Experte über Blatter: "Könige buckeln vor ihm"

Interview28. Mai 2015, 07:05
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Thomas Kistner schrieb einen Bestseller über die Fifa. Der Journalist aus Deutschland kennt die mafiösen Machenschaften des Weltverbandes unter dem Patriarchen Blatter, der "keine echten Qualitäten " hat

STANDARD: Übersteht der Weltfußball eine fünfte Amtsperiode von Joseph Blatter?

Kistner: Was ist der Weltfußball? Das trübe Geschäft mit dem Weltfußball übersteht wohl auch noch diese Amtszeit. Die Frage ist, ob die Fifa das auf die Dauer übersteht. Es geht nicht nur um die nächste Amtszeit, sondern es geht darum, dass Blatter diese Amtszeit nützen wird, um seine Nachfolge zu regeln. Da können wir uns schon einmal warm anziehen.

STANDARD: Wer wird Nachfolger?

Kistner: Bis gestern standen nur zwei Personen im Raum: Shaik Talal Fahad Al Sabah aus Kuwait und der Verbandschef von Karibik, Nord- und Mittelamerika, Jeffrey Webb. Der kommt aus der großen Fußballnation Kaimaninseln, dort wird zwar nicht gekickt, aber das Bankgeheimnis hochgehalten. Die Briefkastenfirmen kennt man. Er wäre prinzipiell der richtige Mann, aber das dürfte sich nun erübrigt haben. Al Sabah ist wesentlich stärker, das ist eine der großen Figuren im Weltsport, der kommt jetzt auch in den Fifa-Vorstand. Der hat schon Thomas Bach an der IOC-Spitze installiert.

STANDARD: Muss man sich also fürchten?

Kistner: Man muss sich vor jeder Monopolisierung der Macht fürchten, das ist ungut. Der Sport besteht nur aus einer ganz kleinen, eng vernetzten Familie. Wenn so ein Clan sämtliche Bereiche übernimmt, muss man sich Gedanken machen und sorgen.

STANDARD: Wie funktioniert das System Blatter?

Kistner: Das funktioniert so, wie er es benennt, die Fifa ist eine Familie. Es gibt den Patriarchen an der Spitze, ohne den läuft absolut nichts, das ist Blatter. Er kontrolliert rund um die Uhr alles. Für ihn beginnt der nächste Wahlkampf an dem Tag, an dem er eine Wahl gewonnen hat. Er kennt alles, weiß alles, ist seit 40 Jahren in dem Laden. Das macht das Ganze so brisant.

STANDARD: Die Grundübel der Fifa?

Kistner: Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch, Intransparenz.

STANDARD: Besteht überhaupt Interesse, etwas zu ändern?

Kistner: Ja, ganz sicherlich. Sportjournalisten sind leider oft Fans, die es über die Absperrung geschafft haben. Sie spielen mit. Das Problem ist, dass man den Fußball auf den Kopf stellt in seiner Wertigkeit. Weil man behauptet, er ist basisdemokratisch, weil jedes Land eine Stimme hat. Das ist Schwachsinn. So etwas darf und soll funktionieren in der EU im kleinen Rahmen, in den UN im großen. Hier geht es nicht um die Länder weltweit, sondern um die Fußballländer. Auf diversen Südseeinseln haben drei Leute irgendwann einmal Fußball gespielt. Sie werden aber so bewertet wie sieben Millionen Deutsche.

STANDARD: Ist Blatter größenwahnsinnig? Er spricht ja von interplanetarischen Meisterschaften, von Spielen auf dem Mars oder Mond.

Kistner: Das ist auf jeden Fall ein Brandbeschleuniger. Ich muss Blatter sogar ein bisserl in Schutz nehmen. Der bekam auf einmal einen Karriereschub und schaffte es innerhalb kurzer Zeit, ohne über echte Qualitäten zu verfügen, an die Spitze. Er wird vom Papst empfangen, Könige und Präsidenten buckeln vor ihm, er wird mit Blaulicht durch Städte gefahren, das kann mit einem Menschen schon etwas anstellen. Das ist der Wahnsinn des Sports in unserer Zeit, der die Religion abgelöst hat.

STANDARD: Ihr Buch haben Sie "Fifa-Mafia" getitelt. Wurden Sie geklagt? Andererseits: Schaut man Mafiafilme, ist bei all der Brutalität auch ein bisserl Romantik dabei. Ist das Wort Mafia gar eine Untertreibung?

Kistner: Ich wurde nicht geklagt. Romantische Elemente gibt es echt nur in den Filmen. Mafiös bedeutet im Endeffekt, nur sich selbst zu bedienen.

STANDARD: Van Praag und Figo haben ihre Kandidaturen zurückgezogen. Ist der jordanische Prinz Ali bin Al Hussein eine Alternative?

Kistner: Ich kenne die familiären Verhältnisse des Prinzen nicht. Aber hätte er einen dreijährigen Sohn, wäre der ein geeigneterer Präsident als der aktuelle. Das Wichtigste ist, dass das System Blatter beendet wird, egal von wem. So viel zum Prinzen. Innerhalb dieses Trios ist er der Schwächste. Er hat kein Profil. Van Praag und Figo hätten es versuchen sollen. Sie hätten ihre Redezeit beim Kongress zu einer Großanklage nützen können. Und dann hätten sie abtreten und sagen können: Jetzt wählt euren König.

STANDARD: Sitzt die Uefa nicht selbst im Glashaus? Platini ist vehement für die absurde WM in Katar eingetreten. Ist der Franzose die Taschenbuchausgabe von Blatter?

Kistner: In Teilbereichen sicherlich. Platini ist Blatters politischer Zögling, deshalb ist die Verwerfung auch so groß. Platini hat sich als Einziger zur Wahl Katars bekannt, also kann die Uefa diesbezüglich nichts gegen die Fifa unternehmen.

STANDARD: Ist es leider fast egal, wie korrupt ein Verband ist? Denn das Spiel an sich wirkt unzerstörbar.

Kistner: Man muss unterscheiden. Was ist der Fußball? Der Fußball an sich ist in der Tat unzerstörbar. Löst man morgen alle Verbände und Klubs auf, verliert er nichts. Meine Kumpels und ich gehen mit dem Ball unterm Arm los und fangen auf der Wiese zu spielen an. Millionen andere werden es auch tun. Es entstehen neue Strukturen, und es geht weiter. Was kaputtgeht und kaputtgehen muss, ist das hochkorrupte Gebilde, das drübergestülpt wurde. Sport ist der einzige Gesellschaftsbereich, der autonom ist, überall anders kann der Staatsanwalt eingreifen. Diese Strukturen werden sich irgendwann selbst verbrennen.

STANDARD: Was fasziniert Sie am Fußball?

Kistner: Er ist der Sport meines Lebens, Fußball hat Suchtvermögen, er bildet das Leben in Facetten ab. Ich bin kein Fan, aber St. Pauli ist mir näher als Bayern München. (Christian Hackl, 28.5.2015)

Thomas Kistner (geboren 1958 in Karlsruhe) ist Autor und Sportredakteur der "Süddeutschen Zeitung". Er befasst sich investigativ mit Themen wie Korruption und Doping. 2012 erschien das Werk, das Wellen schlug, die Kriminalgeschichte der Fifa, unter dem Titel "Fifa-Mafia". Kistner wurde mehrfach ausgezeichnet.

  • Thomas Kistner über Fifa-Boss Joseph Blatter: "Ein Dreijähriger wäre geeigneter."
    foto: privat

    Thomas Kistner über Fifa-Boss Joseph Blatter: "Ein Dreijähriger wäre geeigneter."

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