"Man lernt am meisten, wenn man fällt"

Interview4. Juni 2015, 14:37
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Vor der WM in Kanada ab Samstag spricht die deutsche Nationalspielerin Simone Laudehr über die Enttäuschung 2011, gewonnene Reife und Vergleiche mit den Männern

STANDARD: Eigentlich kann doch nur Deutschland Weltmeister werden, oder?

Laudehr: Schön wär's natürlich schon. Aber es gibt schon noch Mannschaften, die mithalten können. Die USA, die Schwedinnen, die Französinnen sind dieses Jahr auch stark. Ich denke, es wird ein heißer Fight um den ersten Platz.

STANDARD: Aber nichtsdestotrotz ist Deutschland der große Favorit.

Laudehr: Ja, natürlich. Wir haben sehr gute Spielerinnen, sind aber auch als Team sehr stark. Wir treten sehr diszipliniert auf. Wir sind gefährlich und immer für gute Spiele zu haben.

STANDARD: Vor acht Jahren haben Sie bei der WM in China das Tor zum 2:0-Finalsieg gegen Brasilien erzielt. Lässt sich dieses Erlebnis in Kanada toppen?

Laudehr: Für mich persönlich wäre es der zweite Weltmeistertitel. Das wäre natürlich überragend. Wir haben jetzt zwei K.-o.-Spiele mehr, dann ist es umso schöner, wenn man so einen Titel gewinnt. Und Kanada ist auch ein sehr, sehr schönes Land. Wir waren schon vor einem Jahr da. Man kann immer alles toppen. Man muss es aber auch genießen und zu 100 Prozent bereit sein.

STANDARD: Können Sie jetzt, mit Ihrer Erfahrung, Erfolge mehr genießen als früher?

Laudehr: Wenn man jung ist, ist man darauf fokussiert, alles zu erreichen. Jetzt habe ich schon alles erreicht. Als erfahrene Spielerin sieht man die Dinge anders. Jetzt schaut man darauf, dass man die jungen Spielerinnen mitzieht, dass man ihnen aber auch einmal sagt, dass sie gelassen bleiben und zwischendurch vom Fußball abschalten sollen. Ich selbst war als junge Spielerin so was von fokussiert auf jedes Spiel, auf jedes Training, da habe ich auch schon mal vergessen, zwischendurch etwas anderes zu machen. Wir haben eine gute Mischung im Team: Wir haben viele Erfahrene und viele Junge. Und wir haben sehr viel Spaß miteinander.

STANDARD: In Kanada wird auf Kunstrasen gespielt. Kommt Ihnen und Ihrem Team das entgegen?

Laudehr: Ich finde es überhaupt nicht gut, auf Kunstrasen zu spielen. Für mich ist Fußball immer noch Rasensport. Ich will den Rasen riechen und spüren. Ich bin kein Kunstrasentyp. Aber der Kunstrasen hat keine Unebenheiten, das heißt, die Pässe kommen präziser an. Ich glaube, dass dadurch vielleicht sogar die Qualität der Spiele besser sein wird. Wir haben viel und gut auf Kunstrasen gespielt und trainiert. Man muss sich immer erst einmal daran gewöhnen, weil nicht jeder Kunstrasen gleich ist. Aber wir haben das bisher immer sehr gut gemacht.

STANDARD: 2011 setzte es für Ihr Team eine große Enttäuschung, als es bei der Heim-WM im Viertelfinale am späteren Weltmeister Japan scheiterte. Inwieweit sind Sie persönlich daran gewachsen?

Laudehr: Natürlich lernt man am meisten, wenn man auch einmal hinfällt. So eine Niederlage – auch noch im eigenen Land – zu verkraften und danach wieder aufzustehen war schwer. Aber man muss lernen weiterzumachen, am nächsten Ziel zu arbeiten. Ich glaube, man gewinnt dadurch an Stärke, an Erfahrung. Man hat den Stolz weiterzumachen. Und man möchte dann auch für die nächste WM gerüstet sein.

STANDARD: Und das sind Sie?

