Wie Google Photos zum neuen Gmail werden soll

30. Mai 2015, 15:42
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Ein erster Blick auf den "neuen" Online-Fotodienst - Viel Licht, ein bisschen Schatten

Die (selbst)gesteckten Erwartungen könnten kaum größer sein: "Wir wollen für Fotomanagement das erreichen, was Gmail für die Mail-Verwaltung erreicht hat", betonte Google Vizepräsident Bradley Horowitz anlässlich der Vorstellung von Google Photos mehrfach. Was Horowitz damit meint: GMail sei damals auch nicht die erste Lösung ihrer Art gewesen. Aber erstmals hätten sich die Nutzer keine Sorgen über Speicherplatz und Organisation machen müssen. Und eben dieses Erfolgsrezept hofft man mit Google Photos reproduzieren zu können.

Emanzipationsbestrebungen

Doch was ist Google Photos eigentlich? Hört man Google zu, könnte man meinen, es handle sich um einen vollständig neuen Service, in Wirklichkeit ist das Ganze aber "nur" eine Weiterentwicklung jener Bildverwaltungslösung, die bisher innerhalb von Google+ residierte. Mit der Emanzipation vom sozialen Netzwerk verpasst man der Software aber gleich einige neue Funktionen, und nimmt so manche wichtige Änderung vor.

Angebot

Doch zunächst zu den wichtigsten Eckdaten: Google Photos ist als App für Android und iOS erhältlich, zudem gibt es unter photos.google.com einen eigenen Web-Client. Der Service versteht sich als Online-Fotospeicher, und zwar einer, der unlimitierten Speicherplatz bietet, wie Google verspricht.

grafik: google
Plattformagnostisch. Google Photos gibt es für Android, iOS und das Web.

Nachgeprüft

Im Detail ist das zwar eine - wohl aus Provider-Mund entlehnte - kreative Auslegung des Worts "unlimitiert", das Angebot kann sich aber trotzdem sehen lassen. Bilder mit bis zu 16 Megapixel können kostenlos hochgeladen werden, bei Videos lautet die Grenze 1080p. Möglich wird dies dadurch, da Google sämtliche Bilder neu komprimiert, wie das Unternehmen erläutert. Technische Details zur Umsetzung verrät man zwar nicht, die Speicherersparnis soll aber signifikant sein, und dies ohne sichtbaren Qualitätsverlust, wie man mit einigen Beispielfotos zu demonstrieren versucht. Auf diesen sind dann auch tatsächlich mit freiem Auge keine Unterschiede wahrzunehmen.

Kauf

Wem das nicht gefällt, oder wer größere Bilder und Videos hochladen will, dem bleibt eine zweite Option: Sich bei Google Drive den nötigen Speicherplatz kaufen. Dann bleiben all die eigenen Aufnahmen beim Upload vollkommen unverändert, dies inkludiert auch RAW-Dateien. Apropos Hochladen: Wie gewohnt, erfolgt dies automatisch, und zwar zumindest wenn man in einem WLAN ist mit beeindruckender Geschwindigkeit.

grafik: google
Google verspricht: Mit freiem Auge soll die automatische Komprimierung nicht wahrnehmbar sein.

Flinke Angelegenheit

Beim User Interface hat Google ganze Arbeit geleistet: Sowohl im Web als auch unter Android agiert es äußerst schnell. Im Vergleich zum Vorgänger sind im Android-Client einige Übergangsanimationen hinzugekommen. Auch gibt es jetzt mehrere Ansichten, zwischen denen mittels Pinch-to-Zoom-Geste oder Menüeintrag gewechselt werden kann. Ähnlich wie bei einem Kalender finden sich hier Monats- und Tagesansichten, auch eine "Comfortable View" ist vorhanden, die Fotos schon in der Vorschau die volle Breite des Displays zugesteht. Ganz weg ist hingegen die Idee einer Highlights-Ansicht, es werden also jetzt wieder von Haus aus alle Bilder dargestellt.

Wer teilet...

Sehr nett sind auch die integrierten Sharing-Funktionen geworden: Geteilte Aufnahmen werden dem Gegenüber auf einer eigenen Webseite übersichtlich dargestellt. Wer sich über seine Privatsphäre sorgen macht, kann in den Einstellungen festlegen, dass beim Sharen die Geodaten automatisch entfernt werden. Diese geteilten Seiten versammelt Google Photos in einer eigenen Ansicht, in der Zugriff auch schnell wieder entzogen werden kann.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Das Web-Interface von Google Photos konzentriert sich auf das Wichtigste

Social Media

Aber natürlich können Bilder auch klassisch mit sozialen Medien oder anderen Apps geteilt werden. Im Web-Client werden hier von Haus aus Google+, Twitter und Facebook aufgelistet - man gibt sich jetzt also neutral in dieser Hinsicht.

Verlorengegangene Bearbeitungsfunktionen

Zumindest ein Bereich hat im Vergleich zum Google+-Ahnen aber ein ordentliches Downgrade erfahren: Die Bildbearbeitung. Hier sind nun deutlich weniger Postprocessing-Funktionen verfügbar als zuvor. Google hat sich wohl im Sinne einer einfacheren Nutzung für eine Schlankheitskur entschieden. Damit wäre auch die Frage geklärt, warum Google vor kurzem eine neue Version seiner Bildbearbeitungs-App Snapseed veröffentlicht hat, die bislang die Basis der entsprechenden Funktionen in Google+ gebildet hat.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Früher gab es mal mehr Bearbeitungsfunktionen. Die aktuellen funktionieren aber zumindest und sind konsistent über die Plattformen hinweg verfügbar.

