Körperverletzungsprozess: Ein Chirurg, ein Türsteher und der Absacker

2. Juni 2015, 07:00
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Ein Security soll einen betrunkenen aggressiven Gast gestoßen und schwer verletzt haben. Die Versionen widersprechen sich völlig

Wien – Herr F. ist 54 Jahre alt, Unfallchirurg und war am 19. Jänner 2013 ziemlich dicht. "Ich würde sagen, mittelbetrunken", erzählt er Richter Roman Palmstingl. Mit 2,5 Litern Bier und einem Mojito feierte er mit einem Freund die bevorstehende Geburt seines ersten Sohnes. Am Ende des Abends hatte er eine gebrochene Rippe und Verletzungen an Daumen, Knie und Sprunggelenk.

Josef S. sitzt daher nun mit einer Anklage wegen Körperverletzung vor Palmstingl. Der 34-Jährige war damals Türsteher des Lokals "Bettelstudent" in der Wiener Innenstadt, als gegen 00.30 Uhr der Mediziner und sein Freund Einlass begehrten.

"Sie waren beide offensichtlich schwer betrunken", sagt der 1,92 Meter große Angeklagte. "Ich habe ihnen gesagt, dass sie alkoholisiert nicht hineinkommen", schildert der Unbescholtene ruhig.

Eine Viertelstunde Streit

Die Leider-Nicht-Gäste goutierten diese Entscheidung gar nicht. Zumindest nicht Herr F., der immer wieder versucht habe, die Tür zu öffnen. Zehn, fünfzehn Minuten sei das so dahingegangen. "Wir haben diskutiert, ich habe dann zwei Kollegen gerufen."

Wobei – diskutiert ist etwas schwach ausgedrückt. "Es hat Beschimpfungen gegeben", sagt S. über die Wortwahl seines Kontrahenten. "Was habt Ihr eigentlich gelernt?", hätten die Securitys beispielsweise zu hören bekommen.

Irgendwann sei der 1,80 Meter große Arzt rasch auf ihn zugekommen, im Reflex habe er ihn mit den Armen auf Distanz gehalten. "Da ist er auf den Hintern gefallen", schildert der Angeklagte. F. sei dann aufgestanden, zu ihm gekommen und habe gesagt: "So, jetzt tut mir mein Knie weh, jetzt zeige ich Euch an."

Unbescholtener Angeklagter

"Kann es sein, dass Sie doch wütend waren?", will die Staatsanwältin wissen. "Unentspannt war ich nicht. Aber in dem Job habe ich das fast täglich gehört. Ich bin an sich diplomatisch, daher habe ich in zwölf Jahren auch nie eine Vorstrafe bekommen."

F. erzählt eine völlig andere Geschichte. "Wir wollten noch ein wenig absacken gehen", sagt er zum Richter. Der Türsteher habe gesagt, das Lokal sei voll, was aber nicht so gewesen sei.

Dann muss der Zeuge stoische Ruhe bewahrt haben. Er sei zwischen den Türstehern und seinem Freund gestanden, und nur dieser habe diskutiert. Er habe überhaupt nichts gesagt. Plötzlich habe ihm der Angeklagte grundlos einen Schlag gegen den Oberkörper versetzt, er sei nach hinten auf die rechte Seite gefallen.

7.700 Euro Schmerzensgeld

Eineinhalb Tage später ging er aufgrund seiner Schmerzen ins Spital, es stellte sich ein Rippenbruch links heraus und Verletzungen am rechten Daumen, Knie und Sprunggelenk. Der Daumen tue ihm bei Belastungen auch heute, fast zweieinhalb Jahre nach dem Vorfall, noch weh. F. will daher auch ein Schmerzensgeld von 7.700 Euro.

Sein Freund unterstützt ihn als Zeuge. Eigentlich habe nur er, der Zeuge, diskutiert, das sei aber auf sachlicher Ebene abgelaufen. Es habe keinen Anlass für Aggressionen gegeben, plötzlich "muss bei F. ein Impuls gekommen sein, er ist an mir vorbei auf die rechte Seite gefallen", sagt er.

Wie auch F. ist er überzeugt, dass die Auseinandersetzung maximal fünf Minuten gedauert habe. Gleichzeitig ist er ebenso überzeugt, dass sie vor dem rechten Eingang des Lokals stattgefunden habe, während alle anderen Zeugen sagen, es sei der mittlere gewesen.

Drohung mit Anzeige

Die beiden anderen Türsteher bestätigen dagegen die Version des Angeklagten. Die abgewiesenen Gäste seien mehrmals lautstark ausfällig gewesen, als F. auf S. zukam, habe dieser ihn abgewehrt, der Arzt sei auf den Hintern gefallen. Einer der beiden kann sich auch dunkel an F.s Drohung mit einer Anzeige erinnern.

Der medizinische Sachverständige Wolfgang Denk kann der Hintern-Fall-Version wenig abgewinnen. Für ihn deutet das Verletzungsmuster auf einen starken Schlag gegen den Oberkörper hin, durch den Sturz seien dann die Verletzungen auf der rechten Seite entstanden.

Wie stark man zuschlagen müsse, um eine Rippe zu brechen, will Verteidiger Roland Kier von Denk wissen. "Es müssen rund 600 Newton sein, der Faustschlag eines Mannes hat etwa 800 Newton", lautet die Antwort.

Opfer "völlig lebensfremd"

In einem sind sich Anklägerin und Verteidiger in ihren Schlussplädoyers einig: Die Schilderung des Opfers und seines Freundes seien "völlig lebensfremd". Dass ein Türsteher grundlos Verstärkung rufen und motivlos zuschlagen sollte, sei nicht glaubwürdig.

Die Staatsanwältin sieht in dem Streit aber das Motiv des Angeklagten, während Kier genau wegen der dubiosen Zeugenaussagen an das Gericht appelliert: "Es darf nicht so sein, dass die Aussagen von zwei Akademikern mehr zählen als von drei Securitys!"

Tun sie für Richter Palmstingl aber. Er verurteilt S., nicht rechtskräftig, wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu eineinhalb Monaten bedingter Haft und der von F. geforderten Zahlung von 7.700 Euro. Türsteher ist S. übrigens nicht mehr. (Michael Möseneder, 1.6.2015)

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