Wieder scheitern. Besser scheitern.

31. Mai 2015, 12:00
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Christoph W. Bauer folgt in Paris den Spuren von Samuel Beckett und Robert Pinget

Je suis en route, ich lese mich von einem Brief in den nächsten, laufe durch Straßen und gelange schließlich in die Rue des Favorites. Hier hatte er 1937 seine erste Wohnung in Paris bezogen, hier traf im August 1942, kaum eine halbe Stunde nach seiner Flucht, die Gestapo ein. Später wird er seine Tätigkeit in einer französischen Widerstandsgruppe als Pfadfinderkram bezeichnen und: "Obwohl ich 1942 verschwinden musste, konnte ich meine Wohnung behalten. Ich kehrte dorthin zurück und begann wieder zu schreiben - auf Französisch." Bis an sein Lebensende wird ihm Paris Heimatstadt bleiben, auch wenn es ihm manchmal schwerfällt, "das Frankreich wiederzuerkennen, an das man sich einmal geklammert hat, an das ich mich noch immer klammere".

Was ihn dazu bewogen habe, nicht mehr in seiner Muttersprache zu schreiben: Noch oft wird Samuel Beckett auf die Beweggründe angesprochen werden. Die Palette seiner Antworten reicht von "Um mich bemerkbar zu machen" über "Ich hatte einfach Lust dazu" bis hin zur bemerkenswerte Aussage: "Um ohne Stil zu schreiben." 1968 wird er hinzufügen: "Um mich noch ärmer zu machen. Das war der wahre Beweggrund." Ein Jahr später wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, schon zuvor war er mit Warten auf Godot zum weltberühmten Schriftsteller geworden. Was Beckett nicht vor Selbstzweifeln feite, im Gegenteil. Davon zeugt sein umfangreiches Briefwerk, mehr als 15000 Briefe umfasst es, adressiert an Familienangehörige, Freunde, Verleger und Wegbegleiter. In der Korrespondenz spiegeln sich Becketts Interessen wieder, seine Beschäftigung mit diversen Literaturen, mit Musik und bildender Kunst, sein poetologischer Ansatz.

Mal tritt er einem selbstbewusst entgegen, dann hadernd, das Scheitern am Leben wird manifest, es bedingt mitnichten Selbstaufgabe, sondern Neuanfang. Und so sind Sätze wie: "Ich kann den Mund nicht aufmachen, ohne den Kopf zu verlieren" keineswegs als launisches Aperçu oder gar als Attitüde zu lesen, vielmehr beinhaltet der Satz wohl den Appell, den Kopf beim nächsten Mal besser zu verlieren. Kann man sich von einem Nobelpreisträger einen klügeren Rat erhoffen?

Überleben

So mag es auch Robert Pinget empfunden haben, mit dem Beckett eine langjährige Freundschaft und Arbeitsbeziehung verband. Pinget, 1919 in Genf geboren, zog es nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Paris, 1951 wurde er freier Schriftsteller. Zunächst publizierte er einen Band mit Erzählungen, später Romane und Novellen, schließlich wandte er sich vermehrt dem Theater, dem Hörfunk und auch dem Fernsehen zu. Bald trat er in brieflichen Kontakt mit Beckett, suchte Ermutigung für sein Schreiben, Beckett rät ihm: "Verzweifeln Sie nicht, stecken Sie Ihren Stecker in die Verzweiflung und singen Sie uns von ihr." Ein andermal antwortet er dem jüngeren Kollegen: "Überleben - ich weiß, das ist nicht die Frage, und es ist kein Argument. Aber weiterschreien zu können ist vielleicht eins, für die, die nicht schweigen können."

Heute gilt Pinget, der 1997 in Tours starb, als einer der radikalsten Vertreter des Nouveau roman. Dennoch scheint er im deutschsprachigen Raum in Vergessenheit geraten zu sein. Die Lektüre seiner Bücher sei anempfohlen, die der Briefe Becketts ebenso: "Aber nachdem ich ein Leben lang Mist gebaut habe, steht es mir nicht zu, Ihnen Ratschläge zu erteilen" - Beckett an Pinget. Wieder scheitern. Besser scheitern. Je suis en route. (Christoph W. Bauer, Album, 29.5.2015)

Robert Pinget, "Tintenkleckse." Deutsch von Gerda Scheffel. € 25,20 / 64 Seiten. Wagenbach-Verlag

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    foto: wagenbach verlag
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