Steiermark-Lexikon: Land von Aar bis Zirbe

Wo laut Landeshymne der Aar noch haust, leben aktuell auch rund 1,2 Millionen Menschen. Wir haben – völlig subjektiv – einen alphabetisch geordneten Leitfaden durch die Grüne Mark erstellt

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30. Mai 2015, 13:49

Aar Generationen von steirischen Schulkindern zerbrachen sich darüber den Kopf, wer der Aar ist, der – so singt man in der ersten Strophe der Landeshymne – am Dachstein "haust". Gemeint hat der 1881 verstorbene Grazer Jakob Dirnböck, der die Hymne textete, den Adler.

Bevölkerung Rund 1,2 Millionen Einwohner hat die Steiermark derzeit. Dabei rutschte man innerhalb des Bundesländerrankings erst kürzlich von Platz drei auf Platz vier ab. Die Oberösterreicher, denen die Steirer trotzdem weitgehend freundschaftlich zugetan sind, haben sich den dritten Platz aber nur mit einem leichten Vorsprung geschnappt. Der Kampf um Platz drei ist nie vorbei. Wahlberechtigt ist bei der Landtagswahl am Sonntag knapp eine Million.

Carmilla Schon 1872, noch bevor Bram Stoker mit seinem Dracula den internationalen Blutsauger-Hype in der Literatur auslöste, erzählte der Ire Sheridan Le Fanu in seiner Novelle Carmilla von einer gleichnamigen Vampirin, die auf einem steirischen Schloss lebte. Auch Stokers Dracula sollte, ursprünglich unter dem Titel The Undead, in "Styria" beginnen, bevor er sich für Transsylvanien entschied. Historisches Vorbild für den steirischen Vampir war die Gräfin Elisabeth Bá thory, die sich durch Mädchenblut jung gehalten haben soll.

Hoch hinauf: Der Dachstein ist fast ein 3000er, aber nur fast. Im Bild: die Südwand.

Dachstein Er ist der höchste Berg in der Steiermark, wobei die Grenze zu Oberösterreich genau über den Gipfel verläuft. Und dieser Gipfel hat es in sich: Er ist nämlich mit offiziellen 2995 Metern Höhe gerade kein Dreitausender – und das macht viele Steirer richtiggehend traurig. Andere wieder meinen: Stimmt nicht, mit dem Gipfelkreuz kommen wir hin! Wir schließen uns hier ganz klar der optimistischen Messart an.

Ennstal Heute ist das Ennstal vor allem den Wintersportlern ein Begriff. Doch lange bevor man sich um eine zu teure Weltmeisterschaft in Schladming sorgte, spielte es sich hier richtig ab: Bergleute und Bauern probten im 16. Jahrhundert den Aufstand. Sie fühlten sich den Lehren Martin Luthers zugetan. Schladming wurde sogar völlig niedergebrannt. Erst das Toleranzpatent (1781) von Erzherzog Joseph II. und das Protestantenpatent, das Kaiser Franz Joseph 1861 erließ, brachte den Protestanten Frieden und Sicherheit. Ihre Dichte ist im Ennstal immer noch höher als in anderen steirischen Regionen.

Laufen wieder: Seit 2014 flitzen die Formel-1-Autos wieder über die Rennstrecken von Spielberg

Formel 1 Bereits von 1970 bis 1987 und von 1997 bis 2003 wurde der Große Preis von Österreich in der Formel 1 in Spielberg ausgetragen. Danach kam eine harte Zeit für die Fans der schnellen Autos. Seit 2014 aber ist sie zurück auf dem Red Bull-Ring. Heuer wird von 18. bis 21. Juni Formel 1 gefahren, und auch sonst wird in Spielberg viel gekreist.

Graz Die Landeshauptstadt der Steiermark ist mit rund 300.000 Einwohnern auch die zweitgrößte Stadt Österreichs. Und der Albtraum aller politischen Meinungsforscher. Innerhalb Österreichs gilt die Stadt mit den hohen Geburtenraten und Feinstaubwerten (wobei zwischen beiden Werten kein Zusammenhang feststellbar ist) auch als "Swingcity". Niemand wählt so unberechenbar und immer wieder anders als die Menschen im Schatten des Uhrturms. Dabei werden sie auch bei der Landtagswahl am Sonntag wahlentscheidend sein. Es bleibt also spannend.

Heckenklescher Was dem Burgenländer sein Uhudler, ist dem Steirer sein Heckenklescher. Das klingt vielleicht weniger melodisch und etwas derber, schmeckt aber genauso fein. Warum man auch Rabiatperle dazu sagt, darüber streiten sich die Experten. Tatsache ist, dass mit Heckenklescher ein Wein gemeint ist, der einen, wenn man ihn nicht in Maßen konsumiert, umhauen kann. Da er aber besonders gerne in der Südoststeiermark ausgeschenkt wird, könnte auch eine kreative Variante des ungarischen Trinkspruches "Egészségére!" namensgebend gewesen sein.

