Unternehmer Karl Wlaschek ist tot

1. Juni 2015, 20:04
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Er stieg vom mittellosen Musiker zum Supermarkt- und Immobilien-Milliardär auf: Karl Wlaschek. Am Sonntag ist er 97-jährig in Graz verstorben

Wien – "Sparsamkeit, Handschlagqualität, keine Aktien, keine Partner und nur Immobilien in Österreich kaufen." So hat Karl Wlaschek in einem seiner letzten Interviews die goldenen Regeln beschrieben, nach denen er zeit seines Lebens Geschäfte machte. Wlaschek war einer der ganz wenigen Selfmade-Milliardäre, die es in Österreich nach Kriegsende ganz hinauf geschafft hatten. Seine Entscheidungen traf der Unternehmer oft aus dem Bauch heraus – und immer allein.

Karl Wlaschek, am 4. August 1917 in Wien geboren, ist am 31. Mai mit 97 Jahren gestorben, an einer Lungenentzündung in einem Spital in Graz.

Begonnen hat Wlaschek seine Karriere als Student, der sechs Semester lang Chemie inskribiert hatte. Sein Startkapital betrug ganze 30.000 Schilling:Die hatte er sich als Musiker am Klavier erspielt. Eine Laufbahn, wie sie heute nicht mehr möglich wäre, räumte Wlaschek später selbst ein.

Zuletzt hat der medienscheue Unternehmer im Herbst 2011 von sich reden gemacht. Damals kaufte er der angeschlagenen Kärntner Hypo das Schlosshotel Velden um rund 50 Millionen Euro ab. Damit schloss sich ein Kreis: Im selben Hotel am Wörthersee hatte der junge Wlaschek nach dem Krieg mit seiner Fünf-Mann-Kapelle "Charlie Walker Band" aufgespielt. Ein Engagement, das sich lange Jahre materialisieren sollte: Wlaschek sicherte sich im Schlosshotel eine Juniorsuite – auf Lebenszeit.

1953 war mit der Musik Schluss. Der 36-Jährige eröffnete in Wien eine Diskontparfümerie und bewies PR- und kaufmännisches Talent. Ungewöhnlich für die damalige Zeit wurde an den Fenstern und Türen des Geschäfts in großen Buchstaben für kleine Preise geworben.

"Billiger Laden"

1961 folgte die Geburtsstunde von Billa. Bis dahin liefen Wlascheks Läden unter dem Namen WKW, damals taufte er sie in Billa ("Billiger Laden") um. Für die Farbgebung des Logos recherchierte der quirlige Geschäftsmann angeblich auf der Autobahn. Er beobachtete, welche Autofarben ihm besonders auffielen. Es waren Gelb und Rot, die Farben der Shell- und Maggi-Wagen.

Das erste Büro, so erzählen Wegbegleiter, die ihm bis zuletzt die Treue und Freundschaft hielten, war eher spartanisch eingerichtet: Nur die allernotwendigsten Möbel wurden angeschafft, im Übrigen behalf man sich unter Sparmeister Wlaschek mit Bananenkisten.

Ab 1969 diversifizierte der Kaufmann seine Aktivitäten weiter, erwarb die Verbrauchermarktkette Merkur und gründete 1977 die Buchhandelskette Libro, den Diskonter Mondo und die Schokothek. 1977 erstand Wlaschek auch die Litega AG (Matratzen, Textilwaren).

Rund 20 Jahre später sorgte Wlaschek für einen veritablen Paukenschlag im österreichischen und deutschen Handel. Abseits jeglicher Öffentlichkeit hatte er einen Deal mit dem Kölner Lebensmittelriesen Rewe eingefädelt und verkaufte selbigem die Billa-Gruppe quasi über Nacht und um kolportierte 15 Mrd. Schilling. Ein Coup, von dem zu dessen Leidwesen nicht einmal sein langjähriger Geschäftsführer und beruflicher Ziehsohn, Veit Schalle, geahnt hatte. Die Billa-Gruppe machte damals 45,8 Mrd. Schilling (3,3 Mrd. Euro) Umsatz und hatte an die 18.000 Mitarbeiter.

Konzentration vorausgesehen

Wlascheks Überlegung für den Verkauf lautete so: In Österreich würde im nächsten Jahrtausend nur eine Handvoll Lebensmittelketten bestehen bleiben. Billa, als die landesweite Nummer eins, würde zweifellos dazugehören. Aber: Um im europaweiten Konzentrationsprozess überleben und bestehen zu können, würde sogar Billa einen großen Partner brauchen. Wlaschek, ein Mann von klarem Kalkül und ohne romantische geschäftliche Anwandlungen, zog den logischen Schluss – und erkor die deutsche Rewe zum Garanten für den Fortbestand von Billa.