Laudehr: Ja, ich denke schon. Wir hatten eine sehr lange Saison. Aber die Spielerinnen von Frankfurt, Wolfsburg und Bayern haben alle einen Titel geholt. Ich glaube, wenn man am Ende einer Saison etwas Positives erlebt, nimmt man das auch mit. Bis jetzt sind alle sehr gut drauf, sowohl was die Fitness betrifft als auch fußballerisch. Alle sind sehr engagiert. Deswegen glaube ich, dass wir sehr gut gerüstet sind.

STANDARD: Sehen Sie es ein bisschen wehmütig, dass Silvia Neid als Bundestrainerin abdankt?

Laudehr: Ihr Vertrag läuft noch bis 2016. Es ist ihre Entscheidung, ob sie nach der WM aufhört oder vielleicht noch bis Olympia weitermacht. Ich habe sie schon sehr lange als Trainerin. Sie war fast 34 Jahre unterwegs für den deutschen Fußball, als Spielerin, als Co-Trainerin, als Trainerin. Ich kann es verstehen, dass sie jetzt einen neuen Lebensabschnitt beginnen möchte.

STANDARD: Deutschland ist, was die Anerkennung des Frauenfußballs angeht, im Vergleich zu anderen Ländern sehr weit. Sehen Sie sich dennoch noch mit Machosprüchen konfrontiert?

Laudehr: Das war vielleicht früher so. Wir haben uns etabliert. Natürlich gibt es männliche Ex-Profis, die Sprüche bringen. Aber das interessiert uns wenig. Gerade die, die große Sprüche klopfen, haben selbst nicht so viel erreicht. Mir geht's nie schlecht bei meinem Sport. Ich finde, dass der Frauenfußball, vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Ländern sehr gut geworden ist. Deswegen, glaube ich, braucht sich der Frauenfußball nicht angreifen lassen. Wir können selbstbewusst nach vorne schauen.

STANDARD: Kann man als Fußballerin in Deutschland reich werden?

Laudehr: Den finanziellen Vergleich mit den Männern kann man nicht machen. Wir Frauen werden keine Millionen verdienen, was ich schade finde, weil wir sehr gut und viel trainieren. Aber man kann sehr gut leben, auch wenn man für die Sponsoren arbeitet. In den Vereinen werden auch gute Gehälter gezahlt. Ich persönlich arbeite auch noch als Sportsoldatin, bekomme dafür ein ganz gutes Gehalt.

STANDARD: Was hat der Frauenfußball aus Ihrer Sicht dem Männerfußball voraus?

Laudehr: Wir machen uns viele Gedanken über das Taktische. Ich denke, dass wir in diesem Bereich weit voraus sind. Die Männer sind dafür bei der Fitness und bei der Technik voraus. Männer sind einfach grundsätzlich schneller und haben eine größere Ausdauer. (Birgit Riezinger, 4.6.2015)

Simone Laudehr (29) hat seit 2007 88 Länderspiele für das deutsche Fußball-Nationalteam bestritten und dabei 24 Tore erzielt. 2007 holte die Mittelfeldspielerin mit ihrem Team den WM- Titel, 2009 und 2013 den EM-Titel. Mit ihrem Klub FFC Frankfurt gewann sie heuer die Champions League.

  • Simone Laudehr bestreitet in Kanada ihre dritte Weltmeisterschaft. Außer dem deutschen Meistertitel hat die Bayerin, die auf verschiedenen Positionen eingesetzt wird, schon alles gewonnen, was es im Frauenfußball zu gewinnen gibt. Vor acht Jahren erzielte sie den Treffer zum 2:0-WM-Finalsieg gegen Brasilien. In Kanada würde sie dieses Erlebnis gerne toppen.
    foto: epa/goulao

    Simone Laudehr bestreitet in Kanada ihre dritte Weltmeisterschaft. Außer dem deutschen Meistertitel hat die Bayerin, die auf verschiedenen Positionen eingesetzt wird, schon alles gewonnen, was es im Frauenfußball zu gewinnen gibt. Vor acht Jahren erzielte sie den Treffer zum 2:0-WM-Finalsieg gegen Brasilien. In Kanada würde sie dieses Erlebnis gerne toppen.

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