Innerösterreich Nicht immer residierte der Landeshauptmann in der prächtigen Burg in Graz. Von 1379 bzw.1411 bis 1457 und 1564 bis 1619 war Graz die Residenzstadt von Innerösterreich. Zum habsburgischen Reich südlich des Semmerings gehörten neben der Steiermark auch Kärnten, die Krain und das sogenannte Küstenland (bis Triest und Is trien). Der erste Habsburger, der in Graz residierte, hörte übrigens auf den wenig fröhlichen Namen Ernst der Eiserne.

Die aktuelle Schau "Die Steiermark im Blick" im Volkskundemuseum in Graz beschäftigt sich mit touristischer Vermarktung steirischer Landschaften in der Vergangenheit. Die gezeigten Postkarten und Plakate wirken heute nostalgisch.

Jobsuche Noch nie zuvor waren so viele Menschen in der Steiermark auf Arbeitssuche wie in den vergangenen Monaten. Rund 51.000 Menschen sind derzeit ohne Job.

Kulturszene Die Dichte an Kunstinstitutionen, Galerien, Theatern ist in Graz unge wöhnlich hoch. Begründet wurde das schon in den 1960er-Jahren, als junge Künstler und Literaten sich aus dem Schatten der Nazi-Vergangenheit und von der ge strengen Elterngeneration zu befreien suchten. Das Forum Stadtpark wurde damals ebenso gegründet wie das Festival Steirischer Herbst. Beide sind wichtige Player in der europäischen Kulturszene geblieben – mit einem Riecher für Newcomer und künftige Trends in der Kunst.

foto: apa/techt
Das Grubenunglück von Lassing hat sich tief in das kollektive Gedächtnis Österreichs gebrannt.

Lassing Der obersteirische Ort erlangte im Juli 1998 traurige Bekanntheit. Hier ereignete sich das schwerste Grubenunglück Österreichs in der Nachkriegszeit. Zehn Bergarbeiter wollten ihren verschütteten Kumpel Georg Hainzl bergen, wurden dabei aber durch einen weiteren Einbruch des Bergwerks selbst verschüttet und starben. Einzig Hainzl konnte wie durch ein Wunder nach neun Tagen lebend geborgen werden.

Mörder Zwei besonders aufsehenerregende Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte führen leider auch in die Steiermark. Der rechtsextreme Briefbomber Franz Fuchs, der auch 1995 für den Mord an vier Roma in Oberwart durch eine Rohrbombe verantwortlich war, kam aus dem steirischen Gralla. Er erhängte sich 2000 in einer Zelle der Justizanstalt Karlau in Graz. Der in erster Instanz als Serien- und Frauenmörder verurteilte Judenburger Jack Unterweger erhängte sich sechs Jahre zuvor, 1994, in einer Gefängniszelle in der Justizanstalt Graz-Jakomini.

Nashville, steirisches Die offizielle Landeshymne wurde hier bereits erwähnt. Die inoffizielle heißt seit 1984 Fürstenfeld. STS, das Trio, das mit dem Lied bekannt wurde, kam aus selbiger Stadt. Sie wurde in den 1970ern und 1980ern wegen der Dichte an Bands, die dort zumindest teilweise ihre Wurzeln haben (Magic, EAV, Opus, Blizz Frizz) steirisches Nashville gerufen.

Obersteiermark Sie umfasst fast die Hälfte des gesamten Bundeslandes, nämlich die nordwestliche. Ganz genau gehören die Bezirke Bruck-Mürzzuschlag, Leoben, Liezen, Murau und Murtal (vor den Bezirksfusionen Judenburg und Knittelfeld). Die großteils waldreiche Obersteiermark war vor allem im Norden stark von Industrie (etwa in Kapfenberg) geprägt und leidet heute unter massiver Abwanderung.

foto: apa/gindl
Margit und Heinz Fischer beim Narzissenfest in Aussee im Jahr 2011.

Plätte Im Ausseerland kennt man das traditionelle Holzboot mit der hochgezogenen Spitze, das angeblich mit den venezianischen Gondeln verwandt ist. Dieser Tage sind wieder mit tausenden Narzissen geschmückte Plätten unterwegs. Weniger blumig dürfte James Bonds Plät teneinsatz gewesen sein. Bei den Dreharbeiten zum Bond-Film Spectre durfte nämlich auch der von Daniel Craig verkörperte Agent 007 mit einer Plätte über den Altausseer See brettern.

Quellen Heißes Wasser aus der Tiefe hat dem steirischen Tourismus seit den 1980ern einen Aufschwung gebracht, der gerade in den Gegenden des heutigen "Thermenlandes" dringend nötig war. Ob Loipersdorf oder Bad Waltersdorf, Bad Gleichenberg, Bad Radkersburg, Bad Blumau oder viele andere Gemeinden im Südosten. Man hat sich neben dem Kernöl erfolgreich auf Wellness spezialisiert. Wobei das eine mit dem anderen gut zusammenpasst. Manchmal, etwa in Radkersburg, bohrte man eigentlich nach einem anderen Öl, um dabei zufällig auf eine Thermalquelle zu stoßen.

