Öffentliches Denken oder warum ich Zeugs ins Internet stelle

Blog29. Mai 2015, 05:30
21 Postings

Antje Schrupp über ihre Motive dafür, Fotos und Postings auf Social Media zu teilen

Neulich fühlte ich mich kurzzeitig ertappt, weil ich in einer Kolumne von Menschen las, die durch die Gegend laufen und alles daraufhin "scannen", ob es vielleicht brauchbar ist für ein Posting auf Facebook, Instagram, Twitter. Das mache ich nämlich auch oft, dass ich Erlebnisse und Dinge, die mir auffallen, gleich im Kopf "übersetze" in ein Foto, in einen Tweet, in einen Blogpost.

Erwischt! Ich bin ja gar nicht mehr richtig im Leben! Ich missbrauche das richtige Leben für meine mediale Selbstdarstellung im Internet! Stimmt diese Erzählung?

Social Media als "Abflusskanal"

Wenn ich über meine eigene diesbezügliche Praxis nachdenke, dann würde ich es eher so beschreiben, dass Social Media für mich einen "Abflusskanal" für die Sachen bilden, die mir durch den Kopf gehen. Mir fällt etwas auf, mich wundert etwas, ich habe einen Gedanken, eine Idee, eine Frage – und ab damit ins Internet.

Mache ich das wegen der Likes? Ist das Narzissmus? Ich glaube nicht, dass das das Hauptmotiv ist, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass es vielleicht auch eine Rolle spielt.

Andererseits ist es aber doch so, dass die interessantesten und originellsten Sachen (aus meiner Sicht) nicht unbedingt die sind, die mit den meisten blauen Daumen belohnt werden. Es gibt im Internet eine gewisse (allerdings keine zwingende!) Korrelation zwischen der Banalität eines Postings und der zahlenmäßigen Resonanz. Es wird nicht unbedingt Originalität "belohnt", sondern in der Regel Wiedererkennbarkeit, Mainstream.

Ein Quäntchen positiver Wahrnehmung

Ich finde das auch gar nicht schlimm. Bei privaten Accounts hat dieser Mechanismus ja auch keine schlimmen Folgen, anders als etwa auf den professionellen (und aus kommerziellen Gründen auf Resonanz angewiesenen) Contentlieferanten. Aber ich bin nicht so dumm zu glauben, dass meine Ideen dann besonders toll sind, wenn sie massenweise Zustimmung bekommen. Ich freue mich durchaus über Likes und Retweets, denn sie bedeuten, dass jemand sich kurz über etwas von mir gefreut hat, dass etwas von mir irgendwo ein Quäntchen positiver Wahrnehmung verursacht hat, und das ist doch schön. Es ist aber für mich nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Dokumentieren meiner Einfälle und Wahrnehmungen, wofür es seit dem Internet eine technologische Möglichkeit gibt, die es früher nicht gab. Mit "Mikropostings" im Internet denke ich sozusagen öffentlich. Früher gab es nur die Möglichkeit, diese Eindrücke mit denjenigen zu teilen, die zufällig in der betreffenden Situation ebenfalls anwesend sind – he, guck mal hier! Ich denke dazu das, was meinst du?

Das ist übrigens immer noch sehr wichtig für mich. Aber es ist ja nicht immer jemand da, wenn mir was durch den Kopf geht. Social Media erlauben mir gewissermaßen, den Kreis solcher "Reflexions-Gesprächspartner_innen über Alltagskleinigkeiten" in eine größere Öffentlichkeit hinein auszuweiten.

Nicht die Anzahl der "Likes" ist wichtig

Vielleicht kennt sich jemand mit dem Thema aus, war auch schon mal an diesem Ort, whatever! Ich merke schnell, wenn eine Idee Bullshit ist oder jedenfalls starke Schwächen hat, weil von Leuten, deren Urteil ich was zutraue, entsprechende Hinweise kommen. Oder andersrum, dass an einer Idee was dran ist, weil sie weitergedacht und gelobt wird.

Apropos blauer Daumen: Ich schaue dabei nicht auf die Zahlen, aber das bedeutet nicht, dass mir die Reaktionen egal wären. Sondern ich achte sehr genau darauf, von wem ein Like, ein Kommentar, ein Retweet kommt. Die reine Quantität des Zuspruchs ist mir egal, es gibt aber Leute, die für mich Autorität haben, sei es, weil ich sie generell für klug halte oder weil ich weiß, dass sie sich auf einem bestimmten Gebiet auskennen. Deren Reaktionen nehme ich wahr, und zwar auch dann, wenn es nur ein kleiner Like oder ein gepostetes Fragezeichen ist.

Warum posten wir?

Dieser kleine, tägliche, unspektakuläre Austausch ist für mich inzwischen so eine Art Werkzeug meines Denkens geworden, ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte. Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten.

Was ich vor Jahren schon mal in Bezug aufs Bloggen sagte, nämlich "Ich schreibe nicht für euch!", das kann ich eigentlich genauso für meine "Mikroäußerungen" auf Facebook, Twitter oder Instagram sagen: Ich poste das nicht "für euch", ich poste das "für mich".

Aber ohne euch bin ich eben nix. (Antje Schrupp, 29.5.2015)

Antje Schrupp stellt dieStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge ihres Blogs zur Veröffentlichung zur Verfügung.

  • Die reine Quantität des Zuspruchs ist mir egal, es gibt aber Leute, die für mich Autorität haben, sei es, weil ich sie generell für klug halte oder weil ich weiß, dass sie sich auf einem bestimmten Gebiet auskennen.
    foto: ap/ jeff chiu

    Die reine Quantität des Zuspruchs ist mir egal, es gibt aber Leute, die für mich Autorität haben, sei es, weil ich sie generell für klug halte oder weil ich weiß, dass sie sich auf einem bestimmten Gebiet auskennen.

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