Der Verkaufsdeal lief tatsächlich unter allerhöchster Geheimhaltungsstufe ab. Einen Tag vor dem Verkaufsabschluss bei Rewe in Köln ließ Wlaschek seinen vier Stiftungsräten bestellen, sie mögen sich um 19 Uhr in der Kanzlei des Wiener Wirtschaftstreuhänders Günter Cerha einfinden. Mit knappen Worten teilte er den völlig Überraschten mit: "Ich werde morgen den gesamten Billa-Konzern an die deutsche Rewe-Gruppe verkaufen." Die Herren mögen doch hier und jetzt die dafür notwendigen Beschlüsse fassen. Karl Wlaschek sprach’s – und ließ seine Stiftungsräte perplex stehen. Sein Vertrauen, dass sie Billa erfolgreich ins nächste Jahrtausend führen könnten, war offenbar überschaubar.

Noch im selben Jahr 1996 bot Wlaschek beim Verkauf der Creditanstalt (CA) mit. 16 Milliarden Schilling bot er angeblich, zog sein Offert schlussendlich aber wieder zurück. Eigentlich hätte er nur die Immobilien der CA in seinen Besitz bringen wollen, gab er später zu. Was ihm später aber auch ohne Bankkauf gelang – wenn auch über einen Umweg: Wlaschek erwarb die Liegenschaften aus der Örag heraus, in der die CA ihre Immobilien gebündelt hatte.

Von da an etablierte sich der alte Herr als Immobilieninvestor, wenngleich er das auch schon während seiner Billa-Zeit gewesen war. "Ich bin zwar mit der Greißlerei wohlhabend geworden, habe aber nie vom Billa-Konzern gelebt, sondern immer von den Realitäten. Ich habe Grundstücke und Häuser gekauft, dort Billa-Filialen eingerichtet und habe dann als Privatmann Miete für die Filialen kassiert", wurde er zitiert. Auch nach dem Verkauf an Rewe musste der Billa-Konzern Miete an Wlaschek zahlen.

Über seine Stiftungen wurde Wlaschek größter privater Hausherr der Wiener Inneren Stadt. Er erwarb die schönsten Palais, wie Kinsky, Harrach, Esterhazy oder Ferstel. Zu seinem Besitz gehörten ebenso die Wiener Bürotürme Adromeda und Ares Tower. Sein Familienvermögen wuchs und wuchs – und wird heute auf über vier Milliarden Euro geschätzt. Er selbst zeigte sich bescheiden. Im Wiener Café Central, das ihm auch gehörte, pflegte er als hochbetagter Herr gern zu speisen, bestellt hat er dort "das Einser-" oder "das Zweiermenü".

Viele Ehen

So erfolgreich Wlaschek als Geschäftsmann war, so schwierig gestaltete sich sein Privatleben. Als Ehemann hat er sein Glück mehrmals versucht. Viel zitiert und legendär in diesem Zusammenhang ist Wlascheks Selbsteinschätzung: "Beim G’schäft bin i guat, bei de Weiber bin i a Depp." Drei Ehen wurden geschieden, seine vierte Frau, Karin, verstarb 2003. Am 14. April 2012 hat Wlaschek 94-jährig im engsten Kreis bei der Wiederöffnung "seines" Schlosshotels Velden noch einmal geheiratet, seine Lebensgefährtin Friederike Schenk. Aus erster bzw. zweiter Ehe hat Wlaschek eine Tochter (Marie-Louise) und einen Sohn, den 1974 geborenen Karl Philipp. Er ist beruflich in die Fußstapfen seines Vaters getreten und ebenfalls im Immobiliengeschäft aktiv. Aus der dritten Ehe stammt eine Stieftochter.

Beigesetzt werden soll Wlaschek quasi bei sich zu Hause in der Wiener Innenstadt: in seinem Mausoleum im Palais Kinsky auf der Freyung. Die marmorne Grabstätte hat er seinerzeit für seine verstorbene Frau Karin und sich selbst errichten lassen. (Renate Graber und Claudia Ruff, 1.6.2015)

  • Karl Wlaschek (1917 - 2015).
    foto: reuters/herbert neubauer

    Karl Wlaschek (1917 - 2015).

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