Christoph Varga: "Appetit der Parteien" auf ORF

29. Mai 2015, 11:25
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Der Horst-Knapp-Preis für Wirtschaftsjournalisten für das Jahr 2014 geht an ORF-Journalist Christoph Varga - Der Appetit der Parteien auf Jobs im ORF werde größer, sagte er in seiner Dankrede, hier im Wortlaut

Wien - Der von der UniCredit Bank Austria gestiftete Horst-Knapp-Preis für Wirtschaftsjournalisten für das Jahr 2014 geht an Christoph Varga (46). Varga ist seit 2009 Leiter des Wirtschaftsressorts der ORF-"Zeit im Bild".

Der seit 1996 jährlich gestiftete und mit 6.000 Euro dotierte Preis für herausragende publizistische Leistungen im Finanz- und Wirtschaftsjournalismus wurde am Mittwochabend in Wien verliehen.

In seiner Rede kritisiert Varga die Diskussionsverweigerung von Politikern. Den Parteien sagt er "Appetit" auf den ORF nach. (APA, red, 29.5.2015)

Die Dankrede von Christoph Varga im Wortlaut

"Für eine Analyse in der ZIB1 hat man üblicherweise eine Minute 20 zur Verfügung. Bei großen Themen: 1.30. Hier und heute habe ich keine Zeitvorgabe. Zum ersten Mal in meinem Arbeitsleben kann ich ohne zeitliche Beschränkung reden. Sie müssen das jetzt ausbaden - dumm gelaufen. Aber da müssen Sie jetzt durch.

Gestatten Sie mir drei Anmerkungen in Anlehnung an Horst Knapp. Horst Knapp war ein Erklärer, ein Vereinfacher, ein Übersetzer. Aus der Geheimwissenschaft eine Gemeinwissenschaft machen- war das Motto, das auf dem Klappentext eines seiner Bücher steht. Beim Geographie- und Wirtschaftskundestudium hat uns Maria Hofmann-Schneller, die Doyenne der österreichischen Wirtschaftskunde und heute dankenswerterweise anwesend, mit Horst Knapp vertraut gemacht. Noch heute sind Artikel von Horst Knapp in Schulbüchern abgedruckt - er ist zum Klassiker der österreichischen Wirtschaftsliteratur geworden.

Heute - knapp 20 Jahre nach seinem Tod - stellen wir fest, dass immer noch zu wenig erklärt wird. Politik - Justiz - und gerade auch die Wirtschaft- sie alle erklären sich entweder gar nicht oder nur selten. Gerade wir im Wirtschaftsjournalismus wissen, wie schwer es ist, Interviewpartner oder Diskussionsteilnehmer zu finden. Viele Spitzen in Politik und Wirtschaft verweigern sich; verweigernden Dialog, die Diskussion. Und das in einer Zeit, da es so viele Medien gibt wie nie zuvor.

Diskurs-Verweigerung

Gouverneur Nowotny will ich an dieser Stelle ausdrücklich und fairerweise ausnehmen. Herr Nowotny ist selbst in heiklen Situationen in die Öffentlichkeit gegangen. Schon als Generaldirektorder BAWAG - später als Gouverneur der Notenbank. Persönlich profitiere ich von der weit verbreiteten Diskurs-Verweigerung. Weil Journalistinnen und Journalisten, also auch ich,die Rollen der Erklärer übernehmen. Und dann Preise dafür bekommen. Vereinzelt werden die Analytiker populärer als die Akteure: die Analyse nach den Fernseh-Wahl-Debatten hatte mehr Zuschauer als die Debatten selbst. Filzmaier interessiert die Leute mehr als Faymann oder damals Spindelegger. Verkehrte Welt. Denn Filzmaier steht nicht zur Wahl. Er erklärt bloß. Aber: Filzmaier redet Klartext. Was viele, die an der Macht sind, nicht tun.

