"Die Frau in Gold": Faktentreue ist eine schlechte Dramaturgin

29. Mai 2015, 05:30
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Regisseur Simon Curtis hält sich nur bedingt an die tatsächliche Geschichte der Restitution des Gustav-Klimt-Gemäldes

Wien – Mit der Wahrheit muss man es in Hollywood nicht allzu genau nehmen, das ist das Vorrecht der Filmbranche, die das Publikum mit ihren Produkten unterhalten und nicht mit einem Sachverhalts-Exzess langweilen will. Schließlich gilt es Ausgaben zu decken und Gewinne zu erzielen. Ob und in welchem Umfang dies für das US-amerikanisch-britische Filmdrama Die Frau in Gold (Woman in Gold) zutrifft, wird sich weisen. Für die wahre Geschichte der Causa Bloch-Bauer bleibt derlei unerheblich.

Wer diese nicht kennt, wird sie in dieser wohnzimmertauglichen Variante nicht finden und wäre bei Interesse mit Dokumentarfilmen besser bedient: etwa mit Stealing Klimt (Jane Chablani, 2006) oder mit Adele's Wish (Terence Turner, 2008). Denn die vom Drehbuchautor von Woman in Gold eingestreuten Fakten suggerieren eine Realität, die sich von den Tatsachen entfernt hat. In manchen Details übrigens so weit, dass man geneigt ist zu fragen, welche Quellen Alexi Kaye Campbell dafür vorlegen könnte.

In der Praxis dürften ihn Anne Marie O'Conners von Provenienzforschern als Trivialsachbuch eingestuftes The Lady in Gold (Knopf, New York, 2012) und ganz besonders Randol E. Schoenbergs Sichtweise inspiriert haben. Denn gewiss war es nicht Maria Altmanns Rechtsanwalt und Enkel des Komponisten Arnold Schönberg, der die Causa ins Rollen brachte. Ein Eindruck, der entsteht, eben weil Faktentreue in bestimmten Sequenzen fehlt. Sie tritt zugunsten des Darstellers in den Hintergrund, der beim Publikum dafür Sympathiepunkte sammeln darf.

David-gegen-Goliath-Manier

Am Ende ist Ryan Reynolds in dieser Rolle freilich viel smarter als es Randol "Randy" Schoenberg je sein könnte. Ausgleichende Gerechtigkeit möchte man meinen, immerhin will man Olivia Silhavy – mit weißem Hemdblüschen und Perlohrringen – die Hardlinerin Elisabeth Gehrer auch nicht so ganz abnehmen. Selbst die Familiengeschichte der Bloch-Bauers erschließt sich nur in Bruchteilen, in einer Dosierung, wie es für die Dramaturgen in Hollywood erträglich scheint. Und eben weil sich der verfilmte Restitutionsfall in klassischer David-gegen-Goliath-Manier an der faktischen Chronologie (siehe Wissen unten) orientiert, erzeugt er die Illusion einer Realität, der teils widersprochen werden muss. Besonders die Rolle Hubertus Czernins betreffend.

Er war es, der bei Recherchen jene relevanten Dokumente fand, die aus einem anfänglichen Verdacht eine reale Causa werden ließ. Dokumentiert etwa über im STANDARD publizierte Artikel als Teil einer viel beachteten Serie über Kunstraub 1998, die den Verbleib jüdischer Sammlungen thematisierte und das Bewusstsein für Versäumnisse ebnete.

Und er war es, der die Erben nach Ferdinand Bloch-Bauer darüber informierte, auf welche Weise die fünf Gemälde Gustav Klimts in den Besitz der Republik gekommen waren. Details, die man ihm, im Range eines publizistischen Unterstützers von Maria Altmanns Forderungen, offenbar nicht zugestehen wollte. Seine Motivation für Restitutionsangelegenheiten als Kompensation eines Traumas darzustellen, weil er 14-jährig von einer NSDAP-Mitgliedschaft seines Vaters erfahren habe, das ist nicht nur Unsinn, sondern eine glatte Lüge.

Information im Abspann

Tatsächlich hatte Hubertus Czernin davon erst kurz vor seinem Tod im Juni 2006 erfahren. Zwei Wochen später wurde bekannt, dass Ronald Lauder das von Klimt gemalte Porträt Adele Bloch-Bauer I (1907) von Maria Altmann für 135 Millionen Dollar erworben hatte. Der Spielfilm selbst endet mit der Restitution. Die Information findet sich nur im Abspann vermerkt; ebenso, dass Randol Schoenberg Teile seines Honorars für den Neubau des Los Angeles Holocaust-Museums stiftete. Laut Princeton Alumni Weekly, die ihm jüngst eine Covergeschichte widmete, bekam er 40 Prozent des Verkaufserlöses.

Die vier anderen Bloch-Bauer-Klimts hatten im November 2006 bei Christie's in New York 192,7 Millionen Dollar eingespielt. Allein an dieser Causa verdiente Randol Schoenberg ein Vermögen und war Maria Altmann rückblickend seine ganz persönliche "Golden Lady". (Olga Kronsteiner, 29.5.2015)

Wissen: Der Fall Bloch-Bauer 1998–2006

November 1998: Maria Altmann erhebt offiziell Anspruch auf fünf im Belvedere befindliche Klimt-Gemälde.

Juni 1999: Der Kunstrückgabebeirat lehnt eine Restitution ab.

September 1999: Die Bloch-Bauer-Erben bringen in Wien die Klage ein; aufgrund der drohenden Gerichtsgebühren (1,74 Millionen Euro) verlagert sich der Rechtsstreit vorerst in die USA.

August 2000 bis Juni 2004: Anwalt Randy Schoenberg bringt in Los Angeles Klage gegen die Republik Österreich ein, die eine Zuständigkeit des US-Gerichts bestreitet; das US-Höchstgericht erkennt die Zuständigkeit an; erster Verhandlungstermin: November 2005.

Mai 2005: Die Parteien einigen sich auf ein Schiedsverfahren, zum Vorsitzenden wird Peter Rummel (Uni Linz) bestellt.

Jänner 2006: Das Schiedsgericht spricht sich für die Rückgabe aus. Die Republik restituiert. Österreich verzichtet auf Ankauf.

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Filmkritik: Der Wert der Erinnerung

Hubertus Czernin (1956-2006) im Interview: "Das alles ist eine riesige Frechheit"

Versteigerung der an Maria Altmann restituierten Klimt-Gemälde: Adeles Millionen-Dollar-Show

Dokumentarfilme zur Causa Bloch-Bauer

Stealing Klimt

Adele's Wish

  • Die britische Schauspielerin Helen Mirren gibt in "Die Frau in Gold" die Klimt-Erbin Maria Altmann.
    foto: ascot elite

    Die britische Schauspielerin Helen Mirren gibt in "Die Frau in Gold" die Klimt-Erbin Maria Altmann.

  • Maria Altmann 2006 in Los Angeles vor dem ihr im selben Jahr zugesprochenen  Klimt-Gemälde "Adele Bloch-Bauer I" von 1907.
    foto: reuters/pizzolo

    Maria Altmann 2006 in Los Angeles vor dem ihr im selben Jahr zugesprochenen Klimt-Gemälde "Adele Bloch-Bauer I" von 1907.

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