Gebremste Automatismen

Eine weitere wichtige Änderung: Die automatische Verbesserung von Fotos, wie sie bei Google+ noch Default war, wird nun nur mehr auf expliziten Wunsch - und pro Foto vorgenommen.

Deep Learning

Die Bilderkennung war schon immer eine der großen Stärken von Google, kann der Softwarehersteller hier doch all seine Expertise im Bereich Deep Learning ausspielen. Bei Google Photos geht man nun aber noch einen Schritt weiter: Alle Aufnahmen lassen sich nach Personen, Orten und Dingen sortieren. Diese Darstellung versteckt sich hinter der Suchfunktion, ein Klick ins entsprechende Feld offenbart sie.

Privacy-Argumente

Google betont in diesem Zusammenhang, dass es sich genau genommen eigentlich um gar keine wirkliche Personenerkennung handle, es werde also nie eine reale Identität zugeordnet. Dies sei auch einer der Gründe, warum man Google Photos vom sozialen Netzwerk getrennt habe. Gerade bei Fotos sei der Wert der Privatsphäre sehr hoch anzusetzen. Entsprechend betrachte man jeden Account auch als Silo, all die gesammelten Informationen würden ausschließlich für diesen einen User eingesetzt, mehr nicht. So zumindest das aktuelle Versprechen von Google.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die "Comfortable View" der Google Photos App.

Effektiv

Das Ergebnis der automatischen Kategorisierung kann sich jedenfalls sehen lassen. Gerade die Personenzuordnung liefert verblüffend exakte Ergebnisse. So werden etwa auch Kinder in unterschiedlichen Altersstufen - bis zum Kleinkind - korrekt zusammengefasst. Eine Liste solcherart sortierter Bilder kann also schon mal eine kleine Zeitreise darstellen. Zumindest für US-Nutzer: Im deutschsprachigen Raum steht die Gruppierung nach Personen nämlich nicht zur Verfügung, hier will man sich wohl Privacy-Diskussionen ersparen.

Auch "Dinge" werden mit sehr hoher Zuverlässigkeit erkannt: Zwar wird ab und an mal eine Katze als Hund erkannt, dafür kann das System zum Teil sogar unterschiedliche Hunderassen erkennen. Hochhäuser, Schiffe oder Flugzeuge stellen ohnehin keinerlei Problem mehr dar.

Aufenthalt

Wo Geolocation-Daten mitgespeichert wurden, ist die Ortsbestimmung einfach. Aber auch sonst nutzt Google Photos so manchen Trick, um den Aufnahmeort zu bestimmen. So werden in der Bildanalyse etwa zahlreiche Sehenswürdigkeiten erkannt. Damit weiß man dann nicht nur den ungefähren Aufnahmeort eines Bilds sondern all jener, die in einer gewissen zeitlichen Nähe erstellt wurden.

Geschichten

Eines der netteren Features von Google+ waren sicher die Foto-Stories, die Reisen oder Events automatisch zu einer Geschichte zusammenfassten. Diese gibt es bei Google Photos weiterhin, allerdings heißen sie hier jetzt Collections. Vor allem aber können sie jetzt auch endlich manuell erstellt werden.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Stories heißen jetzt Collections.

Assistent

Apropos Umbenennungen: Statt den "Autoawesomes" gibt es nun einen "Assistenten", der sich automatisch um die Erstellung von animierten GIFs, Kollagen und Highlight-Movies kümmert. All das ist natürlich auch wieder manuell initiierbar - wenn auch derzeit nur am Smartphone.

Aufräumen

Eine durchaus nützliche Kleinigkeit: Google Photos will beim Aufräumen behilflich sein. Fotos, die vor mehr als 30 Tagen gespeichert wurden und online ein Backup haben, können mit einem Touch vom Smartphone gelöscht werden, wodurch wieder neuer Platz freigeschaufelt wird. Und im Gegensatz zum Google+schen Vorgänger, werden im Web-Client gelöschte Fotos nun endlich auch automatisch vom Smartphone entfernt.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die Einstellungen von Google Photos erlauben unter anderem den Abgleich mit Drive.

Drive

Neben dem eigenen Google Photos-Interface können Bilder natürlich auch weiterhin über Google Drive gemanaget werden, der Wechsel zwischen den beiden Ansätzen ist dabei nahtlos. Diese Verschränkung ist vor allem für jene interessant, die die Fotos laufend über den Google-Drive-Client auf einen heimischen Rechner synchronisieren wollen.

Fazit

Mit dem neuen Google Photos legt das Unternehmen der Konkurrenz einiges vor. Für viele Nutzer werden die 16 Megapixel und 1080p-Videos tatsächlich ausreichend sein, womit das Angebot für sie vollständig kostenfrei ist. Dazu kommt, dass Photos mit der Macht des Google-Wissens im Hintergrund einige herausragende Features mit im Gepäck hat - die auch tatsächlich funktionieren. Die zentrale Frage vor der Nutzung von Google Photos bleibt aber natürlich ob man seine Fotos ganz prinzipiell einem Online-Speicher anvertrauen will - und im speziellen einem, der von Google betrieben wird. (Andreas Proschofsky, 30.6.2015)

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