Der romantische Künstler in Ton und Bild

1. Juni 2015, 17:08
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Die Wiener Symphoniker, Jaap van Zweden und David Fray im Konzerthaus

Wien - Das Gesamtpaket David Fray gibt einiges her. Um mit Äußerlichkeiten anzufangen: Da wäre der Kopf des Künstlers mit schulterlanger, wallender Lisztfrisur. Im Mienenspiel des 34-Jährigen mischt sich Ernst mit Weltschmerz. Gern stützt Fray während der Orchesterzwischenspiele seinen rechten Arm gravitätisch am Flügel ab. Der Stuhl, an dessen Lehne sich der Franzose stützt, lässt Erinnerungen an Radu Lupu wach werden; in toto liegt ein Hauch von Glenn Gould in der schönen Exzentrik des Schwiegersohns von Riccardo Muti.

Auch in David Frays Spiel - bei der Sonntagsmatinee der Wiener Symphoniker im Konzerthaus interpretiert er Beethovens zweites Klavierkonzert - findet sich Eigensinn: Gern meißelt er aufsteigende Thementeile ins allgemeine Bewusstsein, um die darauffolgende absteigende Floskel versacken zu lassen. Auch in der Kadenz des Kopfsatzes knallt Fray die Fugeneinsätze harsch hin und lässt luftige Zartheit folgen.

Kolossale Kirmes des Schreckens

Manche Themen sind etwas pauschal gestaltet, ohne erkennbare Zielpunkte. Der dritte Satz wird sehr frisch angegangen. Grundsätzlich musiziert Fray gern mit klarem, festem Ton; lyrische Linien ergeben sich bei ihm als Summe solcher Einzeltöne. Der exzellent intonierte Steinway kommt seinem Spiel entgegen. In Summe: beeindruckend. Auch im Wirken Jaap van Zwedens sind Licht und Schatten zu bemerken. Bei seinem Debüt bei den Symphonikern vor einem Jahr präsentierte der Niederländer eine fantastische achte Symphonie von Bruckner. Schostakowitschs Fünfte gelingt dem 54-Jährigen am Sonntag nicht ähnlich außergewöhnlich: Zwar ist das Werk von Beginn an von existenzialistischem Ernst durchdrungen, und auch die kolossale Kirmes des Schreckens, die folgt, hat Kraft.

Aber da sind auch immer wieder Koordinationsprobleme im Orchester und eine nicht immer genaue dynamische Gestaltung, die den Gesamteindruck trüben. So findet das Werk, mit dem sich Schostakowitsch 1937 vor Stalins reaktionärer Kulturpolizei zu rehabilitieren versuchte, zu einer mehr unterhaltsamen als bestürzenden Interpretation. Begeisterung nichtsdestotrotz. (Stefan Ender, 1.6.2015)

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