Neues Video von Tatverdächtigem im Mordfall Nemzow

2. Juni 2015, 05:30
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Überwachungskamera filmte offenbar Gesuchten bei Flucht via Tschetschenien ins Ausland

Im Mordfall Boris Nemzow mehren sich die Indizien für eine Verwicklung ranghoher tschetschenischer Entscheidungsträger in die Tat: Aufnahmen der Flughafenüberwachungskameras sollen die Verquickungen belegen. Von den Videos berichtete zuerst die russische Nachrichtenagentur Rosbalt unter Berufung auf einen Informanten in Ermittlerkreisen.

Derzeit sitzen fünf Männer als Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Als Todesschütze gilt dabei der Tschetschene Saur Dadajew, als Fluchtfahrer sein Landsmann Ansor Gubaschew. Beide haben ein Geständnis abgelegt, welches Dadajew aber inzwischen widerrufen hat.

Abflug in Grosny

Allerdings zeigt ein Video Dadajew zwei Tage nach dem Mord vor dem Abflug nach Grosny. Begleitet wird er dabei von Ruslan Geremejew. Beide dienten im tschetschenischen Sonderbataillon "Nord". Deutlich brisanter sind allerdings die Verwandtschaftsverhältnisse Geremejews. Dieser ist nämlich Neffe des tschetschenischen Senators Sulejman Geremejew.

Sein Onkel zweiten Grades ist der Duma-Abgeordnete Adam Delimchanow, der seinerseits wiederum mit Tschetschenen-Oberhaupt Ramsan Kadyrow verwandt ist und als dessen rechte Hand gilt. Das widerspricht der These der russischen Behörden, dass es sich um Einzeltäter gehandelt habe, die Nemzow wegen seiner Unterstützung für die Charlie-Hebdo-Journalisten erschossen hätten.

Der Name Geremejew tauchte schon früher als möglicher Hintermann in der Berichterstattung auf; allerdings eher als Schlussfolgerung, die aus Aussagen über einen nicht näher benannten "Rusik" (Koseform von Ruslan) gezogen wurden. Dokumentarisch galt die Verbindung zwischen Dadajew und Geremejew zum Mordzeitpunkt bis zum Erscheinen des Flughafenvideos nicht als belegt.

Geschützte Flucht

Trotzdem hatten föderale Ermittler in der Vergangenheit versucht, Geremejew in Tschetschenien zu befragen. Dies war ihnen allerdings nicht gelungen, weil der Verdächtige dort im Heimatdorf Delimchanows von tschetschenischen Sicherheitskräften vor den Moskauer Kollegen abgeschirmt wurde. Letzten Angaben nach soll sich Geremejew in die Vereinigten Arabischen Emirate abgesetzt haben.

Zugleich gab es auch in Moskau gravierende Veränderungen: Der renommierte Chefermittler Igor Krasnow wurde in dem Fall abgelöst. Nemzows Tochter Schanna kritisierte den Ermittlerwechsel scharf. Krasnows Nachfolger Nikolai Tutewitsch hat bereits einmal in einem Fall die Untersuchungen geleitet, bei dem ein Gegner Kadyrows ermordet wurde. Die Hintermänner dieser Tat sind bis heute nicht bekannt. (André Ballin aus Moskau, 1.6.2015)

  • Der Mord am russischen Oppositionellen Boris Nemzow sorgte im Februar für Bestürzung.
    foto: ap / alexander zemlianichenko

    Der Mord am russischen Oppositionellen Boris Nemzow sorgte im Februar für Bestürzung.

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