LG G4 im Test: Androids neuer Kamera-Champion

7. Juni 2015, 14:10
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Tolle Bilder dank Laser-Autofokus und RGB-Sensor - flotte Hardware und überfrachtetes System-Interface

Neues Jahr, neues Glück. Nach HTC, Samsung und Sony hat auch LG sein diesjähriges Smartphone-Flaggschiff an den Start gebracht. Mit der G-Reihe, die einst mit dem "Optimus G" ihren Anfang genommen hat, hat der koreanische Konzern sich in den vergangenen Jahren wieder nach vorne gespielt. Nicht unwesentlich dafür war wohl auch die Zusammenarbeit mit Google, baute LG doch im Auftrag des Konzerns das Nexus 4 und 5.

Das LG G4 setzt dort fort, wo das G3 letztes Jahr aufgehört hat und setzt vor allem auf punktuelle Änderungen. Insbesondere mit einer guten Kamera will man die Konkurrenz ausstechen. Der WebStandard hat sich das Android-Handy näher angesehen.

foto: derstandard.at/pichler

Betrachtet man die Vorderseite, hat sich optisch bei diesem Generationssprung nicht viel geändert. Bildschirmdiagonale (5,5 Zoll) und das grundsätzliche Gehäusedesign mit leicht geschwungenen Kurven am oberen und unteren Rand sind gleich geblieben. Jedoch ist das Gerät mit 148,9 x 76,1 x 9,8 Millimeter etwas dicker, sowie rund zwei Millimeter höher und breiter als sein Vorgänger. Das macht es einen Tick weniger komfortabel, es zu halten. Trotzdem liegt es immer noch wesentlich angenehmer in der Hand als andere Smartphones mit einem 5,5-Zoll-Bildschirm, etwa das OnePlus One.

Am Konzept der Rückseite – hier sind neben der Hauptkamera auch die Lautstärketasten und der Ein/Aus-Schalter angebracht – hält LG ebenfalls fest. Anstelle einer klassischen Kunststoffabdeckung setzt man nun einen Materialakzent und hüllt die Abdeckung in Echtleder. Ob so etwa gefällt, ist freilich Geschmackssache. Subjektiv beurteilt wirkt die Rückseite so, als würde LG mit ein bis zwei Jahren Verzögerung Samsung imitieren, wo man einst ebenfalls den Leder-Look für sich entdeckt hat. Dazu schließt die Hinterseite in ästhetischer Hinsicht auch nicht besonders schön mit dem Rest des Gehäuses ab, was allerdings nichts an der allgemein guten Verarbeitungsqualität ändert. Zudem gibt es auch eine Ausführung ohne Lederaufsatz.

Zugute halten darf man dem G4 allerdings, dass das Gerät sicher in der Hand liegt und sich nun auch die Lautstärketasten (die nun eine gut erfühlbare Struktur besitzen) per Finger gut vom umgestalteten Einschalter unterscheiden lassen.

foto: derstandard.at/pichler

Das Display des Smartphones löst mit 2.560 x 1.440 Pixel auf, woraus sich eine Pixeldichte von 538 PPI ergibt. Ungeklärt ist bis dato der praktische Mehrwert einer solchen Auflösung im Alltag, denn schon auf einem 1080p-Panel sind die einzelnen Pixel für das menschliche Auge bei normalem Betrachtungsabstand nicht zu unterscheiden. Einzig Freunde von Virtual-Reality, die etwa mit Smartphone-Halterungen á la Cardboard experimentieren, dürften hieraus einen Nutzen ziehen – im Gegenzug dafür müssen CPU und Grafikeinheit jedoch mehr Pixel durch die Gegend schaufeln, was sich auf den Stromverbrauch niederschlägt.

Sehr positiv fällt der Eindruck von Farbdarstellung und Kontrasten auf. Gelegentlich wirken helle Töne mal ein wenig überzeichnet, obwohl es sich nicht um ein AMOLED-, sondern IPS-Display handelt, aber wirklich störend ist dies aber nicht. Die Helligkeit lässt sich weit hinauf regeln und selbst unter direktem Sonnenschein lässt sich der Bildschirm gut ablesen, zumal er auch nicht anfällig für starke Spiegelungen ist.

foto: derstandard.at/pichler

Zurück zur CPU: LG hat sich dafür entschieden, nicht auf das stärkste Modell von Qualcomms Snapdragon-Reihe zu setzen. Nominell wäre dies der Snapdragon 808, mit dem HTC zu Jahresanfang aufgrund von Wärmeproblemen schlechte Erfahrungen gemacht hat. Statt mit einem Verbund aus vier "starken" und vier "schwachen" Rechenkernen zu liefern, nutzt diese Plattform zwei "starke" Cortex-A57-Kerne 1,8 GHz) für anspruchsvolle Tätigkeiten und vier sparsame Cortex-A53-Kerne (1,44 GHz) für leichtere Arbeiten sowie eine etwas schwächere GPU. Üppige drei GB Arbeitsspeicher wurden außerdem verbaut.

