Bildung ohne Wert: Mikromaster und Minidoktor

Essay30. Mai 2015, 09:00
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Überlegungen zur Wissensindustrie: Je mehr Menschen akademische Titel erwerben, desto geringer scheint deren Wert. Warum ist das so?

"Bildungsillusionismus", so nannte der Soziologe Pierre Bourdieu die Hoffnung, über akademische Abschlüsse eine bessere gesellschaftliche Stellung zu erzielen. "Das Auseinanderklaffen zwischen den vom Bildungssystem genährten Hoffnungen und Erwartungen auf der einen, den Chancen, die es in Wirklichkeit anbietet, auf der anderen Seite ist in einer Phase der Inflation von Titeln ein strukturelles Faktum, das ... alle Angehörigen einer Schulgeneration in Mitleidenschaft zieht", heißt es in Die feinen Unterschiede. Das Buch ist von 1979. Man mag sich wundern, dass schon vor 36 Jahren von einer "Überproduktion von (Bildungs)-Titeln" und einer "sich daraus ergebenden Abwertung" die Rede war. Dabei gab es damals noch nicht einmal die Bologna-Bachelor und -Master. Bourdieu sprach von den Profiteuren einer Bildungsöffnung der 1960er- und 1970er-Jahre als einer "geprellten Generation", und er glaubte, dass deren Enttäuschung darüber, "für ihre Bildungstitel weniger zu erhalten als ihre Vorgänger-Generation", ein Auslöser für die Studentenunruhen von 1968 gewesen sei.

Rückblickend erscheinen die 1960er- oder auch die 1980er-Jahre noch als himmlische Zeiten, was die Exklusivität von Hochschulabschlüssen und den damit verbundenen Distinktionsgewinn angeht. Denn seither hat sich die AkademikerInnenquote bekanntlich konstant und rapide vermehrt. Studierten 1960 in Österreich gerade einmal 38.500 Personen, waren es 1980 schon 115.600. Das Wintersemester 2014/14 zählte laut Statistik Austria insgesamt 376.710 Studentinnen und Studenten an österreichischen Universitäten und Fachhochschulen. Binnen 50 Jahren hat sich die Zahl der Studierenden also verzehnfacht. Ein großer Bildungserfolg.

Akademikerquote steigt

Aber nicht nur die Quote der AkademikerInnen steigt, sie lag 2011 in Österreich bei 19 Prozent der Bevölkerung (OECD-Schnitt: 32 Prozent), sondern auch die Anzahl der Fächer. Im Zuge der Bologna-Reform und der breitflächigen Verhochschulung aller möglichen Inhalte haben sich die Studiengänge rasant vermehrt.

Der "Hochschulkompass" für Deutschland zeigt derzeit rund 17.940 Studiengänge an 400 Hochschulen, in Österreich nennt die vom bmwfw herausgegebene Broschüre "Wissenschaft in Österreich" 1462 Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen im Jahr 2013; das Fachhochschulportal im Internet führt allein 1230 verschiedene FH- und Weiterbildungsstudiengänge für Österreich an, "Brand- und Luxury-Management" sind da im Angebot, "Akademischer Immobilienmakler" oder ein Master in "Interkulturelle Kompetenzen". Nicht nur an den Fachhochschulen blüht diese bunte Vielfalt, auch an den Universitäten löst sich das klassische Set des Fächerkanons zunehmend auf; an der WU Wien zum Beispiel, so berichtet eine dortige Professorin, spielen die herkömmlichen wissenschaftlichen Disziplinen de facto kaum mehr eine Rolle, weil sich das Studium ja in Modulen aufbaut, die sich mal aus dem einen, mal aus dem anderen Fach bedienen. Etliche der akkreditierten Studienprogramme verschwinden nach einer Weile auch wieder, es ist also gut möglich, dass es das eigene Fach - etwa "Abenteuer- und Erlebnispädagogik" - nach ein paar Jahren schon nicht mehr gibt. "Fächerdämmerung" nennt diesen Prozess Konrad Paul Liessmann und spricht in seinem im letzten Herbst erschienenen Buch Geisterstunde auch von "Entwissenschaftlichung unter dem Titel der Akademisierung".

Ist das nun eine gute oder schlechte Entwicklung? Die Bologna-Reform hat keinen besonders guten Leumund, aber es soll hier nicht darum gehen, die - zu Recht geäußerten - Kritikpunkte im Einzelnen zu wiederholen oder in eine wohlfeile Klage einzustimmen, die sich im "Früher war es besser" wiegt.

