Das Problem der Kontenöffnung ist die Geschwätzigkeit

Blog30. Mai 2015, 19:16
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Nur weil die Vertraulichkeit so selten gewahrt wird, ist das Ende des Bankgeheimnisses ein Problem

Wenn die Schweden kein Problem damit haben, dass ihnen die Finanz in ihre Konten schauen darf, ein vergleichbarer Vorschlag in Österreich aber einen Sturm der Entrüstung auslöst, dann hat das einen handfesten Grund: Die schweigsamen Schweden können davon ausgehen, dass sich ihre Beamten an die Regeln der Vertraulichkeit halten und die privaten Daten tatsächlich unter Verschluss bleiben.

In Österreich wird traditionell über alles und jeden getratscht. Weiß ein Finanzbeamte, wo ein prominenter Bürger zuletzt eingekauft hat, weil die Bankomat-Transaktion im Kontoauszug vermerkt ist, dann ist es gut möglich, dass er dies weiter erzählt – am Arbeitsplatz, zu Hause oder unter Freunden am am Stammtisch.

Wissen ist die wichtigste Währung

Wenn man etwas Interessantes zu erzählen hat, wäre es ja unfair, dies anderen vorzuenthalten. Schließlich lassen die anderen einen auch so wissen, was sie während eines Tages erfahren haben. Wissen ist die wichtigste Währung der Tratschkultur, und Diskretion ist eine überschätzte Tugend, die in Österreich doch nicht ganz so ernst genommen wird.

Diese Offenheit hat auch ihre guten Seiten. Sie gleicht ein wenig das absurde Festhalten am überholten Amtsgeheimnis aus und bringt etwas Licht in den verschlossenen Verwaltungsstaat. Viele Journalisten profitieren davon, dass auch Informationen und Akten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, doch herauskommen.

Ärzte erzählen über Patienten

Aber es bedeutet, dass sich der Bürger oft um seine persönlichen Daten Sorgen machen muss. Ärzte erzählen im kleinen Kreis recht ungehemmt über Patienten, Anwälte über Klienten, und selbst bei Bewerbungsgesprächen in Unternehmen erfährt man mehr über die Unternehmenskultur und die Marotten einzelner Mitarbeiter, als es eigentlich zulässig wäre.

Gerüchte verbreiten sich in Windeseile, weil jeder das, was ihm unter Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt wurde, doch zumindest einer Person weitererzählt – natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

Liebenswerter Nationalcharakter

Diese Geschwätzigkeit gehört zum Nationalcharakter und macht Österreich für viele auch liebenswert. Ohne sie wäre es wohl vertretbar, dass Finanzbeamte öfter und leichter Einblick in private Konten erhalten.

Schließlich ist Steuerehrlichkeit ein ebenso hohes Gut wie Datenschutz – allerdings nur, wenn man sich darauf verlassen kann, dass nur die zuständigen Stellen die höchst persönlichen Dinge erfahren. (Eric Frey, 30.5.2015)

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