Das langsame Beschreiten des Holzwegs

3. Juni 2015, 09:00
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Holz als Baustoff hat im mehrgeschoßigen Wohnbau immer noch einen schweren Stand. Sprinkleranlagen sind in Wohnbauten kaum durchzusetzen

Holz ist ein umweltfreundlicher Baustoff - sofern es nicht gerade über tausende Kilometer auf Lkws herangekarrt wird. Es hat aber auch einen großen Nachteil gegenüber der Massivbauweise: Es ist brennbar. Das kann ein Problem sein. Zimmerbrände gibt es in Wien immer wieder, besonders zur Weihnachtszeit, aber auch dann, wenn jemand mit einer brennenden Zigarette einschläft. Kürzlich gab es in Wien sogar vier Zimmerbrände an einem Tag, unter anderem wegen einer defekten Heizdecke. Auch in Küchen brennt es hie und da.

Widerstandsklassen

Vor offenen Feuern fürchten sich Holzbauprofis aber eigentlich nicht. "Die größte Sorge beim Holzbau ist immer der Schwelbrand", sagt Wilhelm Zechner, Technikvorstand der Sozialbau AG. Er hat einige Erfahrungen mit Holzbauten in Wien gesammelt. Vor zehn Jahren hat sein Unternehmen einen Holzmassivbau in der Spöttlgasse (Floridsdorf) fertiggestellt, 2013 einen in der Wagramer Straße (Donaustadt).

Dazwischen liegen acht Jahre und "ein Quantensprung, was den Feuerwiderstand der tragenden Gebäudeteile anbelangt", sagt Zechner. Die Spöttlgasse fiel mit vier Geschoßen nämlich noch unter Gebäudeklasse IV, die Wagramer Straße mit bis zu sieben Etagen schon unter Bauklasse V - "und da braucht man einen wesentlich höheren Feuerwiderstandsschutz". 90 Minuten müssen die tragenden Teile dem Feuer widerstehen, besagt die Bauordnung. "Wir mussten also die tragenden Holzteile innenseitig mit Feuerschutzplatten kapseln." Diese luftdichte Isolierung des Holzes durfte natürlich durch keine Installationen wie Verteilerdosen etc. durchbrochen werden, weshalb noch entsprechende Wandaufbauten - eine biegeweiche Vorsatzschale, Mineralwolle und Gipskarton - angebracht werden mussten. "In dieser Ebene wurden die Installationen gemacht."

Kürzere Bauzeit

Das läpperte sich kostenmäßig zusammen. "Ich würde sofort wieder einen Holzbau machen", sagt Zechner heute. "Aber nur bis zur Gebäudeklasse IV" , denn da seien die Mehrkosten gegenüber einem Beton- oder Ziegelbau noch vertretbar. Bei höheren Bauten sei der Unterschied in den Brandschutzanforderungen "um so viel höher, dass ich mich nicht mehr drübertrauen würde. Man müsste dafür bei anderen Qualitäten sparen - das ergibt keinen Sinn." Zechner glaubt, dass ein Holzhaus ab der Gebäudeklasse V um "sicher acht bis zehn Prozent" mehr kostet, obwohl die Bauzeit - vier Monate bei der Wagramer Straße - wesentlich kürzer ist.

Bei Holz muss man aber "die Nichtbrennbarkeit beweisen", sprich: mithilfe der Kapselung diesbezüglich "Äquivalenz zu Beton und Ziegel herstellen". So stieg der Feuerwiderstand aber sogar auf 120 Minuten, also ein Vielfaches des geforderten Wertes - unnötigerweise, kritisiert Georg Binder, Geschäftsführer der Holzlobby "proHolz".

Dies, obwohl Holz im Brandfall gar kein so schlechtes Verhalten aufweise, meint auch Zechner. "Stahl verliert die Festigkeit. Holz nicht. Und die Wiener Berufsfeuerwehr ist schnell überall." Die Hauptfeuerwachen von Floridsdorf und Donaustadt habe man zudem eingehend über die beiden Bauten informiert.

Fortschritte seit Faymann

Zechner sieht die Zukunft des Holzbaus eher in Stadtrandlagen, wo man mit bis zu vier Geschoßen das Auslangen finde. "In der Seestadt Aspern, wo alles Bauklasse V ist, geht das aber nicht." Auch in der Nachverdichtung sei es "eine taugliche Alternative".

Binder und proHolz-Sprecher Kurt Zweifel verweisen im Gespräch mit dem Standard auf klare Fortschritte in den vergangenen 15 Jahren. "Wien hat den Holzbau von allen österreichischen Städten am meisten forciert", so Binder. Nachdem sich Werner Faymann als Wohnbaustadtrat in den 1990er-Jahren in Bayern erstmals über das Thema informiert hatte, wurde die Bauordnung sukzessive erleichtert. Wettbewerbe für geförderte Holzbauten folgten, mit den Projekten Mühlweg (BWS, Arwag, BAI) und Wagramer Straße (Sozialbau) als Meilensteinen. Nun stehe man vor der Umsetzung der überarbeiteten OIB-Richtlinie, die auch Bauten bis zu sechs Stockwerken in Holzbauweise erlaubt. Binder glaubt, dass man mit Holz ökonomisch sinnvoll "bis zu acht Etagen hoch gehen kann".

Höher bauen lässt sich mit Holz zwar auch jetzt schon, allerdings nur mit "aktivem Brandschutz", sprich einer Sprinkleranlage. Eine solche ist beim Projekt "HoHo" in der Seestadt Aspern, das mit 84 Metern das "höchste Holzhaus der Welt" werden soll, fix vorgesehen. Weil "HoHo" großteils Büros sowie ein Hotel beinhalten wird, dürfte das für die Nutzer kein großes Problem werden. "Im Wohnbau haben wir uns das aber nicht getraut, denn wir wussten nicht, wie das Publikum reagieren wird", sagt Zechner und weist auf mögliche Fehlalarme hin.

Derzeit plant man bei der Sozialbau keinen Holzbau - auch mangels fehlender Bauträgerwettbewerbe. Schwieriger zu vermarkten waren die Wohnungen in den Holzhäusern aber jedenfalls nicht, sagt Zechner. "Es gab bei beiden Projekten einen Folder, in dem erklärt wurde, wie der Wandaufbau ausschaut und worauf man Rücksicht nehmen muss, wenn man etwas montieren will. Da gab's nirgends ein Problem damit." (Martin Putschögl, 2.6.2015)

  • Wohnbau Wagramer Straße von der Sozialbau: Eröffnet 2013, gilt er als bisher  höchstes Wohnbauprojekt mit mehr als 50 Prozent Holzanteil.
    foto: bruno klomfar

    Wohnbau Wagramer Straße von der Sozialbau: Eröffnet 2013, gilt er als bisher höchstes Wohnbauprojekt mit mehr als 50 Prozent Holzanteil.

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