Hadern mit dem Speckgürtel

1. Juni 2015, 09:00
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Wer ins Umland der Stadt zieht, will meist ein Einfamilienhaus – womit ein Teufelskreis aus hohem Flächenverbrauch und Verkehrsaufkommen entsteht

Mehr als 90 Jahre ist es her, dass Wien und Niederösterreich beschlossen, getrennte Wege zu gehen. Anfang der 1920er-Jahre wurde Wien bundesverfassungsrechtlich aus dem Bundesland Niederösterreich "herausgelöst". Die sozialdemokratisch dominierte Hauptstadt konnte zum "Roten Wien" werden, ohne auf die mehrheitlich konservativen ländlichen Regionen Niederösterreichs Rücksicht nehmen zu müssen.

Was die politische Farbenverteilung betrifft, ist das bekanntlich auch heute noch so. Allerdings hat sich die Stadt Wien knapp außerhalb ihrer Grenzen mittlerweile einen recht unansehnlichen Speckgürtel angefressen; oder vielmehr: anfressen lassen. Südlich von Wien, auf niederösterreichischem Boden, sind heute keine Gemeindegrenzen mehr wahrnehmbar, geschweige denn eine Landesgrenze; und zu den Hauptverkehrszeiten gleicht die ganze Gegend einer Verkehrshölle.

"Der Speckgürtel wird wegen seiner völligen Ausrichtung aufs Auto und der schlechten Anbindung ans Zentrum langsam ein Problem bekommen", sagte Architekt Christian Seethaler kürzlich auf einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Miteinander oder gegeneinander? Der Wohnbau in Wien und im Speckgürtel". Umgekehrt würden "mittelalte Gutverdiener in der Stadt fehlen, wenn sie rausziehen ins Umland, sobald sie Kinder kriegen".

Alle wollen ins Eigenheim

Eines der größten Probleme dabei brachte EHL-Maklerin Sandra Bauernfeind auf den Punkt: "Wer rauszieht, will ins Eigenheim" – und eher nicht in den mehrgeschoßigen sozialen Wohnbau, den man mithilfe des Umzugs ins vermeintlich Grüne ja hinter sich lassen wollte. Es gibt ihn im Speckgürtel ohnehin zu wenig, was einerseits an hohen Grundstückspreisen und ausufernden Stellplatzverpflichtungen in manchen niederösterreichischen Gemeinden liegt, was das Bauen nicht viel billiger macht als in Wien.

Andererseits fehlt ganz klar der große Blick aufs Ganze. Wohnbauforscher Wolfgang Amann empfahl kürzlich in einer Studie, dass Niederösterreich nicht Wohnbaupolitik machen sollte, ohne den "weißen Fleck" auf der Landkarte namens Wien zu berücksichtigen. Womit er vor allem auch die Gemeinden im Speckgürtel adressierte: "Manche schreiben immer noch Mindestgrößen bei Bauparzellen für Einfamilienhäuser vor."

Optimierungspotenzial

Dinge wie diese sind es, die dafür sorgen, dass Wien "nicht als Ballungsraum wahrgenommen wird", wie es Immo-Unternehmer Christian Wagner beim BKS-TecTalk ausdrückte. "Die Politik verhindert ein Miteinander", resümierte Seethaler. Optimierungspotenzial wäre also vorhanden. (Martin Putschögl, 1.6.2015)

  • Die dicht verbaute Stadt ist vor allem für Jungfamilien mit kleinen Kindern  wenig attraktiv. Wer hinauszieht ins Grüne, muss aber lange Verkehrswege in Kauf  nehmen.
    foto: putschögl

    Die dicht verbaute Stadt ist vor allem für Jungfamilien mit kleinen Kindern wenig attraktiv. Wer hinauszieht ins Grüne, muss aber lange Verkehrswege in Kauf nehmen.

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