Fan-Community statt Masse: Wie digitale Nachrichten konsumiert werden

1. Juni 2015, 08:50
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Kommunikationswissenschafter Thomas Schmidt über Nutzen und Nachteil der Theorie im digitalen Wandel

Als das Pew Research Center vor kurzem in einem neuen Bericht vermeldete, dass Nachrichteninhalte mehrheitlich von mobilen Endgeräten abgerufen werden, hat das bei Medienmanagern lediglich Achselzucken ausgelöst. Keine Neuigkeit, lautete der Tenor. Wissen wir schon seit langem. Bei einer Umfrage unter führenden Medienmanagern auf dem Weltkongress der International News Media Association (INMA) gaben auch 93 Prozent der Interviewten zu Protokoll, dass die Entwicklung von mobilen Inhalten größte Wichtigkeit hat.

Umso mehr erstaunt es allerdings, dass sich die Branche immer noch schwertut, adäquate Angebote für die mobile Nutzung von Nachrichten zu machen. Wolfgang Blau, der Digitalchef des "Guardian", brachte die Ratlosigkeit der Branche vor kurzem auf den Punkt: "Wir wissen noch zu wenig darüber, wie man journalistische Angebote für den mobilen Gebrauch so optimiert, dass sie den technischen Möglichkeiten der Endgeräte und den Bedürfnissen der Nutzer Rechnung tragen." Und dieser nüchterne Befund kommt von einem der Pioniere im digitalen Nachrichtengeschäft!

Soziale Medien und die Werbeeinnahmen

Verkompliziert wird die Suche nach passenden Strategien auch durch die Tatsache, dass immer mehr User über soziale Netzwerke zu Nachrichten gelangen. Schon im Vorjahr hat das Pew Research Center herausgefunden, dass sich fast die Hälfte der amerikanischen Internetnutzer vor allem via Facebook über Politik und Weltgeschehen informiert. Aus der Perspektive der Nachrichtenanbieter bedeutet das nicht nur eine geringere Sichtbarkeit, sondern führt auch zu geringeren Werbeeinahmen. Das hat dazu geführt, dass die fünf größten Internet-Unternehmen (Google, Facebook, Yahoo, AOL, Twitter) sich mittlerweile mehr als die Hälfte aller digitalen Werbeeinnahmen teilen.

"Medienhäuser sollten vorsichtig sein"

Angesichts dieser Herausforderungen lassen sich traditionelle Medienhäuser nun auf neuartige Experimente ein. Einige von ihnen (u. a. "New York Times", "Buzzfeed", "Spiegel", "Bild") veröffentlichen ihre Artikel direkt auf Facebook. Es ist kein Zufall, dass sich das Angebot vor allem an mobile Nutzer richtet. "Medienhäuser sollten vorsichtig sein", sagt Nick Diakopoulos, ein Professor an der Journalism School der University of Maryland. "Facebook hat bisher noch nicht zugegeben, selbst ein Verleger zu sein. Gleichzeitig trifft das Unternehmen aber verlegerische Entscheidungen, wenn bestimmte Inhalte auf dieser Plattform zensuriert werden. Wer sagt, dass Facebook nicht auch die Inhalte von Partnermedien zensuriert, wenn diese den Interessen von Facebook zuwiderlaufen?"

Diese Partnerschaften kommen zu einer Zeit, da Facebook selbst verstärkt mit wachsender Konkurrenz zu kämpfen hat. Laut einem aktuellen Bericht des American Press Institute macht die jüngere Generation der sogenannten Millennials von Facebook eher lustlos Gebrauch. Beliebt für den Nachrichtenkonsum sind neben Facebook vor allem Youtube und Instagram. Amerikaner im Alter zwischen 18 und 34 Jahren sind durchschnittlich in drei sozialen Netzwerken aktiv und trotz verstärkter Konkurrenz (auch vom Video-Anbieter Snapchat), ist Facebook eindeutig das vorherrschende Medium, um zu Nachrichten und Informationen zu kommen.

Fan-Community statt Masse

Für Medienunternehmen führt derzeit wohl kein Weg daran vorbei, ihre journalistischen Angebote für den mobilen Gebrauch und eine Verbreitung in den sozialen Netzwerken zu optimieren. In der Regel bedeutet das kurze, prägnante und visuell ansprechende Inhalte. Gleichzeitig lassen sich aber auch gegenläufige Entwicklungen wahrnehmen. Der zu Beginn angesprochene Bericht des Pew Centers hat beispielsweise gezeigt, dass User mehr Zeit auf Nachrichtenseiten verbringen, wenn sie von ihrem Desktop zugreifen. In dieselbe Richtung geht eine Analyse des Technologie-Unternehmens comScore. Qualitativ hochwertige Inhalte – egal ob Text, Audio oder Video – werden an Bedeutung gewinnen, lautet die Vorhersage. Diese Inhalte erreichen zwar nicht die große Masse, dafür aber eine loyale, engagierte und somit auch für Werbekunden attraktive Fan-Community. Als Beispiel wird der durchschlagende Erfolg des Podcasts „Serial“ genannt.

Nach dem derzeitigen Stand der digitalen Nachrichtennutzung dürfte der Trend also in zwei Richtungen gehen: mehr Vereinheitlichung in der Produktion von mobilen Inhalten und der Einbeziehung von sozialen Netzwerken; gleichzeitig aber auch mehr Differenzierung im individuellen Medienverhalten und damit mehr Fragmentierung des Publikums. (Thomas Schmidt, 1.6.2015)

Thomas Schmidt ist wissenschaftlicher Assistent und Doktorand an der School of Journalism and Communication der University of Oregon. Zuvor war er als Journalist tätig, u. a. für "Zeit im Bild", "Kleine Zeitung" und "Datum".

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