Android M: Ein erster Blick auf die neue Softwaregeneration

7. Juni 2015, 09:10
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Gezieltes Entziehen von Berechtigungen und automatische App-Backups als Highlights - Verstecktes dunkles Theme

uAm Donnerstagabend war es soweit: Im Rahmen der Keynote zur Google I/O 2015 hat das Unternehmen mit Android M eine neue Generation seines Betriebssystems angekündigt. Kurz danach wurde auch die Preview-Version veröffentlicht, die sich der STANDARD natürlich gleich installiert hat, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Zudem haben wir noch bei Google nachgefragt, um einige Detailfragen zu klären. Im Folgenden also der Versuch alles zusammenzufassen, was es derzeit zu Android M zu wissen gibt.

Preview

Zunächst: Die Developer Preview steht in Versionen für Nexus 5, 6, 9 und den Nexus Player zum Download. Wer sie installieren will, muss wissen, wie ein Factory Image zu flashen ist, und damit leben können, dass dabei sämtliche Daten gelöscht werden. Auch warnt Google mehrfach davor, dass es sich um eine unfertige Version handelt, die nicht für den täglichen Einsatz vorgesehen ist.

foto: andreas proschofsky / standard
Android M auf dem Nexus 9.

Erster Blick auf Android M

Kommen wir zu den Neuerungen von Android M selbst. Eine der wohl wichtigsten Änderungen stellt die Überarbeitung des Berechtigungsmodells dar: Die Nutzer können nun also selbst bestimmen, welche App welche Rechte haben soll. Dies funktioniert auf zweierlei Weise. Einerseits wird bei der ersten Nutzung einer Berechtigung in der App gefragt, ob die User zustimmen. Wenn dann etwa ein Programm aus unerfindlichen Gründen nach der Location fragt, können die Nutzer das einfach ablehnen. Zudem ist es aber auch möglich, einer App nachträglich Berechtigungen zu entziehen, dies ist über die App-Details in den Systemeinstellungen möglich.

Entwicklerunterstützung

Ein Ansatz, der natürlich potentiell zu Problemen führen kann, etwa wenn einer App aus Unwissen essentielle Rechte entzogen werden. Also müssen sich alle Entwickler, die das Android M SDK verwenden, überlegen, wie sie mit solchen Situationen umgehen. Google rät bei optionalen Berechtigungen einfach das zugehörige Feature zu deaktivieren, und nicht darauf zu beharren. Ist eine Berechtigung für den Betrieb einer App zwingend nötig, sollen die Nutzer hingegen auf den Grund hingewiesen werden. Bei älteren Apps erlaubt Android zwar auch den Rechteentzug, warnt aber explizit davor, dass dies zu Schwierigkeiten führen kann.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Bei der Einrichtung warnt Google eindringlich vor der Installation. Rein optisch erinnert das Folgende dann stark an Android Lollipop, nur die Farbhighlights wurden verändert.

Geschichte

Dabei handelt es sich um einen direkten Nachfolger der App Ops, die mit Android 4.3 erstmals über eine versteckte Einstellung zu erreichen waren. Diese seien damals eigentlich nur geschaffen worden, um potentielle Probleme bei der Nutzung unterschiedlicher SMS-Apps zu testen, erzählt Burke auf Frage des STANDARD. In Folge habe man das System aber konsequent ausgebaut. Dass es so lange gedauert hat, bis es nun fix in Android gelandet ist, liege nicht an einem Umdenken, sondern einfach daran, dass ein solcher Mechanismus schwierig korrekt hinzubekommen sei, ohne damit allerlei Probleme zu verursachen.

Backup

Die zweite große Neuerung ist eine, die Google verblüffenderweise in seiner Keynote gar nicht angesprochen hat: Es werden nun nämlich sämtliche App-Einstellungen - ausgenommen Caches und temporäre Dateien - automatisch in der Cloud gesichert und bei einer Neuinstallation wieder hergestellt. Dies passiert von Haus aus für alle Apps, die Entwickler können aber auf Wunsch gewisse Informationen ausnehmen. Allen Apps stehen dafür jeweils 25 MB zur Verfügung.

foto: screenshot: andreas proschofsky / standard
In Android M können Apps gezielt Berechtigungen entzogen werden. Dies sollte allerdings nur mit Bedacht eingesetzt werden. Rechts das - etwas versteckte - dunkle Theme.

