Antigones Besuch im Lampenladen

1. Juni 2015, 10:58
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Im Wiener Burgtheater wurde die "Antigone" des Sophokles mit allerlei behübschenden Effekten aufgepeppt – nicht immer zum Besten der Aufführung

Wien – Die Antigone des Sophokles gehört zu den Gründungsdokumenten abendländischer Kultur. Der Gerichtsfall der Ödipustochter ist verzwickt. Antigone erhebt Einspruch gegen das Verdikt des Kreon. Ihr einer Bruder hat die Stadt Theben gegen den anderen verteidigt. Der eine, Verteidiger der Heimat, wird in allen Ehren beerdigt. Der andere wird als Aggressor identifiziert und soll unbegraben im Staub liegen bleiben.

Die beiden Prinzipien prallen jetzt im Wiener Burgtheater aufeinander. Der Stadtvater (Joachim Meyerhoff) stellt sein Verbot über alle Blutsbande. Antigone (Aenne Schwarz) entwickelt durch ihr stolzes Aufbegehren ein moralisches Überlegenheitsgefühl. Beide führen vor den Augen des alles kommentierenden Chores gute Argumente im Angebot. Regisseurin Jette Steckel ist das irgendwie nicht genug. Der wahre Held der Aufführung ist in ihren, vor allem aber in unseren Augen eine gigantische Lichtmaschine. Ein Hoch dem Verblendungszusammenhang.

Sprechchor und Chorlieder

Acht mal zehn Scheinwerfer bilden auf stählernem Gerüst ein strahlendes Geviert. Theben ist ein antiker Lampenladen (Bühne: Florian Lösche). Zu seinen Füßen wird recht eindrucksvoll gespielt. Kreon, ganz antiker König, bricht noch rasch eine Lanze übers Knie. Seine kleidsame Krone verrät die Selbstgefälligkeit des Autokraten. Der Bote (Philipp Hauß), der von der Übertretung des Bestattungsverbotes berichtet, muss den Hans Wurst geben, um sich der Ungunst seines Herrschers mit den Mitteln der Komödie zu erwehren.

Mit Schwarz hat die Wiener Burg eine famose Deklamationskünstlerin hinzugewonnen. Ihr holder Starrsinn vibriert und steckt voller spiritueller Kraft. Und doch misstraut Steckel der Grundkonstellation. Gleich zu Beginn muss der blinde Seher Teiresias (Martin Schwab) den Leonard Cohen geben (The Future). Die schönen Chorlieder werden aus den Seitenlogen gesungen und stammen aus den Musiklabors von Soap & Skin (Anja Plaschg) und den 1000 Robotas (Anton Spielmann). Der Sprechchor lungert im Parkett herum. Man kann nicht sagen, wunderbare Schauspieler wie Oliver Masucci (Chorleiter) würden besonders typengerecht eingesetzt.

Viel Licht, wenig Feuer

Steckels Antigone zündet nicht. Wie festgebannt bleibt Meyerhoff in einer Art Trance gefangen, ein Monarch von starrer Benommenheit. Immer dann, wenn die Abgründe gähnen und man meint, die Positionen wären untereinander nicht mehr zu vermitteln, wirft die Regie die FM4-Maschine an.

Zum wundermilden Gesang kommt die Ablenkung durch das Licht. Die Scheinwerfer stechen in die Augen, der antike Mythos wird zur Angelegenheit von Kilowattstunden. Fast unmerklich rutschen die handelnden Personen ins bürgerliche Zeitalter herüber. Man plündert die Kostümboutique. Zum Ende schließlich – Antigone ist tot, Kreons eigener Sohn gleich mitgestorben – bindet der König sich einen grauen Angestelltenschlips um den Hals: "Kein Mensch soll mich begraben".

So endet, pflichtschuldig akklamiert, mit ein paar grellen Farbtupfern von Mavie Hörbiger (Ismene) und Mirco Kreibich (Haimon) aufgehübscht, eine Aufführung, die ihrer eigenen Ratlosigkeit vor dem Mythos nicht über den Weg zu trauen scheint. (Ronald Pohl, 1.6.2015)

  • Antike Gipfelkonferenz: Joachim Meyerhoff als Kreon und Aenne Schwarz als Antigone.
    foto: apa/roland schlager

    Antike Gipfelkonferenz: Joachim Meyerhoff als Kreon und Aenne Schwarz als Antigone.

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