Vielmehr interessiert mich eine an Bourdieu anknüpfende Frage, nämlich ob eine Vermehrung der akademischen Titel notwendig auch zu deren Entwertung führt und, wenn ja, in welcher Hinsicht und warum das eigentlich so ist.

Fakt scheint zu sein, dass akademische Titel zwar wichtiger werden, ihr Wert aber sinkt. Immer wieder hört und liest man die Klagen über schwache Studienleistungen, mangelnde Qualität der Bachelor- und Master-Abschlüsse.

In Deutschland gehört die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu den großen Kritikerinnen der Bologna-Reform. Hin und her gehen die Bälle. Ende April zitierte die FAZ (23. 4.) eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, wonach die Bachelor-Absolventen erheblich hinter den Anforderungen der Arbeitgeber zurückblieben. Kurz darauf berichtete die Süddeutsche Zeitung (30. 4.) von einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, die das Gegenteil besagte und zudem belegen wollte, dass Berufseinsteiger mit Bachelor gar nicht so viel weniger verdienen als solche mit einem Masterabschluss.

Wer auch immer hier recht behält, das Ansehen der neuen akademischen Abschlüsse, also das, was Bourdieu das "symbolische Kapital" genannt hätte, ist prekär. Und offenbar sinkt es, wenn sich die Ausbildung zu sehr den Marktmechanismen beugt. Denn eigenartig, mit der Bologna-Reform tat man ja alles dafür, die Studienfächer dem Markt, also der Nachfrage, anzupassen. Doch je mehr man sich hier anschmiegt, um so luftiger scheinen die Abschlüsse zu werden, als sei da ein automatischer Verramschungsmechanismus am Werk.

Angebot und Nachfrage

Noch einmal also die Frage: Warum zählt ein Doktor auf 100 Menschen mehr als zehn Doktoren unter 100? Die Antwort scheint klar, und sie hat etwas mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage zu tun, das immer mit Knappheit rechnet. Je rarer ein Gut, desto wertvoller wird es - wenn es denn nachgefragt ist. Gemäß der magischen Formel der "unsichtbaren Hand des Marktes" gleichen sich Angebot und Nachfrage im Preis aus. Ist eine Ware knapp, die Nachfrage groß, steigt ihr Preis; vermehrt sich das Angebot, sinkt auch die Nachfrage und damit der Preis wieder. Weil sich im Marktgesetz die Käufer, die wenig zahlen wollen, und die Anbieter, die verdienen wollen, sozusagen gegenseitig erpressen, pendeln sich idealerweise Angebot und Nachfrage aus und treffen sich im Kreuzungspunkt eines Gleichgewichts. Ganz abgesehen davon, dass der ideale Markt natürlich so ideal nie funktioniert, ist es schon auch ein irgendwie paradoxer Effekt, dass Preis und Ansehen zwar steigen, je rarer und exklusiver ein Produkt ist, es aber um so verkäuflicher wird, je mehr Menschen es haben wollen und bezahlen können. Folglich führt der Markt zu einem gewissen Downgrading, sowohl was die Inhalte als auch was die erzielbaren Preise angeht. Eine Entwertung findet statt, weil sich das Angebot so lange steigert, bis der Preis sinkt. Entwertung tritt aber auch ein, weil immer schneller produziert werden muss, damit noch etwas von der Gewinnspanne bleibt.

In der Informationsgesellschaft wird Wissen zu einer wesentlichen Produktivkraft, also auch zur Ware, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Nur unterliegen Wissen oder auch kulturelle Güter damit derselben Logik wie jeder industriell gefertigte Kochtopf: Mehr davon in weniger Zeit zu produzieren bringt den Profit. Dabei sinkt der Wert des Einzelstücks, des akademisch errungenen Titels oder der wissenschaftlichen Publikation, und zwar sowohl hinsichtlich der "symbolischen Ökonomie" - je mehr davon auf dem Markt ist, desto weniger scheinen sie wert - als auch bezogen auf die Inhalte. Denn bei Wissensgegenständen - wie bei etlichen anderen Gütern, die reifen müssen - ist Zeit ja ein Faktor, der sich nur auf Kosten der Qualität rationalisieren lässt. Je schneller Wissen produziert werden muss, desto dünner wird das Eis.