Custom Tabs

Mit den Chrome Custom Tabs schafft Google eine neue Alternative zur Einbettung von Webseiten in eigene Apps. Im Gegensatz zum klassischen Webview werden bei den Custom Tabs sämtliche Signin-Informationen und Passwörter aus dem Browser übernommen. Für die Nutzer sei es oft verwirrend, warum sie in einer App plötzlich nicht eingeloggt sind, nur weil diese eine Webseite einbettet, so Burke.

Optisch wie gehabt. Fast.

Die visuellen Änderungen halten sich bei Android M bisher im engen Rahmen. Ein paar neue Farb-Highlights hier, leichter Feinschliff hier. Eine Ausnahme bildet der App-Drawer, bei dem sich allerdings die Frage stellt, ob Google diesen wirklich ernst meint. Ganz oben sind die am öftesten genutzten Apps, darunter die vollständige Liste, die nun wieder vertikal scrollt und links mit großen Buchstaben versehen ist. Dies sieht vor allem bei wenigen Apps ziemlich gedrängt aus. Insofern bleibt abzuwarten, was sich hier in Zukunft noch tut. Nett ist jedenfalls schon mal, das nun auch Google an dieser Stelle eine Suchfunktion einführt. Die Widget-Auswahl wurde ebenfalls überarbeitet. Auch sie scrollt nun vertikal, die Einträge sind jetzt nach App sortiert.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Am Lockscreen wurde erneut an der Schriftdarstellung geschraubt, diese ist nun deutlich "fetter" als zuvor. Der App Drawer wurde umgestaltet, und im Schnellstartmenü gibt es nun einen "Do not disturb"-Knopf.

Google <3 MicroSD

Was einige Nutzer verblüffen wird: Nach dem jahrelangen Kampf Googles gegen MicroSD-Karten, bringt Android M nun - nach Lollipop erneut - Verbesserungen für diese. Entsprechende Karten können auf Wunsch mit dem internen Speicher verbunden werden. Dafür werden sie allerdings speziell eingerichtet, sie lassen sich dann also nicht mehr mit anderen Geräten tauschen.

USB Storage

Doch damit nicht genug, ist es in Android M nun ohne weitere Tools möglich, USB-Storage-Devices anzuhängen, diese werden auch direkt im Storage-Manager von Android angezeigt. Besonders interessant dürfte dies für AndroidTV-Geräte wie den Nexus Player sein, der damit einfach lokale Medien einbinden könnte.

Dösende Androiden

Einige Verbesserungen bringt Android M in Sachen Akkulaufzeit, oder genauer gesagt der Standby-Zeit. Dank "Doze" erkennt Android künftig, wenn ein Gerät länger nicht benutzt wird, und verlängert nach und nach die Aufwachzyklen für regelmäßige Tasks. Dies soll etwa bei einem Nexus 9 die Standby-Zeit verdoppeln. Keine Angst: High-Priority-Nachrichten können diesen Schlafzustand noch immer durchbrechen, damit wichtig Informationen weiterhin in Echtzeit durchdringen. Zudem werden diese Sparmodi beim Anhängen des Geräts an den Strom wieder deaktiviert.

Standby

Eine zweite Verbesserung nennt sich App Standby, und sollte vor allem jenen helfen, die eine Vielzahl von Apps installiert haben, diese aber nicht regelmäßig nutzen. Nach einer gewissen Zeit verlieren ungenutzte Apps künftig den Netzwerkzugriff, erst wenn sie wieder gestartet werden, laufen sie wie zuvor.

Fingerabdruck

Rein theoretischer Natur ist derzeit der Fingerprint-Support, gibt es doch bisher noch kein Gerät von Google, dass diesen unterstützt. Als Einsatzgebiet sieht man vor allem die Autorisierung von Bezahlvorgängen mittels des ebenfalls neuen Android Pay. Jedenfalls kann man sich damit jetzt schon mal ausmalen, welche Hardwarekomponente im nächsten Nexus-Smartphone definitiv enthalten sein wird.

