Warschau: Dunkelbunte Selbstvermessung in einer wachsenden Stadt

1. Juni 2015, 17:46
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Das Österreichische Kulturforum in Warschau feierte sein 50-jähriges Bestehen mit Open-Air-Musik, Diskussionen und viel Kaffee

Der gigantische Kulturpalast, ein Zwangsgeschenk Stalins, erinnert noch heute viele Bewohner Warschaus an die dunklen Tage der Stadt. Leute über dreißig, sagt man, würden den Palast gerne niederreißen, die Jüngeren finden ihn irgendwie cool und lieben die zeitgemäße Zweckentfremdung solcher Bauten: Diese postmoderne Gelassenheit kannte man bisher vor allem aus Berlin, mit dem Warschau nicht ohne Grund zunehmend verglichen wird. Mit 1,7 Millionen zählt die junge und wachsende Stadt heute so viele Einwohner wie Wien. Galerien boomen, neue Museen und Clubs entstehen - betont wird das Werden, nicht das Gewordene.

Auch beim Österreichischen Kulturforum in Warschau wollte man den retrospektiven Blick anlässlich des 50-Jahr-Bestandsjubiläums am vergangenen Wochenende nicht überstrapazieren. Österreichs erstes Kulturforum hinter dem Eisernen Vorhang, das in den 70er- und 80er-Jahren für Literaten und Dissidenten zu einem der wenigen "Fenster in den Westen" avancierte, feierte seinen Runden in erster Linie mit Diskurs und zeitgenössischer Musik.

Kaffeeklatsch und Diskussionen

In einem Fußgängerdurchgang der Altstadt hat man dennoch ein paar Schautafeln positioniert, die die Geschichte und aktuelle Arbeit des Forums dokumentieren. Im Forum selbst, gelegen in der Prózna-Straße im ehemaligen jüdischen Ghetto, wird zusätzlich die Ausstellung All artists mit Fotos von Künstlern gezeigt, die mit dem Kulturforum über die letzten 15 Jahre zusammengearbeitet haben. Einen der beiden Räume hat man zum Wiener Kaffeehaus samt Ober umgestaltet.

Vom Tratsch im Café schritt man im Hauptraum zur Diskussion. Ausgehend vom Kurzfilm Vakha i Magomed von Marta Prus sprachen österreichische und polnische Vertreter über die unterschiedlichen Erfahrungen mit Integration, Islam und Rechtspopulismus. Um die gegenwärtige und zukünftige Rolle der Auslandskultur ging es in einem zweiten Podiumsgespräch. Betont wurde die Leistung der Kulturforen für die europäische Integration und die zeitgenössische Ausrichtung der Häuser.

Balkansound und Improvisation

Das Musikprogramm, das auf einer von der Stadt Warschau finanzierten Open-Air-Bühne am nahen Grzybowski-Platz geboten wurde, lockte an zwei Abenden gut dreitausend Besucher an. Der in Hamburg geborene und in Wien lebende Produzent Ulf Lindemann alias "dunkelbunt", trat mit Liveband auf und gab mit seinem tanzbaren Electroswing-Balkansound jenen Ton vor, in den auch Thomas "Effi" Petritsch und seine Band mit einigen Ska- und Blues-Abweichungen einstimmen sollten.

Umjubelter Höhepunkt des zweiten Abends: ein eigens für die 50-Jahr-Feier vom Drehleier-Virtuosen Matthias Loibner initiiertes Projekt mit der Volksmusik-Combo von Janusz Prusinowski. Insgesamt zehn Musiker aus Österreich und Polen vermengten traditionelle polnische Dorfmusik mit österreichischer Jazzimprovisation und zeichneten ein melancholisch bis ekstatisches Klangbild, das den dunkelbunten Gesamteindruck von Stadt und Programm elegant und treffend widerspiegelte. Der an- und abschwellende Sound beschrieb dann auch Gemeinsamkeiten in der Mentalität: Denn im Raunzen und Feiern, so sagt man, seien sich Polen und Österreicher ähnlich.

Jahresbudget von 170.000 Euro

Martin Meisel, Direktor des Warschauer Kulturforums, freute sich über die Anteilnahme am Jubiläumsprogramm. Mit einem Jahresbudget von 170.000 Euro liege die Hauptaufgabe des Forums darin, zu vermitteln, Zeitgenössisches zu fördern und dort nachzuhelfen, wo Projekte auf der Kippe stehen.

Kultureller Austausch, der sich zusehends verselbstständigt, ist ihm nur recht, denn dann habe seine Einrichtung alles richtig gemacht, sagt er. Dass dies die Arbeit der Kulturforen irgendwann obsolet machen könnte, glaubt der Diplomat nicht: "Es ist wie bei Öffentlichkeitsarbeit: Hört man damit auf, würde es noch ein paar Jahre nachlaufen und dann verebben." Entscheidend für den Fortbestand sei der ständige Perspektivwechsel. Warschau, das sich immer wieder neu erfinden musste, ist dafür ein Musterbeispiel. (Stefan Weiss aus Warschau, 2.6.2015)

  • Fügten polnische Dorfmusik und österreichische Jazzimprovisation zu einem meditativ-melancholischen Klangbild: Drehleier-Virtuose Matthias Loibner und die Combo von Janusz Prusinowski.
    foto: stefan weiss

    Fügten polnische Dorfmusik und österreichische Jazzimprovisation zu einem meditativ-melancholischen Klangbild: Drehleier-Virtuose Matthias Loibner und die Combo von Janusz Prusinowski.

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