Uefa boykottiert Fifa-Kongress nicht

28. Mai 2015, 19:31
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Zu großen Teilen werden die europäischen Verbände für Sepp Blatters Gegenkandidaten Prinz Ali bin al-Hussein votieren

Zürich - Das Schmierenstück um Fifa-Präsident Sepp Blatter nähert sich seinem Höhepunkt: Am Freitag wird sich der verrufene Boss auf dem Zürcher Kongress des Weltfußballverbandes der Wiederwahl stellen. Der 79-jährige Schweizer hat gute Chancen, zum 5. Mal hintereinander zum mächtigsten Mann des populärsten Sports der Welt gekürt zu werden – trotz eines Sumpfes aus Korruption, trotz Razzia in der Fifa-Zentrale, trotz Festnahmen einer Reihe seiner engsten Gefolgsleute. Und trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen an seine Adresse – auch von europäischen Spitzenpolitikern.

"Tritt zurück, lass es sein"

Am Donnerstagmorgen drängte ebenso Michel Platini, der Präsident des mächtigen europäischen Fußballverbandes Uefa, Blatter zur Aufgabe. Platini erklärte dem Fifa-Boss in einem Vier-Augen-Gespräch in Zürich: "Tritt zurück, lass es sein." Platini machte Blatter klar, dass die Fifa einen Neustart brauche – einen Neustart ohne Blatter, der die Fifa seit 1998 nach Gutsherrenart beherrscht. "Sepp" habe betroffen reagiert, betonte Platini nach dem Showdown. Doch Blatter wies die Demissions-Forderung zurück. Offensichtlich fiel Platini das Gespräch mit dem Fifa-Lenker nicht leicht: Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten. Er empfinde für Blatter noch immer "freundschaftliche" Gefühle, versicherte Platini.

Später, nach einer Krisensitzung mit Mitgliedsverbänden der Uefa, rief Platini zur Wahl des einzig verbliebenen Blatter-Konkurrenten auf. Der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein brauche die Unterstützung der 209 Mitgliedsverbände der Fifa. Eine "sehr, sehr, sehr, große Mehrheit" der 54 europäischen Verbände werde für den Prinzen votieren. Falls der Jordanier es nicht schaffen sollte, drohte Platini mit Konsequenzen: Ein Rückzug der Europäer aus Fifa-Wettbewerben und -Gremien sei möglich.

Blatters treue Gefolgschaft

Allerdings zeichnete sich am Donnerstag ab, dass sich der schwer angeschlagene Amtsinhaber Blatter sich noch auf eine Mehrheit stützen kann. Dem "Paten" des Fußballs sind vor allem Vereinigungen aus Lateinamerika, Afrika und Asien treu ergeben.

Zunächst hatten Spekulationen die Runde gemacht, wonach die Uefa-Verbände die Wahl Blatters boykottieren könnten. Oder dass die Europäer eine spätere Entscheidung fordern könnten. Die Uefa selbst hatte mit dem Statement "Uefa zeigt dieser Fifa die Rote Karte" vom Mittwoch die Spekulationen angeheizt. Darin hieß es: "Aktuell sind die Mitglieder des Uefa-Exekutivkomitees davon überzeugt, dass es zwingenden Bedarf für einen Führungswechsel in dieser Fifa gibt und dass der Fifa-Kongress verschoben werden sollte, um innerhalb der nächsten sechs Monate eine neuerliche Fifa-Präsidentschaftswahl zu organisieren." Doch offensichtlich konnten sich die Befürworter einer harten Anti-Blatter-Linie nicht durchsetzen – oder sie ruderten zurück. Ein Boykott durch die Europäer hätte den Fifa-Kongress und die Wahl Blatters vollends zur Farce gemacht.

