Neuropädiater: "Patschertheit kann Hinweis auf neurologische Erkrankung sein"

Interview29. Mai 2015, 14:42
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Neurologische Erkrankungen im Kindesalter sollten möglichst früh erkannt werden. Wie bestimmte Symptome zu beurteilen sind, erklärt Neuropädiater Günther Bernert

STANDARD: In Wien tagen die Neuropädiater auf einer internationalen Konferenz. Ist der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen in der Neurologie groß?

Günther Bernert: Ziemlich. Und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Das beginnt bereits bei der Beurteilung von Dringlichkeit, wenn es um das Abklären von Symptomen geht. Krankheiten müssen sich nicht unbedingt als Verlust von Fähigkeiten zeigen, so wie in der Erwachsenenneurologie, es kann auch eine Verlangsamung der zur erwartenden Entwicklung sein. Umgekehrt sind die Folgen einer Schädigung, die eventuell schon vor der Geburt eingetreten sind, nicht sofort erkennbar, sondern zeigen sich erst im Laufe von Monaten und Jahren. Wenn wir Diagnosen stellen oder therapieren, tun wir das immer vor dem Hintergrund eines sich dynamisch entwickelnden Nervensystems.

STANDARD: Ist das gut oder schlecht, wenn es um Erkrankungen und Heilung geht?

Bernert: Sowohl als auch. Weil sich das Nervensystem in Entwicklung befindet, kann es bedeuten, dass durch eine neurologische Erkrankung, selbst wenn sie genetisch bedingt ist, die Entwicklungen normal erscheint und Symptome nur Schritt für Schritt auftauchen. Wir müssen unsere Patienten längere Zeit beobachten, bevor wir diagnostische Maßnahmen setzen können. Unsere Betreuung ist meist langfristig.

STANDARD: Neurologische Erkrankungen bei Erwachsenen beginnen oft schleichend. Ist das auch bei Kindern so?

Bernert: Ja, durchaus. Meist sind es die Eltern, die sich mit kleinen, oft unwichtig scheinenden Beobachtungen melden und sich Sorgen machen. Ein Beispiel sind Schädigungen des Nervensystems, die sich als Bewegungsstörungen äußern. Das fällt Eltern oft als Ungeschicklichkeit, als "patschert" auf. In diesem Fall macht es Sinn, sich an eine neuropädiatrische Ambulanz zu wenden. Spezialisten haben oft einen anderen Blick.

STANDARD: Sollte nicht auch jeder Neurologe über die Entwicklung des Nervensystems Bescheid wissen?

Bernert: Nicht unbedingt. Bei der Beurteilung von Entwicklungsbeeinträchtigungen kommt es nicht nur auf die Ausbildung sondern auch auf die Erfahrung an. Die haben wir in den Kinderambulanzen. Denn es gibt Erkrankungen, die im Erwachsenenalter extrem selten sind. Ein gutes Beispiel ist das Segawa-Syndrom. Es ist sehr selten, doch mit Medikamenten gut behandelbar. Entscheidend ist, es als diese Erkrankung zu erkennen. Bleibt es unerkannt, kann es sein, dass die Patienten sich nur mehr mit dem Rollstuhl fortbewegen können.

STANDARD: Kann man sagen, dass Kinder und Erwachsene neurologisch betrachtet an ganz anderen Erkrankungen leiden?

Bernert: Ja, Erkrankungen des Nervensystems, die im Erwachsenenalter selten sind, können im Kindesalter häufig sein und umgekehrt. Die Krankheiten verlaufen oft auch ganz unterschiedlich. Multiple Sklerose ist bei Erwachsenen nicht so selten, bei Kindern und Jugendlichen eigentlich schon. Dafür treten bestimmte Epilepsie-Syndrome und Muskelerkrankungen vor allem bei Kindern auf. Wir können in der Kinderpädiatrie auf eine ganze Reihe von Therapien stolz sein, die wir selbst entwickelt haben.

STANDARD: Zum Beispiel?

Bernert: Bei der Behandlung bestimmter Muskeln bei spastischen Syndromen im Kindesalter, zum Beispiel der Infantilen Zerebralparese. Wir setzen seit fast 20 Jahren Botulinumtoxin ein. Wir waren da Vorreiter. Die Therapie von spastischen Syndromen nach Schlaganfällen bei Erwachsenen wird noch nicht so lange eingesetzt.

STANDARD: Sind neurologische Erkrankungen im Kindesalter mehrheitlich seltene Erkrankungen?

Bernert: Ja. Mit Ausnahme der zentralen Bewegungsstörungen wie der Infantilen Zerbralparese und neuromuskulären Erkrankungen.

STANDARD: Als Folge eines Sauerstoffmangels bei der Geburt?

Bernert: Eher die Folge von vorübergehenden Durchblutungsstörungen des unreifen Gehirns, zum Beispiel bei Frühgeburten. Für diese Kinder und ihre Familien ist Therapie, Förderung und Langzeitbetreuung über viele Jahre notwendig.

STANDARD: Es heißt immer, dass die Regenerationskraft von Kindern erstaunlich ist, das Gehirn so plastisch, dass es Defizite kompensieren kann ...

Bernert: Das kann, muss aber nicht stimmen. Es hängt vom Zeitpunkt und Umfang einer Schädigung aber auch von anderen Risikofaktoren und der entsprechenden Therapie ab. In der Behandlung ist das umfassende Wissen über das menschliche Nervensystem entscheidend. Es beginnt in der Kindheit. (Karin Pollack, 29.5.2015)

  • Günther Bernert ist Neuropädiater am Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital.
    foto: muskelforschung.at

    Günther Bernert ist Neuropädiater am Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital.

  • Schuhe binden können oder nicht: Wenn sich Eltern Sorgen wegen der Patschertheit ihres Kindes machen, ist eine neuropädiatrische Abklärung empfehlenswert.
    foto: apa

    Schuhe binden können oder nicht: Wenn sich Eltern Sorgen wegen der Patschertheit ihres Kindes machen, ist eine neuropädiatrische Abklärung empfehlenswert.

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