Kunstrestitution: Auch Private in die Pflicht nehmen

1. Juni 2015, 12:11
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180.000 Werke könnten aufgrund der Arisierung von Wohnungen alleine in Wien als Raubkunst gelten

Wien - Mit "Die Frau in Gold" feiert am heutigen Montagabend die Hollywoodversion eines der spektakulärsten Restitutionsfalles der heimischen Kunstgeschichte ihre Österreichpremiere. Die Rückgabe der "Goldenen Adele" an Maria Altmann war bereits am Vormittag Anlass für Experten, um über den Status quo der Kunstrestitution zu sprechen. Handlungsbedarf ortete man dabei bei Werken in Privatbesitz.

"Viel ist seither passiert, viel ist aber auch nicht passiert", urteilte Rechtsanwalt Andreas Nödl über die Zeit seit dem Schiedsspruch zum 1907 von Gustav Klimt gemalten Porträt "Adele Bloch-Bauer I" vor neun Jahren. Damals war er von Bloch-Bauer-Erbin Maria Altmann als Mitglied des Schiedsgerichts nominiert worden, heute ist er (noch) Vorstandsmitglied der Leopold Museums Privatstiftung. Dass Antragsteller bei Verfahren des Kunstrückgabebeirates nicht gehört werden, "empört auch heute noch". Bei Werken im Privatbesitz gebe es überdies "nach wie vor keine Handhabe". Deshalb richteteer einen Appell an Privatsammler: Nicht wegschauen, Provenienzen klären und für den Fall der Fälle mit Erben faire und gerechte Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung anstreben.

Österreich in Vorreiterrolle

Ähnlich argumentierte SPÖ-Kultursprecherin Elisabeth Hakel. Zwar nehme Österreich durch das Kunstrückgabegesetz und die Arbeit des Beirats mittlerweile eine "Vorreiterrolle" ein. Handlungsbedarf ortete sie jedoch, wenn es um Raubkunst in Privatbesitz geht: "Wir müssen Lösungen finden, wie man mit Fällen bei privater Kunstrückgabe umgehen kann." Mehr als die Diskussion darüber konnte sie allerdings nicht anbieten, konkrete Maßnahmen seien nicht geplant, erklärte sie auf Anfrage.

Kunstexperte Otto Hans Ressler spekulierte in diesem Zusammenhang von 180.000 Werken, die aufgrund der Arisierung von Wohnungen alleine in Wien wohl als Raubkunst zu titulieren wären. "Und selbst das könnte radikal zu tief gegriffen sein." Recht knapp brachte es der emeritierte Rechtsanwalt Nikolaus Lehner auf den Punkt: "Normen sind schön, aber der Vollzug fehlt." Die Öffentlichkeit müsse man für das Thema in jedem Fall sensibilisieren.

Lange zu wenig Bewusstsein

Auf die Nachfrage, ob durch die Versteigerung in Auktionshäusern ein "Weißwaschen" der Kunstwerke stattfinde, antwortete Nödl: "Es bleibt enteignet und nicht rückgestellt." Im Unterschied zu einer staatlichen Versteigerung könne man sich nämlich nicht auf den Gutglaubenserwerb berufen, so der Rechtsanwalt. Ressler, langjähriger Geschäftsführer der Kunstauktionen im Kinsky in Wien und mittlerweile mit Ressler Kunst Auktionen aktiv, gab aber zu bedenken, dass "auch unser Bewusstsein lange Zeit unterentwickelt war". Seit dem "Schockerlebnis" der Beschlagnahmung der "Wally" in New York habe es aber ein Umdenken gegeben. "Wir sind aufmerksam und versuchen, vernünftig und positiv auf die Problemstellung zu reagieren", so Ressler.

Nicht äußern wollte sich das Podium, das auf Einladung der Constantin Film zum Thema diskutierte, zum jüngst geäußerten Vorhaben des Altmann-Rechtsanwalts E. Randol Schoenberg, die Fälle von Klimts Porträt der Arztgattin Amalie Zuckerkandl sowie Jan Vermeers "Malkunst" wieder aufrollen zu wollen. Für den Kunstrückgabebeirat sind beide Fälle zwar erledigt, Schoenberg zeigt sich gegenüber "News" aber kämpferisch: "Wenn manche glauben, ein Fall sei abgeschlossen, gebe ich trotzdem nicht auf und mache weiter." (APA, kron, 1.6.2015)

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