Im Allroundbenchmark Antutu pendelt sich das G4 damit am synthetischen Leistungsniveau des Samsung Galaxy Note 4 ein. Im 32-Bit-Prüfverfahren reicht es zu circa 47.000 Punkten, bei 64-Bit für 50.700. Den 3D-Grafikdurchlauf mit Epic Citadel meistert das Handy problemlos mit einem Schnitt von 58 Bildern pro Sekunde und im Browser-Benchmark Vellamo mit Chrome hängt es mit 4.050 Punkten die letztjährige Smartphone-Generation um gute tausend Zähler ab.

Im Alltag untermauert das Gerät diese Zahlen. Nichts ruckelt bei der Navigation durch das System, Apps werden sehr flott aufgerufen. Aktuelle, grafisch aufwändigere Games machen dem Gerät auch nicht sonderlich zu schaffen und die Wärmeentwicklung hält sich in tolerablen Grenzen. Realistischerweise sollte das LG G4 – vorbehaltlich plötzlich eintretender Technik-Revolutionen – auf jeden Fall genug Leistung mitbringen, um die nächsten drei Jahre ein solider Alltagsbegleiter zu sein.

foto: derstandard.at/pichler

Gewährleistet wird dies auch durch die Möglichkeit, per microSD-Karte den 32 GB großen Speicher aufzustocken und den Akku zu tauschen, sollte er irgendwann einmal zu schwächeln beginnen. Der 3.000-mAh-Block auf Lithium-Ionen-Basis liefert eine gute, allerdings nicht spektakuläre Laufzeit. Intensivnutzer sollten durch den Tag kommen, wer das Handy nicht über die Maßen beansprucht, könnte auch auf 1,5 Tage kommen. Macht man Gebrauch vom Energiesparmodus, der standardmäßig bei einem Ladestand von 15 Prozent aktiviert wird, geht sich auch mehr aus. Dafür gilt es jedoch, diverse Funktionsreduktionen in Kauf zu nehmen.

Praktisch ist die Quickcharge-Funktion. Mit dem beigelegten Ladegerät (1,8 Ampere) ist eine Aufladung von Null auf 60 Prozent binnen 30 Minuten möglich. Realistischerweise muss man für ein 60-prozentiges Plus aber etwas mehr rechnen, da viele Nutzer üblicherweise bei einem höheren Grundladestand beginnen und die Energieaufnahme sich mit höherem Ladestand verlangsamt. Wireless Charging beherrscht das Smartphone ebenfalls und nutzt hierzu den Qi-Standard.

Einmal mehr geredet werden muss über die Softwarepolitik von LG. Das Unternehmen hält daran fest, einigermaßen deutliche Umbauten der Standard-Oberfläche von Android vorzunehmen. War das G2 diesbezüglich noch ein Interface-Massaker mit kruder Mischung aus Pseudo-3D-Bedienelementen, nutzlosen Animationen und stilistischen Merkmalen aus Android 4.0 und 2.3, wurde die Situation mit dem G3 und der Einführung der "LG UX 3.0" deutlich besser. Version 4 sieht ihr sehr ähnlich, nutzt allerdings Android 5.1 als Unterbau und übernimmt dabei auch Stilelemente von "Material Design".

foto: derstandard.at/pichler

Weiterhin präsentiert sich jedoch das Shortcut-Menü in der Benachrichtigungsleiste etwas überfrachtet und das Einstellungsmenü als seltsam zerklüftet. Die Einteilung der Optionen in kategoriebasierte Reiter schafft keinen merklichen Mehrwert zum Standard-Interface, dazu wurden manche Wege sinnlos kompliziert gehalten.

Ein Beispiel: Unter dem Punkt "Anzeige" findet sich der Punkt "Erweiterte Einstellungen". Er besteht aus einem einzigen Eintrag namens "Mehr", hinter welchem sich wiederum nur zwei Menüpunkte zur Konfiguration von Daydream und des Bewegungssensors finden. Nicht unbedingt ein Beitrag zur Übersichtlichkeit.