Die "Ökonomisierung der Wissensproduktion", wie sie in den letzten 20 bis 30 Jahren stattgefunden hat, ist in ihren Mechanismen oft beschrieben und in ihren Folgen beklagt worden. Ein Stichwort in dieser Debatte ist die Umstellung der Universitäten auf Drittmittelfinanzierung, das heißt, dass Basisbudgets der Unis sinken und Forschungsgelder aktiv eingeworben werden müssen. Die akademische Arbeit besteht also zu einem beträchtlichen Teil darin, Gelder zu akquirieren, um dann mit der gewährten Finanzierung die nächste Finanzierung zu beantragen. Das Denken läuft im Kreis des Antragskarussells.

McDonald's-Campus

Flächendeckend hat sich an den Universitäten der Geist quantifizierbarer Größen und Rankings durchgesetzt. So sind Lehrende angehalten, möglichst viele Bachelor-, Master-, Promotionsabschlüsse zu produzieren, weil sonst im Studiengang Gelder oder Lehrzeiten gestrichen werden. Auf die Masse kommt es an. Auch beim Wert der wissenschaftlichen Publikation, der sich am "impact fac-tor" und "citation index" bemisst, sozusagen an der "Einschaltquote" im akademischen Betrieb.

Der in Zürich lehrende Wissenschaftshistoriker Michael Hagner hat jüngst in seiner Schrift Zur Sache des Buches detailliert beschrieben, wie Wissenschaftsverlage mittlerweile als Megakonzerne agieren, die mit dem akademischen Publikationswesen, dessen Ausstoß sich alle 15 Jahre verdoppelt, satte Gewinne einfahren. Wer das Gruseln lernen will, lese Hagner.

Natürlich hat die Ökonomisierung auch Vorteile. Wissen ist nachgefragt und Bildung ein Wert, weshalb selbst Orchideenfächer heute nicht mehr unter demselben Legitimationszwang stehen wie noch vor 20 Jahren. Mit einem Master in Archäologie lässt sich notfalls auch ein Museumsshop aufmachen. Der Pferdefuß an der Sache ist natürlich, dass Wissen, wo es sich verwerten muss, mit der alten Bildungs- und Wissenschaftsidee, die sich am Ideal des Selbstzwecks orientierte, nicht mehr viel zu tun hat.

Jetzt geht es darum, das Angebot der Nachfrage anzuschmiegen oder gar Nachfrage zu generieren. Bildungsinstitutionen - die am besten Hochschule heißen oder Akademie, selbst McDonald's bildet Lehrlinge an einem "Campus" aus - bieten Wissen für die Kunden an, die wiederum dieses Wissen später als "Kompetenz" auf dem Markt verkaufen. Ein schöner Kreislauf ist das, und auch hier verkürzt und vermehrt sich etwas, denn die Bildungszyklen laufen schneller, werden dafür aber häufiger. In Zeiten des lebenslangen Lernens boomt der Weiterbildungsmarkt wie nichts, und das schafft Arbeitsplätze - prekäre natürlich - für die Abgänger der Hochschulen, die ihr Wissen dann wieder in Lehraufträgen und Kursen weitergeben können. Ironischerweise ist die Bezahlung oft um so besser, je kürzer die Seminare sind, das heißt je weniger Lebenszeit sie die Lernenden kosten.

Aber ist, was in der Masse auftritt, wirklich weniger wert? Nicht unbedingt. Neben dem beschriebenen Vermassungs- und Beschleunigungsmechanismus gibt es einen zweiten Haken am Gesetz von Angebot und Nachfrage: Der Marktpreis hat mit dem objekti-ven Wert einer Sache nicht viel zu tun. Dieses oft als "Wertparadox" beschriebene Phänomen ist lange bekannt. Das notwendige, aber reichhaltig vorhandene Wasser koste (solange wir es nicht privatisieren) fast nichts - im Gegensatz zum ziemlich unnützen, aber seltenen Diamanten, bemerkte der schottische Nationalökonom und Glücksspieler John Law noch vor Adam Smith. Wie wahr.

Auf dem Markt, gerade in Zeiten der Sättigung, hängt der Tauschwert nicht am Gebrauchswert. Welchen Preis etwas hat - auch welche Wissenschaft hier als zukunftsfähig betrachtet wird - hängt zum größten Teil an subjektiven und auch modischen Bewertungen. Auch dass Seltenes wertvoller sein soll und den Preis heraufsetzt, hat mit "objektivem Wert" erst einmal nichts zu tun, sondern mit Marktdenken, also dem angeblichen Naturgesetz der Konkurrenz unter Bedingungen der Knappheit.

