Schiffe einer glücklichen Kindheit

Glosse28. Mai 2015, 13:42
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Jede halbwegs mit glücklichen Perioden ausgestattete Kindheit ist nur ein Fischerdorf auf einer Insel in einem Meer, wohin wir immer zurückwollen. Von Schiffen und Troglodyten, Teil 2

Schiffe sind wie Menschen. So heißt es in einem dalmatinischen Lied. Das Leut "Miće" lebt viele Jahre lang im Hafen von Sutivan.

Metamorphose

Miće ist weiß und eines der größeren Schiffe seiner Art. Von Bug bis Heck sind es knapp zehn Meter, der Laderaum fasst fünf bis sechs Tonnen Fisch. Doch Miće transportiert schon lange keinen Fisch mehr, sondern Sand und Zement. Der kurze Mast, der früher ein lateinisches Segel trägt, ist jetzt Teil eines Krans mit einem Greifer für Sand, angetrieben von einer Motorwinde, die zwischen Mast und Ladeluke in die Holzplanken geschraubt ist.

Und da, wo früher die Pinne über das offene Deck ragt und manchmal, wenn die Adria zornig ist, von zwei Männern gebändigt werden muss, ist jetzt ein kleines Deckhaus. Die Pinne ist Zierde irgendwo im Haus, und das Ruder bedient der Kapitän, der hier Barba (Onkel) oder Gospodar (Herr, Herrscher) genannt wird, mit Seilzügen über ein Steuerrad. Unter dem Deckhaus ist der Motor und vorne am aufragenden Bug eine kleine Kabine für die Besatzung, dazwischen der Laderaum.

Wie alle Schiffe, die Meeresbewohner besitzen und betreiben, ist alles dem Nutzen unterworfen. Miće ist ein Nutzfahrzeug. Und was an allen Schiffen, die die Adria hierorts hervorbringt, als schön oder elegant oder den Ästhetiknerv reizend empfunden wird, ist doch nur ein Nebenprodukt der Realität der Wellen, der Winde und des Verwendungszwecks. Die großen Bracere und Trabakuli haben einen bauchigen Bug, der die lästigen Kreuzwellen zwischen den Inseln einfach beiseiteschiebt. Die Gajete und Leuti, die kleiner sind, haben einen geschwungenen, aufragenden Bug, mit dem sie die Wellen schneiden und ausreiten.

Miće ist nur noch eine Erinnerung. In der Wirtschaftskrise vor dem Balkankrieg und während des Krieges sterben viele Holzschiffe an Vernachlässigung. Zum Beispiel, weil sie nicht kalfatert werden. Erst vor wenigen Jahren sinkt so die letzte Koča von Sutivan, die mit ihrem Schleppnetz vier Familien ernähren kann, einfach über Nacht im Hafen. Man beauftragt Benko mit seinem Greifbagger, die Koča unter Wasser zu zermalmen und die Trümmer an Land zu heben. Was von ihr bleibt, ist nur ein Dieselfleck und der Geruch nach Schmieröl, die einige Tage später auch verschwinden. Und ein Video im Internet.

Im Bauch des Leut

In meiner Erinnerung lebt Miće, seit ich vier bin. Es ist eine dieser Erinnerungen, die man in einem Text als "schemenhaft", "dunkel" oder "undeutlich" bezeichnet. Es sind nur Blitze aus Helligkeit und Dunkelheit, Zementstaub, dem Lärm des Dieselmotors und dem Geruch nach Treibstoff, Öl und nassem Sand. Mein Großvater hält mich fest in seinen Armen, weil alles hier schwankt. In kurzen Abständen schwebe ich mit dem Opa, wenn Miće von einer größeren Welle angehoben wird und dann wieder auf das Meer klatscht.

Später erzählt man mir, dass an diesem Tag kein Linienschiff nach Sutivan fährt, weil etwas an der Maschine kaputt ist. Die Bračani aus Supetar, Bol und den anderen Dörfern murren unmutig in Richtung Brücke und verlassen das Schiff. Sie werden die Autofähre nach Supetar nehmen oder bei Freunden und Verwandten in Split unterkommen und am nächsten Tag fahren. Die Stivanjani unter den Passagieren haben jedoch Glück. Und ihr Glück ist Miće. Sein Gospodar ist soeben mit dem Löschen einer Ladung Zementsäcke fertig und will nun zu Frau und Kindern zurück. Meine Oma hat meine Schwester im Arm, mein Opa führt mich an der Hand, die Sonne ist hell, der Himmel blau, und ein kalter, böiger Wind, die letzten Zuckungen einer Bura wohl, lässt mich frieren.

Wir eilen den Stivanjani hinterher, die ersten gehen schon an Bord. Doch der Gospodar des Miće, Barba Jerolim, der einer besonders geizigen Familie entstammen soll, ist der Ansicht, seine Nachbarn, Cousins ersten und zweiten Grades und erst recht wir Dazukömmlinge seien einfach eine unerwartete Ladung. Zumal eine, die ihren Transport nach Sutivan selbst und sofort bezahlen kann. So muss jeder, der mitfahren will, genauso viel zahlen wie für das Linienschiff nach Sutivan. Man murrt, man feilscht, manche erinnern Barba Jerolim an schuldig gebliebene Gefälligkeiten. So bekommt fast jeder Kopf am Ende doch einen eigenen Preis.

Nur mein Opa drückt dem Gospodar ohne Diskussion den geforderten Betrag in die schwielige Hand. Opa sagt später über diesen Abend, er habe es nur deswegen so eilig gehabt, dass wir vor Sonnenuntergang in Sutivan ankommen, weil in unserem unfertigen Haus nur Petroleumlampen Licht geben und die Oma schon bei Tageslicht schlecht kocht. Meine letzte Erinnerung an diesen Tag sind trockene Kleider aus dem Koffer und der Geschmack von warmer Milch mit Honig und Margarine.