Google Now on Tap

Eines der geheimen Highlights der Google I/O-Keynote waren die Neuerungen um Google Now. Bekommt dieses doch mit Android M eine zentrale Rolle in dem Betriebssystem. Mittels eines langen Drucks auf den Home-Button können künftig Kontextinformationen zum gerade im Vordergrund befindlichen Bildschirm abgefragt werden. Also etwa biografische Details zu einer erwähnten Person oder einem Ort. Hierzu wird Googles Knowledge Graph angezapft, das Ganze nennt sich Google Now on Tap. All das wird übrigens systemweit funktionieren, und zwar ohne dass die App-Entwickler irgendwelche Anpassungen vornehmen müssen.

Privacy?

Derzeit ist dies aber noch blanke Theorie, in der aktuellen Preview ist diese Funktion noch nicht enthalten. Trotzdem könnte sich Google Now on Tap aber als eine der wichtigsten Änderungen in der M-Release herausstellen - eine, die aber sicher auch wieder neue Privacy-Diskussionen auslösen wird.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Links der neue Memory Manager, daneben der About-Screen und das noch recht schnöde Easter Egg von Android M.

App Links

Mit den App Links können Entwickler nun eine fixe Beziehung zwischen ihrer Domain und der eigenen App herstellen, wodurch sie automatisch zur Default-App für entsprechende Verweise werden. Dies geschieht über eine Manifest-Datei, die in einem Unterverzeichnis der eigenen Webseite abgelegt wird. Das soll in Zukunft nervige Dialoge ersparen, bei denen die Nutzer bisher nach und nach festlegen müssen, ob sie einen Link jetzt im Browser oder einer App öffnen wollen. Die Möglichkeit auf dem eigenen Gerät andere Apps zu bevorzugen, verbleibt den Nutzern über die Einstellungen weiterhin.

Vermischtes

Dazu kommen eine Reihe kleinere Verbesserungen. Die Lautstärkeneinstellungen wurden nach zahlreicher Kritik erneut überarbeitet, so dass unterhalb von Vibrieren nun wieder ein Lautlos-Modus zu finden ist - "Do not Disturb" genannt, der alles stumm schaltet bis auf den Wecker. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten des Priority-Modus deutlich erweitert. So können über Regeln jetzt beispielsweise Wochenenden ausgenommen werden, und wer will kann Anrufer, die mehrmals innerhalb von 15 Minuten anrufen automatisch durchlassen.

Für Copy & Paste-Aufgaben wird jetzt direkt über einer ausgewählten Stelle ein Floating-Toolbar angezeigt, App-Entwickler können diesen individuell anpassen. Apropos Textauswahl: Diese wurde verfeinert, so dass es nun einfacher ist, die gewünschte Passage tatsächlich korrekt zu erwischen. Wer eine Bluetooth-Tastatur verwendet, wird sich darüber freuen, dass geläufige Shortcuts wie Strg+C endlich funktionieren.

Benachrichtigungen

Die Heads-Up-Notifications, die von oben in den Bildschirm geschoben werden und mit Lollipop eingeführt wurden, lassen sich jetzt pro App deaktivieren. Die Android-Tastatur kennt nun einen optionalen Split-Modus, der in der Landscape-Ansicht bei Tablets die Tastatur-Hälften weiter nach links und rechts verschiebt. Und wenn wir schon beim Tablet-spezifischen sind: Der Benachrichtigungsbereich wird bei entsprechenden Geräten nicht mehr automatisch mittig sondern direkt unter dem Finger heruntergezogen.

In der Kontakt-App lassen sich nun einfacher mehrere Einträge zu einem einzelnen zusammenführen, auch wenn diese Änderung offenbar weiterhin nur lokal durchgeführt wird. Der Dialer wurde grafisch leicht umgestaltet, so dass in der Liste der letzten Anrufe nun mehr Informationen auf den ersten Blick zu sehen sind. Mit den Voice Interactions gibt es eine neue Schnittstelle, die Entwicklern den Einsatz von Sprachkonversationen in ihren Apps erleichtern soll. Das kann man sich so vorstellen, dass die App nach einer anfänglichen Spracheingabe durch die Nutzer noch weitere Details nachfragt.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die Tastatur bietet auf Tablets jetzt einen Split-Modus.