Mega-Krise nach Festnahmen

Eine Justiz- und Polizeiaktion gegen die Fifa hatte die Mega-Krise um den Weltfußballverband ausgelöst. Das Schweizer Bundesamt für Justiz hatte am Mittwoch sieben hochrangige Fußball-Funktionäre festnehmen lassen, darunter die zwei Fifa-Vizepräsidenten. Die Verhafteten warten jetzt auf die Auslieferung in die USA, wo sie ein Strafverfahren im Zusammenhang mit Bestechungszahlungen von mehr als 100 Millionen US-Dollar erwartet. Ebenfalls am Mittwoch beschlagnahmte die Schweizer Bundesanwaltschaft elektronische Daten und Dokumente in der Zürcher Fifa-Zentrale. Die Bundesanwälte ermitteln zu den undurchsichtigen Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 durch die Fifa. Der Verdacht: Es floss reichlich Schmiergeld, das auch noch "gewaschen" wurde.

Nach dem Doppelschlag gab sich Blatter aber weiter stur – und präsentierte sich als Mann mit dem eisernen Besen: "Derartiges Fehlverhalten hat im Fußball keinen Platz." Die Verantwortlichen würden "aus dem Fußball entfernt", beteuerte der Langzeit-Präsident. Bis Donnerstagnachmittag folgte die Vorwärtsverteidigung der Fifa dem Motto: Sepp Blatter gehört nicht zu den Verhafteten, er ist nicht in mögliche Schmutzgeschäfte verwickelt. Deshalb werde er seine "Mission" fortsetzen.

Blatter macht sich rar

Und enge Blatter-Freunde, wie Jean-Paul Brigger, lobhudelten weiter über den Fifa-Boss: Blatter könne "einstecken wie kein anderer. Aufgeben gibt es für ihn nicht." Und: "Er geht mit Obama gleich um wie mit einem Mann auf der Straße." Am Donnerstag machte sich Blatter in der Öffentlichkeit zunächst rar. So sagte er eine lange angesetzte Rede beim Mediziner-Kongress der Fifa ab. Vor dem Theater 11 in Zürich aber war schon am Morgen der rote Teppich ausgerollt, in dem futuristisch anmutenden Bau eröffnete die FIFA um 17 Uhr ihren 65. Kongress: Lange hatte Blatter eine fröhliche Show geplant, mit ihm selbst als strahlenden Hauptdarsteller. Wie in den guten alten Tagen, als der Boss sich auf Fußballkongressen huldvoll feiern ließ. Am Freitag bis 9.30 Uhr soll dann die "Fifa-Familie" im Zürcher Hallenstadion eintreffen, um nach Blatter-Drehbuch die Entscheidungen zu treffen: Die Absegnung des Geschäftsgebarens der Fifa-Granden - und als Höhepunkt steht der Tagesordnungspunkt 17 auf der Agenda: "Wahl des Präsidenten". (Jan Dirk Herbermann aus Zürich, 28.5.2015)

  • Uefa-Boss Michel Platini: "Ich habe ihm gesagt: 'Bitte verlasse die Fifa. Lass es sein. Genug ist genug.'"
    foto: reuters/sprich

    Uefa-Boss Michel Platini: "Ich habe ihm gesagt: 'Bitte verlasse die Fifa. Lass es sein. Genug ist genug.'"

  • Niederländischer Verbandspräsident Michael van Praag: "Es wird keinen Boykott geben, weil es neben der Präsidentenwahl weitere wichtige Fragen zu klären gibt."
    foto: reuters/sprich

    Niederländischer Verbandspräsident Michael van Praag: "Es wird keinen Boykott geben, weil es neben der Präsidentenwahl weitere wichtige Fragen zu klären gibt."

  • Der englische Verbandspräsident kurz und bündig:  "Sepp Blatter muss als Fifa-Präsident gehen."
    foto: reuters/sprich

    Der englische Verbandspräsident kurz und bündig: "Sepp Blatter muss als Fifa-Präsident gehen."

  • Sepp Blatter eröffnet den Kongress. Seine Mission will er fortsetzen.
    foto: reuters/wiegmann

    Sepp Blatter eröffnet den Kongress. Seine Mission will er fortsetzen.

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