Kamikaze von Sutivan

Miće liegt immer nur dann vertäut vor dem Hotel Vesna, das damals nur ein Gespenst aus anderen Zeiten ist und seit dem Zweiten Weltkrieg keine Gäste mehr beherbergt, wenn gerade keine Ladung Sand nach Split zu fahren ist. Als ich etwas älter bin, sitze ich oft an der Großen Mole und sehe zu, wie Barba Jerolim und seine Cousins den Sand in den Bauch des Leut laden.

Wenn das Meer spiegelglatt ist, was man hier als "bonaca" bezeichnet, lädt Jerolim seinen Leut weit über die amtliche Markierung. Er vertraut darauf, dass Miće gut kalfatert ist, der Deckel des Laderaums dich schließt und der Motor trocken bleibt. Dann verwandelt er sein Holzschiff in ein Tauchboot. Am Ende, nachdem Jerolim und seine Besatzung auf dem Lukendeckel auf und ab hüpfen und ihn verzurren, ragt das Deck nur wenige Zentimeter über den totenstillen Meeresspiegel heraus. Schon die Wellen von vorbeifahrenden Booten lassen das Meer über das Deck schwappen und an der Ladeluke anbranden. Doch wenn er sein Schiff so überlädt, muss Jerolim weniger oft die Strecke nach Split und vor allem leer wieder zurück fahren. Das Übergewicht kostet weniger Treibstoff als eine Leerfahrt und bringt so mehr Gewinn für alle. Das ist die simple Mathematik, die Jerolim und seine Besatzung zu diesen Kamikazefahrten verleitet, selbst wenn zwischen Sutivan und Split keine bonaca die Wellen glättet, sondern ein handfester Maestral die Wellenkämme weiß schäumen lässt.

Dann sagt Jerolim, die Wellen kämen sowieso direkt in den Bug, und weil Miće ja gut kalfatert ist und der Maestral außerdem die Wellen herabdrückt, werden sie einfach über das Deck hinwegrollen. Alle diese wissenschaftlichen Theorien des Barba Jerolim sind offensichtlich zutreffend, denn am Anfang der 1980er-Jahre ist sein Schiff zwar vernachlässigt und nun arbeitslos, aber in schwimmfähigen Zustand immer noch vor dem leeren Hotel Vesna vertäut, wenn ich zu Sommerbeginn zum ersten Mal aus dem Linienschiff steige.

Das kurze Ende

Dass Miće nicht mehr im Einsatz ist, sehe ich an der abblätternden Farbe und dem Bewuchs am Rumpf. Die Sandschaufel am Kran ist rostig, so wie die Winde. Alle Taue sind flusig und, wo sie im Meer hängen, mit langen grünen Algenfäden bewachsen. Trauben von Miesmuscheln siedeln am Ruderblatt.

Und dann, im Sommer 1981 oder 1982, als das große weiße Linienschiff "Vladimir Nazor" in Sutivan einläuft, ist an Mićes Liegeplatz nur noch das Beiboot vertäut, das ebenfalls Miće heißt. Im selben Sommer gibt die mürbe gewordene Kalfaterung endlich nach, und das kleine Boot sinkt. Und weil es Nacht ist und Sutivan schläft, so mein pathetisches Kopfkino, klingt das Geräusch, das beim Absaufen des "kleinen" Miće zweifellos entsteht, wie ein letztes Seufzen.

Das ewige Fischerdorf

Seit der böigen Überfahrt von Split nach Sutivan betrete ich Miće nie wieder. Für den Rest meiner Kindheit, immer wenn das Linienschiff anlegt und mein Sommer beginnt, sehe ich das alte Leut vertäut vor dem Hotel Vesna und fühle dann, es sei in Sutivan alles noch so, wie ich es im letzten Sommer zurücklasse. Freilich ist nicht Miće dafür verantwortlich, dass Sutivan die beruhigende und behagliche Illusion der Zeitlosigkeit besitzt. Jede halbwegs mit glücklichen Perioden ausgestattete Kindheit ist nur ein Fischerdorf auf einer Insel in einem Meer, wohin wir immer zurückwollen. Bei mir ist das wörtlich der Fall, weil Belgrad und Wien für mich viel weniger glückliche Orte sind als das Fischerdorf Sutivan auf der Insel Brač im Adriatischen Meer.

Dass sich in Sutivan kaum etwas ändert und Miće immer wieder aufs Neue und scheinbar für immer vor dem Hotel Vesna auf mich wartet, liegt vielmehr daran, dass die modernen Zeiten immer mit Verspätung in Fischerdörfer auf Inseln dringen. Und am Kommunismus. Es gibt nichts für die Stivanjani zu gewinnen, wenn sie aus dem Rahmen ihres traditionellen und von der Volksmacht geduldeten Familienkleinkapitalismus aus Olivenhainen, dem Fischfang, dem Wein- und Ölpressen und der Vermietung von Zimmern im Sommer treten würden.

Der Zeitpunkt, zu dem die modernen Zeiten über Sutivan kommen wie ein Dammbruch oder, besser, wie ein Tsunami, ist genau bekannt. Am Ende des Kroatienkrieges beginnt ein Bauboom, der die Anzahl der Gebäude in Sutivan in nur wenigen Jahren verdreifacht. Die großen der alten Schiffe von Sutivan sind verschwunden. Die Gajeta von Ivo Sila und drei, vier andere der kleineren Schiffe sind noch da. Und reiten auf den Wellen. Noch. (Bogumil Balkansky, 28.5.2015)

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