In Summe ist LGs eigene Oberfläche zwar mit etwas Eingewöhnung zu meistern, die Zweifel an ihrer Nützlichkeit bleiben trotz Sonderfeatures wie Multi-Windows (bestimmte Apps lassen sich neben- oder übereinander gleichzeitig anzeigen) bestehen. Gleiches gilt auch für eine Reihe von Standard-Apps, die parallel zur existierenden Android- bzw. Google-Ausstattung auch in LG-eigenen Ausführungen angeboten werden.

foto: derstandard.at/pichler

Während die Erneuerung des Hardware-Unterbaus im Grunde eine kleine Änderung ist, liefert das G4 in puncto Kamera einen bemerkenswerten Schritt nach vorn. Diese zählt nämlich zweifelsohne zum Besten - oder ist sogar das Beste -, was derzeit im Smartphone-Bereich zu finden ist. Sie bietet eine Auflösung von 16 Megapixel und eine f/1.8-Blende. Hat LG dem Handy letztes Jahr einen Laser-basierten Autofokus spendiert, gesellt sich nun ein Farbspektrum-Sensor hinzu, der die farblichen Qualitäten der Bilder verbessern soll. Auch die Optische Bildstabilisierung wurde optimiert.

Was herstellerseitig zuerst nach einer blumigen Werbebotschaft klingt, lässt sich der Realität aber durchaus nachvollziehen. Die Kamera löst schnell aus und liefert realistische Farben und Bilder mit hoher Detailtiefe. Auch Aufnahmen bei wenig Licht gelingen erstaunlich gut, auch wenn feine Strukturen hierbei etwas verwaschen und bei der Betrachtung auf größeren Bildschirmen etwas Rauschen feststellbar ist.

Wer seine Aufnahmeeinstellungen gerne im Detail selber festlegt, wird sich ebenfalls freuen. Die Kamerapp mag nicht übermäßig ästhetisch gestaltet sein, funktional ist sie aber allemal. Im Expertenmodus können denn auch alle erdenklichen Einstellungen konfiguriert werden. RAW-Support ermöglicht zudem die detaillierte Nachbearbeitung der Ergebnisse. Videos, ebenfalls in guter Qualität, lassen sich in Auflösungen von bis zu 4K aufnehmen und auch Zeitlupe aufnehmen.

Die Frontkamera bietet eine Auflösung von acht Megapixel. Auch sie gibt in Sachen Ergebnis wenig Grund zur Klage.

foto: derstandard.at/pichler

Was Konnektivität anbelangt spielt das Handy alle sprichwörtlichen "Stückl'n". 3G, LTE, WLAN (802.11ac), Bluetooth 4.1, NFC und GPS-Navigation sind an Bord. Die Empfangsstärke hinsichtlich Telefonie und mobilem Internet ist gut, bei WLANs durchschnittlich mit etwas wankelmütiger Anzeige. Praktischerweise befindet sich auch ein Infrarotmodul an Bord, der das Handy bei Bedarf zur Fernbedienung für TV-Geräte und andere Elektronik macht. Die Liste an Marken, die von der vorinstallierten Remote-App unterstützt werden, ist übrigens sehr beachtlich.

Auch als schlichtes Telefon macht das G4 eine gute Figur. Personen am anderen Ende der Leitung sind in der Regel klar und laut verständlich. Man selbst ist ebenfalls gut hörbar. Die Soundqualität bei Musikwiedergabe passt, der rückseitige Lautsprecher liefert ein für Smartphones überdurchschnittliches Hörerlebnis und kann zum Beispiel mit dem HTC M9 nicht konkurrieren.

foto: derstandard.at/pichler

In Summe hat LG beim G4 fast alles richtig gemacht. Sieht man von der sperrigen Systemoberfläche und subjektiven Ästhetikempfindungen hinsichtlich der Lederrückseite ab, lässt das Gerät featureseitig so gut wie keine Wünsche offen. Zu flotter Hardware gesellt sich insbesondere eine herausragende Kamera, die es abseits des fehlens eines optischen Zooms selbst mit besseren Kompaktkameras aufnehmen kann. Wer Wert darauf legt, schöne Fotos mit seinem Handy machen zu können, macht hier gegenwärtig nichts falsch.

Wo das G3 zu Verkaufsstart preislich bei etwas über 500 Euro angesetzt war, werden für das G4 nunmehr 640 Euro bzw. 680 Euro für die Ledervariante fällig. Eine Differenz, die sich längst nicht nur mit dem Kursverfall des Euros in den letzten Monaten erklären lässt. LG zieht hier offenbar anderen Herstellern nach, die die Preise ihrer Spitzengeräte angehoben haben. Wer aber ohnehin auf ein Vertragsgerät schielt bzw. mit einer Investition in dieser Höhe plant, sollte das G4 definitiv in die engere Wahl nehmen. (Georg Pichler, 7.6.2015)

Testfotos

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde der Redaktion von LG für begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt.

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Nachlese

LG G4: Neues Top-Smartphone im Kurztest

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