Memory Manager

Etwas versteckt findet sich in den Einstellungen ein neuer Memory Manager, der nicht nur den aktuellen Speicherverbrauch sondern auch den maximalen RAM-Verbrauch in letzter Zeit anzeigt - wodurch das Aufspüren problematischer Apps einfacher werden soll. Neu mit dabei ist der Support für USB C, der unter anderem dazu genutzt werden kann, das Smartphone oder Tablet als Ladegerät für ein externes Gerät zu verwenden. Android M bietet native Unterstützung für einen Bluetooth Stylus, und es können nun externe MIDI-Geräte angeschlossen werden. Zudem gibt es wieder einige Optimierungen in Fragen Grafikperformance. Und die Google-Einstellungen haben einen fixen Bereich in den Systemeinstellungen erhalten. Bisher gab es dafür einen separaten Eintrag im App Launcher.

Dunkles Theme?

Und dann wären da noch zwei Dinge, die in den Developer Settings versteckt aber nicht minder interessant sind. So lässt sich an dieser Stelle nun alternativ ein dunkles Theme auswählen. Hoffnungen auf einen vollständigen Theme-Support sollte man sich dadurch allerdings nicht machen. Googles Dave Burke ist sich auf Frage des STANDARD entsprechend gar nicht sicher, warum diese Funktion eigentlich mitgeliefert wird, unter Umständen seien dies Tests in Hinblick auf die Barrierefreiheit. Aktuell hat das Ganze aber ohnehin lediglich auf die Systemeinstellungen Auswirkung. Zudem gibt es aber noch eine zweite interessante Option in den Developer Settings: Wer ShowSystemUITuner aktiviert, kann die Schnelleinstellungen umsortieren.

Mehrfenster

Noch besser versteckt ist ein Multi-Window-Modus. Wie findige Nutzer entdeckt haben, lässt sich dieser über Änderungen an der build.prop-Datei aktivieren. Damit können dann zwei Fenster nebeneinander angeordnet werden. Das Gebotene ist aber noch reichlich instabil, es dürfte also wohl einen Grund geben, warum Google dieses nicht einfacher zugänglich macht. Trotzdem nährt dies natürlich Hoffnungen für die fertige Version von Android M.

tim schofield (qbking77)
Reichlich experimentell: Der versteckte Mehrfenster-Modus.

Warnung

Bei all dem ist der frühe Entwicklungszustand der Preview unübersehbar, Google übertreibt also mit seinen Warnungen keineswegs. So sind etwa gewisse Instabilitäten mit WLAN-Verbindungen zu bemerken, die bei manchen Geräten zu sehr schlechter Akku-Laufzeit führen. Wer Android M schon jetzt auf seinem Smartphone oder Tablet installieren will, sollte also wissen, worauf er sich einlässt.

Android M für "Moderat"

Im Vergleich zu Lollipop ist Android M derzeit eine im Umfang eher bescheidene Release, wie auch Dave Burke eingesteht. M könne insofern auch für "Moderat" stehen, scherzt der Google-Vizepräsident. Dies muss freilich noch nichts Schlechtes bedeuten, könnte Android doch nach den großen Umbrüchen von Lollipop durchaus mal eine Release brauchen, die sich statt auf große Umbauten lieber mal auf Detailverbesserungen und Feinschliff konzentriert.

Zeitraum

Android M soll nach einer Reihe weiterer Preview-Version im dritten Quartal veröffentlicht werden. Wenn alles gut geht, könnte es bereits Ende August / Anfang September soweit sein. (Andreas Proschofsky aus San Francisco, 7.6.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Eintrittskarte für die Google I/O wurde von Google zur Verfügung gestellt.

Link

Developer Preview für Android M

Nachlese

Google stellt Android M, Brillo und Google Photos vor

Android M: Aus für Nexus 4, Preview zum Download

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