Mehr Frauen im Tempel der Helden in Frankreich

28. Mai 2015, 19:38
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Frankreichs "große Männer" erhalten Gesellschaft: Präsident Hollande ehrt bewusst zwei Frauen im Pariser Panthéon

72 Helden der Nation liegen in den kalten Steingrüften des Panthéon, dessen Kuppel über ganz Paris strahlt. Wohlgemerkt: 72 Männer. "Aux Grands Hommes, la patrie reconnaissante", lautet die Inschrift über dem Mausoleum, das nach der Revolution von einer Kirche zu einem Ruhmestempel der säkularen Republik mutierte. Unter den "großen Männern des dankbaren Vaterlandes" sind so bekannte Namen wie Voltaire, Victor Hugo, Jean-Jacques Rousseau oder Émile Zola; die größten Abwesenden sind Charles de Gaulle, der in seinem Dorf Colombey-les-Deux-Églises ruhen wollte, und Napoleon, der im Pariser Invalidendom unter einer eigenen Goldkuppel liegt. Dabei sind hingegen die Atomphysikerin Marie Curie sowie eine gewisse Sophie Berthelot – Letztere aber nur, weil ihr illustrer Senatorengatte neben ihr beerdigt sein wollte.

Am Mittwoch hat François Hollande die Zahl der großen Frauen der Nation auf einen Schlag verdoppelt. In einer aufwendigen Zeremonie in Rot-Weiß-Blau wurden die sterblichen Überreste – in Wahrheit ein Stück Erde der bisherigen Gräber – von Germaine Tillion und Geneviève de Gaulle-Anthonioz ins Panthéon überführt. Beide waren Widerstandskämpferinnen im Zweiten Weltkrieg, beide überlebten das Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie einander auch persönlich kennenlernten.

foto: reuters/charles platiau
Präsident François Hollande nutzt die Gelegenheit für einen staatsmännisch-historischen Auftritt bei der Zeremonie für die vier Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer.

Und beide schrieben nach dem Krieg ergreifende Berichte über diese Zeit, um sich dann sozial zu engagieren. Die Ethnologin Tillion (2008 verstorben) setzte sich unter anderem für die Tuareg-Nomaden Algeriens ein. De Gaulle-Anthonioz (2002 verstorben), eine Nichte von General de Gaulle, war noch bekannter dank ihrer Organisation "ATD Quart Monde", mit der sie gegen Armut und Ausgrenzung kämpfte.

Neben diesen zwei Frauen wurden auch zwei Männer "panthéonisiert". Pierre Brossolette und Jean Zay waren im Weltkrieg ebenfalls ohne Verzug in den Untergrund abgetaucht und hatten in den Händen der Gestapo ihr Leben gelassen. Ihre "Nominierung" durch Präsident Hollande war in der politischen Rechten umstritten: Brossolette rivalisierte im Widerstand mit Jean Moulin, dem größten Résistance-Helden Frankreichs; und der jüdische Sozialist Zay hatte als 20-Jähriger die Nationalflagge in einem Gedicht über den Ersten Weltkrieg "zum Hinternwischen" empfohlen, da sie Millionen von Frauen ihre Männer entrissen habe.

foto: ap photo/remy de la mauviniere
Bilder der vier Widerstandskämpfer Pierre Brossolette, Germaine Tillion, Geneviève de Gaulle-Anthonioz und Jean Zay zieren das Panthéon in Paris.

Hollande wählte das neue Panthéon-Quartett sehr sorgfältig aus, wie es das ungeschriebene Vorrecht des Staatschefs ist. Nur die Angehörigen der Geehrten können Einspruch erheben. Sie taten es einmal 2009, als Ex-Präsident Nicolas Sarkozy den Literaturnobelpreisträger Albert Camus für einen Panthéon-Platz vorschlug. Vor ihm hatte Jacques Chirac den – teils von Sklaven abstammenden – Schriftsteller Alexandre Dumas in den Ruhmestempel der Republik überführen lassen. Der Sozialist François Mitterrand hatte nach seiner Wahl 1981 auf mehrere Panthéon-Sarkophage roten Rosen gelegt – und mit diesem sehr symbolischen Akt seine ganze Präsidentschaft bis 1995 geprägt.

Hollande versucht sich nun in seinen Fußstapfen. Im Bemühen, sein Image eines "président normal" abzustreifen und durch einen staatsmännisch-historischen Auftritt zu ersetzen, schritt er wie seinerzeit Mitterrand vor laufenden Kameras die Rue Soufflot zum Panthéon empor. Seine Rede war ein einziger Appell an den "Geist der Résistance". Heute bedeute dies, den Fatalismus zu bekämpfen und mit ihm "die Gleichgültigkeit gegenüber Rassismus, Fanatismus oder Klimaerwärmung", meinte Hollande.

foto: reuters/philippe wojazer
Das neue Panthéon-Quartett zieht in den Ruhmestempel der Republik.

Trotz der hehren Worte wollte die halbstündige Ansprache nicht recht zünden. Nicht jedermann inszeniert sich so gekonnt wie Mitterrand, nicht jeder verfügt über so viel Charisma. Frankreich hat sich zudem verändert, seine Bürger schwelgen weniger in der grandiosen Vergangenheit oder der fast schon rituellen Erinnerung an die Résistance. "Auch die schönste Rede wird die Arbeitslosigkeit, die soziale Ungleichheit, das Schulversagen, die Unsicherheit oder die Budgetdefizite nicht reduzieren", meinte "Le Figaro" an die Adresse des Élysée-Palastes, um zu titeln, Hollande sei "auf der Suche nach Geschichte". Vorerst bleibt es bei der Suche. (Stefan Brändle, 28.5.2015)

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