Riegersburg Noch einmal müssen wir in die dunkle Vergangenheit der Mark eintauchen: Die Riegersburg war einer der Schauplätze der Verfolgung und Ermordung von Frauen, die man als Hexen verleumdete. Eine der prominentesten war die sogenannte Blumenhexe Katharina Paldauf, die 1675 auf der auf einem Vulkanfelsen errichteten Riegersburg eingesperrt wurde, bevor sie, wie so viele andere, auf den Scheiterhaufen kam. Heute ist die Riegersburg ein beliebtes Ausflugsziel. Die gleichnamige Gemeinde steht eher für die Süße des Lebens, denn hier fabriziert Josef Zotter seine weltberühmten Schokoladen.

foto: apa/scheriau
Die Mannschaft des SK Sturm Graz nach dem Spiel gege Grödig im April 2015.

Sturm Es soll in der Steiermark noch andere Fußballvereine geben als den SK Sturm – sagt man. In der Champions League spielten aber bisher nur die Schwarz-Weißen. Deren Patron ist auch Jahre nach seiner Pension der Heilige Ivica Osim von Sarajevo. Auch heuer sind sie europatauglich.

Toskana, steirische Die südsteirische Weinstraße ist weltweit nicht so bekannt wie die Toskana, aber tatsächlich mindestens genauso schön, weshalb man sie auch steirische Toskana nennt. Die sanfthügelige Landschaft mit ihren Weingärten und ihrem deutlich milderen Klima als im restlichen Land besucht man nie nur einmal, sondern kehrt wieder.

Universitäten Die Steiermark hat mit der Karl-Franzens-Uni, der Med-Uni, der Kunst-Uni, der Technischen Universität in Graz und der Montanuniversität in Leoben fünf Universitäten und auch noch dutzende über das Land verteilte Fachhochschulen. Nirgends ist die Dichte von Studierenden höher als in Graz: Fast ein Viertel der Bevölkerung studiert hier.

foto: tu graz/lunghammer
Die TU Graz: Eine von fünf Universitäten in der Steiermark

Vulkanland Jene Gemeinden, die sich in der Südoststeiermark als Vulkanland zusammenschlossen, haben erfolgreich eine neue Marke geschaffen. Auf Vulkanerde schwor man sich auf nachhaltige Produkte ein. Mit Erfolg: Der Vulcano-Schinken etwa kann locker mit dem italienischen Prosciutto mithalten.

Wirtschaftsflüchtlinge Auch aus der Steiermark wanderten Menschen aus, um woanders ihr Glück zu suchen. Zwei wurden dabei reich und berühmt. Beide versuchten es auch mit der Politik. Den einen verschlug es als Franz Strohsack von Kleinsemmering bei Weiz nach Kanada, von wo er als Magna-Chef Frank Stronach zurückkehrte und schließlich die Partei Team Stronach gründete. Der andere brach mit Muskeln bepackt von Thal bei Graz auf, wurde Hollywoodstar und hatte politisch mehr Erfolg: Arnold Schwarzenegger wurde Gouverneur von Kalifornien. Ein Team Schwarzenegger für Österreich soll nicht geplant sein

Xenophil Wer während des Wahlkampfs in der Steiermark unterwegs war, konnte es mit eigenen Augen sehen: Besonders viel Steuergeld für Plakate gab eine Partei aus, die das Land als Hort der schweren Xenophobiker darstellt. Doch keine Angst, die Steirer sind in der Mehrheit xenophil. Möglicherweise ist auch deshalb der steirische Tourismus eine Erfolgsgeschichte.

leitner
Postkarte aus anderen Zeiten.

Yakzucht Man würde Yaks nicht zwingend mit der Steiermark assoziieren, doch die gutmütigen Tiere fühlen sich hier sehr wohl. Das erkannte ein landwirtschaft licher Quereinsteiger in Maria Lankowitz in der Weststeiermark, der hier einen Bioyakhof betreibt und damit einen Trend losgetreten haben könnte. Weil die Tiere extreme Wetterbedingungen gewöhnt sind (Stichwort: Himalaya), kann man sie ganzjährig im Freien lassen, und auch sonst sind sie in der Haltung wenig zeit intensiv. Ideal für Nebenerwerbsbauern. Ihr Fleisch ist zudem von hoher Qualität.

Zirbe Wird auch Pinus Cembra genannt und ist eine Art Kiefer. Vielen ist sie nur vom Zirberl, dem Zirbenschnaps, her ein Begriff. Zu Unrecht. Die Zirbe, die auch ein Symbol für Widerstandskraft ist, ist auch gesund für Lunge und Herz. In der Steiermark gilt die Gegend um Obdach, Judenburg und Weißkirchen als Zirbenland. Hier bekommt man Zirbensirup, Zirbensalbe, Zirbenschokolade, Zirbenessig und nicht zuletzt das wertvolle und daher teure ätherische Zirbenöl. (Colette M. Schmidt, 30.5.2015)