Wie viele Interviews mit Generaldirektoren haben Sie während der größten Wirtschafts-Krise seit dem Zweiten Weltkrieg in der ZIB2 gesehen? Eben. An fehlenden Einladungen lag es nicht! JustizministerBrandstetter hat für seinen Bereich das Problem erkannt: Wir - gemeint ist die Justiz - müssen uns besser erklären, meinte Brandstetter vor kurzem. Damit die Öffentlichkeit Entscheidungen besser versteht. Ich will sie also herzlich ermuntern, den Diskurs in Österreich zu beleben. Auch das würde nämlich dazu beitragen, Wirtschaftsthemen unters Volk zubringen. Und ohne Erklärungen und ohne Diskussion geht früher oder später der gesellschaftliche Grundkonsens verloren. Während der Krise wurde er verschiedentlich auf eine harte Probe gestellt.

Ich habe Horst Knapp nicht persönlich kennengelernt. Wenn man über ihn recherchiert, und damit komme ich zu meiner zweiten Anmerkung, stößt man immer wieder auf seinen Vorschlag des Big Bargain im Jahr 1967; er rief die Sozialpartner und Regierung zu einem Pakt auf - zur Überwindung der damals stark steigenden Kosten. Ich sehe mich- offenbar anders als er - nicht als Berater der Politik: Aber es drängt sich der Gedanke förmlich auf: möglicherweise ist es wieder Zeit für einen solchen Big Bargain: Dafür müssten aber die Sozialpartner und die beiden Regierungsparteien einen großen Sprung über ihre Schatten wagen.

Es müsste ein Ruck durch Österreich gehen

Die Einen müssten wohl ihre einbetonierten Grundsätze zum immer noch niedrigen Pensionsalter über Bord werfen. Die Anderen müssten ihre genauso einbetonierten Grundsätze zur Besteuerung von Vermögen, insbesondere Erbschaften, in Frage stellen. Mit anderen Worten - und jetzt klaue ich beim früheren deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog: Es müsste ein Ruck durch Österreich gehen. Übrigens: Roman Herzog hat seine Ruck-Rede 1997 in Berlin gehalten. Wenn sie Deutschland durch Österreich ersetzen, können sie diese Rede eins zu eins heute in unserem Land halten.

Er kritisierte damals zu hohe Steuern auf Arbeit, das schwache Bildungssystem und vor allem den Stillstand in seinem Land. Mehr Diskurs und längst überfällige politische Reformen - in den Medien dieses Landes finden Sie dafür Kommunikatoren - also auch im ORF, für den auch Horst Knapp verschiedentlich gearbeitet hat. Der ORF berichtet präzise und kritisch. Gerade in den letzten Jahren der Ära Wrabetz und Zechner und gerade in meinem Bereich: unabhängig und unbeeinflusst. Das soll auch so bleiben.

Appetit der Parteien auf ORF

Redakteursvertreter berichten mir und ich selbst beobachte, dass der Appetit der Parteien auf Mitbestimmung bei Jobs im ORF gerade wieder größer wird. Diesen Appetit gilt es zu verderben. Große Nähe zu einer Partei und kritischer Journalismus schließen sich aus. Der ORF gehört den Österreicherinnen und Österreichern und nicht einzelnen Parteien. Für mich selbst bediene ich mich bei einem weiteren weisen, älteren Herrn: Ich bin Mitglied einer Ein-Mann-Partei mit Aufnahmesperre. Sagte Gerd Bacher einst. Ein Motto, an das ich mich mehrmals täglich erinnere.

Ich bedanke mich bei der Jury, die diesen Preis vergibt. Ich verstehe ihn - das wurde in der Begründung deutlich - auch als Würdigung der Arbeit des gesamten ZIB-Wirtschaftsressorts. Alsda sind: Angelika Ahrens, Peter Babutzky, DieterBornemann, Veronika Fillitz, Kaspar Fink, Stefan Hartl, Georg Ransmayr, Johannes Schwitzer-Fürnsinn und Kristina Stiller. Euch herzlichen Dank für Eure tolle Arbeit, die uns diesen Preis eingebracht hat.

Wichtige Entscheidungen im Wirtschaftsbereich fallen gerne am späten Freitag Abend oder am Wochenende. Oft unvorhergesehen. Meine Familie bekommt das dann zu spüren. Wenn ich mal wieder überraschend in die Arbeit eile und Termine absage. Euch ganz herzlichen Dank für Eure Unterstützung und Euer Verständnis."

  • Christoph Varga erhielt den Horst-Knapp-Preis für Wirtschaftsjournalisten.
    foto: orf

    Christoph Varga erhielt den Horst-Knapp-Preis für Wirtschaftsjournalisten.

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