Russische Fernsehdoku empört Tschechen und Slowaken

1. Juni 2015, 19:15
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Niederschlagung der Demokratiebewegung "Prager Frühling" in Fernsehdoku verteidigt – Botschafter ins Prager Außenministerium zitiert

Prag/Moskau – Tschechien hat mit heftiger Empörung auf eine russische Fernsehdoku reagiert, die den blutigen Sowjet-Einmarsch in der CSSR vom August 1968 rechtfertigt. Die Regierung in Prag zitierte den russischen Botschafter ins Außenministerium. Das teilte das Ministerium am Montag in Prag mit. Der sozialdemokratische Ressortchef Lubomir Zaoralek zeigte sich "sehr verbittert" und "zutiefst beunruhigt".

Die Dokumentation des staatlichen Senders Rossija 1 hatte die Niederschlagung der Demokratiebewegung "Prager Frühling" verteidigt. Es sei eine Reaktion auf Umsturzpläne der Nato und von "Faschisten" gewesen. "Man hat auf uns mit Maschinengewehren geschossen", sagte ein ehemaliger Sowjet-Soldat in der Sendung. Tschechische Historiker sprachen von Geschichtsfälschung.

Der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka erklärte entschieden: "Es war eindeutig eine Okkupation gegen den Willen der damaligen tschechoslowakischen Regierung und gegen den Willen unserer Bürger." Russische Regierung und Medien dürften die Geschichte nicht verfälschen, forderte der Sozialdemokrat.

Auch Slowakei empört

Kritik kam auch aus der Slowakei. Die Ausstrahlung des Dokuments, das die historischen Wahrheiten verfälsche, schädige die traditionell guten Beziehungen zu Russland, hieß es.

Bei den tagelangen Straßenkämpfen im August 1968 gab es Historikern zufolge 108 Tote und mehr als 500 Schwerverletzte. Bisher hatte sich Moskau von dem Einmarsch distanziert. Der russische Präsident Wladimir Putin räumte 2006 in Prag sogar eine moralische Verantwortung seines Landes für den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten 1968 in die Tschechoslowakei ein. Eine "rechtliche Verantwortung" lehnte er aber ab.

Einreiseverbote für EU-Politiker

Ein weiterer Grund für die Einbestellung des russischen Botschafters am Montag in Prag waren die Einreiseverbote gegen EU-Politiker. Unter den Namen auf der sogenannten Schwarzen Liste Moskaus sind auch vier Tschechen, darunter Ex-EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle sowie der Russlandkritiker und Ex-Außenminister Karel Schwarzenberg.

Trotz der aktuellen Spannungen wird der slowakische Regierungschef Robert Fico am Dienstag bei Kremlchef Putin erwartet. Gesprächsthemen sollen Energiepolitik und Gaslieferungen sein. Der Linkspolitiker war als einer von wenigen EU-Politikern zum Weltkriegsgedenken am 9. Mai nach Moskau gereist. (APA, 1.6.2015)

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