Für den Bildungsdiskurs sollte man sich das hinter die Ohren schreiben. Denn die Furcht vor einer "Überakademisierung", wie sie oft von Skeptikern geäußert wird, die Furcht auch, ei-nen Disktinktionsgewinn einzubüßen, weil jetzt zu viele Menschen zu vieles erforschen, ist im Grunde einem ökonomischen Vorurteil geschuldet, dem zufolge symbolisches Kapital weniger wird, wenn viele es haben. In gewisser Weise befleißigen sich auch die Kritikerinnen der Bologna-Reform eines Marktdenkens, nur eben mit anderer Intention, als die Funktionäre der Reform es tun oder die Apologetinnen der Mint-Fächer.

An Marx denken

Abstrakt und "an sich" betrachtet, müsste die Qualität, also der sachliche Wert eines Gegenstandes, einer Dienstleistung oder eines Wissens unbeeinflusst davon sein, ob es nun viel davon gibt oder wenig. Eine unter 100 gut ausgebildeten Doktorinnen kann nicht weniger wert sein als eine unter zehn gut ausgebildeten. Weniger wert wird sie nur unterm Diktat der Konkurrenz und hinsichtlich der ebenfalls am Markt orientierten Nützlichkeit.

Nichts scheint heute plausibler als die Logik, der zufolge der Wert einer Sache sich vornehmlich an der Nachfrage orientiert. Diese sogenannte "subjektive Wertlehre" ist hegemonial geworden. Sie ist aber nicht der einzige Bewertungsstandpunkt, den man einnehmen kann. Es gäbe zum Beispiel auch die sogenannte "objektive Wertlehre", die mit dem Namen Karl Marx verbunden ist. Mir als Nichtökonomin will nicht ganz einleuchten, warum diese Lehre als komplett überholt gilt. Marx bestimmte den Wert einer Ware unter anderem durch die in sie investierte menschliche Arbeitszeit. Sicher gibt es gute Gründe, das Marktgeschehen heute nicht nach Marx' Kategorien zu berechnen, aber vielleicht sollte doch man hin und wieder an sie erinnern. Bei Handwerksprodukten, bei Lebensmitteln wie Käse und Wein ist uns selbstverständlich, dass die in sie gesteckte Zeit und Sorgfalt als Gütekriterium gilt und sich im Preis mit ausdrückt. Slow Food setzt sich als Idee durch, warum nicht auch Slower Education?

Der Witz ist, dass vieles von dem, was später einmal vielleicht verkauft werden kann, nur außerhalb des Marktes wächst, dass der Markt auf Güter baut und mit Gütern handelt, die unter Marktbedingungen gar nicht entstehen könnten. Wissen gehört dazu. Die Qualität in Sachen Bildung geht nicht verloren, weil zu viele Studierende die Unis besuchen, sondern weil zu viele in zu kurzer Zeit von zu wenigen Lehrenden in zu vielen auf schnelle Verwertbarkeit ausgerichteten Dingen ausgebildet werden sollen. (Andrea Roedig, Album, 29.5.2015)


Andrea Roedig, geb. in Düsseldorf, lebt seit 2007 als freie Publizistin in Wien. Anfang Mai erschien die von ihr mitherausgegebene Zeitschrift "Wespennest" Nr. 168 zum Thema "Ramsch".

  • In der Informationsgesellschaft wird Wissen zu einer wesentlichen  Produktivkraft, also auch zur Ware, was nicht unbedingt schlecht sein  muss.
    foto: corbis

    In der Informationsgesellschaft wird Wissen zu einer wesentlichen Produktivkraft, also auch zur Ware, was nicht unbedingt schlecht sein muss.

  • Selbst McDonald's bildet Lehrlinge auf dem "Campus" aus, bietet Wissen  für die Kunden an, die dieses Wissen später als "Kompetenz" verkaufen.
    foto: corbis

    Selbst McDonald's bildet Lehrlinge auf dem "Campus" aus, bietet Wissen für die Kunden an, die dieses Wissen später als "Kompetenz" verkaufen.

  • Andrea Roedig
    foto: alexandra grill

    Andrea Roedig

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