhle Peștera cu Oase entdeckt. Die direkte Datierung wies den Funden ein Alter von 40.500 Jahren zu. Damit konnte der Zeitraum eingegrenzt werden, wann Homo sapiens erstmals europäischen Boden betrat. Wann der moderne Mensch sich von Afrika ausgehend nach Eurasien ausbreitete, ist unter Archäologen, Paläontologen und Genetikern dennoch weiterhin umstritten. Insbesondere die Frage nach den Routen, die der Mensch auf dem Weg nach Asien und Europa beschritt, ist immer noch nicht zweifelsfrei beantwortet.

"Das Problem ist, dass sowohl in der Levante als auch in Europa nur sehr wenige menschliche Überreste gefunden wurden, die dem Jungpaläolithikum, also dem jüngsten Abschnitt der Altsteinzeit, zugeordnet werden können", sagt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Der französische Wissenschafter konnte gemeinsam mit einem multinationalen Forscherteam nun erstmals anhand von Muschel- und Schneckenschalen aus Ksâr 'Akil im Libanon belegen, dass Vertreter des Homo sapiens sich vor mindestens 45.900 Jahren im Nahen Osten aufhielten und wahrscheinlich von dort aus Europa besiedelten.

Ksâr 'Akil ist eine der wenigen archäologischen Fundstätten im Nahen Osten, wo Fossilien moderner Menschen in den gleichen Fundschichten wie Werkzeuge aus dem frühen Jungpaläolithikum ausgegraben wurden. Mithilfe der Radiokohlenstoff-Datierung bestimmten die Forscher das Alter von Schneckenschalen der Art Phorcus turbinatus, deren Fleisch einst von unseren Ahnen verspeist worden war. Die Wissenschafter konnten damit jetzt zeigen, dass moderne Menschen sich vor mindestens 45.900 Jahren in der Levante aufgehalten haben. Das bestätigt die Präsenz anatomisch moderner Menschen mit Werkzeugen aus dem frühen Jungpaläolithikum in der Levante vor ihrer Ankunft in Europa und belegt, dass die Levante modernen Menschen als Korridor für die Besiedlung Europas diente.

"Ksâr 'Akil ist eine so wichtige Fundstätte, weil dort die fossilen Überreste zweier moderner Menschen zusammen mit ihren Werkzeugen gefunden wurden, die der Epoche des Jungpaläolithikums zugehörig sind. Ihre Entdecker haben die beiden Individuen Ethelruda und Egbert genannt", erklärt Marjolein Bosch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Erstautorin der Studie. Die Forscher berichten in der Fachzeitschrift "PNAS" über ihre neuen Ergebnisse zum Alter dieser beiden Fossilien.

Ankunft in Europa vor 40.000 bis 55.000 Jahren

"Unsere Untersuchungen zeigen, dass Egbert vor etwa 43.000 Jahren und Ethelruda vor mindestens 45.900 Jahren lebte, möglicherweise sogar noch früher. Ethelruda ist also älter als alle bisher in Europa gefundenen modernen Menschen", sagt Johannes van der Plicht vom Zentrum für Isotopenforschung der Universität Groningen in den Niederlanden. "Werkzeuge, die denen ähneln, die Ethelruda und Egbert zugeordnet werden, finden sich auch in anderen Fundstätten in der Levante und in Europa. Diese ähnlichen Werkzeuge sowie die frühere zeitliche Einordnung der Funde aus dem Nahen Osten lassen auf eine Ausbreitung moderner Menschen vom Nahen Osten ausgehend nach Europa zwischen 55.000 und 40.000 Jahren schließen", sagt Bosch.

Die Autoren untersuchten insgesamt 3.500 Muscheln und Schnecken, die 49 Arten zugeordnet werden konnten. Die am besten erhaltenen waren solche, deren Fleisch Menschen einst als Nahrungsmittel verspeisten. "Wir wissen beispielsweise, dass Weichtiere der Art Phorcus turbinatus von Menschen des Jungpaläolithikums gegessen wurden. Um das Fleisch besser entnehmen zu können, hatten sie den oberen Teil dieser Muscheln häufig abgeschnitten", erklärt Marcello Mannino vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Neuer Datierungs-Ansatz

Die Schalen aus der Levante mithilfe der Radiokohlenstoffmethode zu datieren erwies sich als eine große Herausforderung für die Forscher. "Die 14C-Datierung von Weichtierschalen ist eine Technologie, die sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Bis jetzt gab es keine narrensichere Methode, um das Alter von Muschel- und Schneckenschalen-Proben zu bestimmen, die durch die lange Lagerung im Boden chemisch verändert wurden", sagt van der Plicht.

"Wir haben daher einen neuen Ansatz entwickelt, bei dem wir Radiokohlenstoffdaten und biochemische Daten miteinander kombinieren", sagt Mannino. "Eine solche Technologie, die intrakristalline Proteindiagenese, bestimmt, inwiefern Aminosäuren in der intrakristallinen Struktur von Schalenkarbonaten erhalten geblieben sind", erklärt Beatrice Demarchi von der Universität York. Eine Kombination dieser neuen Analysemethoden ermöglichte es den Forschern jetzt, eine aussagekräftige neue Datierung der Funde aus Ksâr 'Akil vorzulegen.

Die Ergebnisse bestätigen damit: Moderne Menschen, die jungpaläolithische Werkzeuge verwendeten, lebten bereits in der Levante, bevor sie in Europa erstmals auftauchten, denn alle bisherigen Fossilfunde moderner Menschen in Europa sind jünger als diese. "Das wiederum lässt darauf schließen, dass die Levante als Korridor für die Verbreitung moderner Menschen von Afrika ausgehend nach Eurasien gedient hat", sagt Hublin. (red, 2.6.2015)

  • Schneckenschalen von Phorcus turbinatus. Drauf- und Seitenansicht von einem kompletten Exemplar (1) und einem Gehäuse, dessen oberer Teil  von Menschen des Jungpaläolithikums abgeschnitten wurde (2).
    foto: m. bosch

    Schneckenschalen von Phorcus turbinatus. Drauf- und Seitenansicht von einem kompletten Exemplar (1) und einem Gehäuse, dessen oberer Teil von Menschen des Jungpaläolithikums abgeschnitten wurde (2).

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