Die Fantasie des Imaginären

27. Mai 2015, 16:32
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Die Wiener Philharmoniker mit Simon Rattle im Musikverein

Wien - Ein Konzert der Wiener Philharmoniker, bei dem ein Großteil des Publikums einen Großteil der gespielten Werke nicht - oder zumindest nicht gut - kennt: Das hat Seltenheitswert. Doch in den Soireen dieser Saison ging es mehrfach um Neuentdeckungen, besonders in der letzten, für die Simon Rattle zwischen seinen Ring-Dirigaten an der Staatsoper in den Goldenen Saal des Musikvereins wechselte. Er war da sehr bei der Sache, handelte es doch um ein Programm, das ihm spürbar am Herzen lag.

In den irisierenden Farbwirkungen von Claude Viviers Lonely Child war der Maestro ganz in seiner Welt und ließ das Orchester die schlichten melodischen Linien des Solosoprans der berückenden Barbara Hannigan leuchtend umhüllen: eine imaginäre Traumwelt, traumhaft gespielt. Besonders originell war jedoch die Zusammenstellung von Musik von Joseph Haydn, die Rattle schon vor einigen Jahren mit dem damaligen Dramaturgen der Berliner Philharmoniker Markus Fein schuf und An Imaginary Symphony nannte:

Es ist eine kühne Idee, u. a. "Die Vorstellung des Chaos" aus der Schöpfung, den "Terremoto"-Satz ("Erdbeben") aus den Sieben letzten Worten mit einzelnen Symphonie-Sätzen zu einem pausenlosen "Best of" zu fügen, doch entspricht dieses so ganz und gar nicht puristische Verfahren der Opern- und Konzertpraxis des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Nicht nur das Bestreben, damit den experimentellen Haydn zu zeigen, ging voll auf: etwa im Largo der A-Dur-Symphonie Nr. 64 mit seinen mit unaufgelösten Vorhalten abbrechenden Phrasen oder mit dem Scherz des Finalsatzes der C-Dur-Symphonie Nr. 90, der nach einem scheinbaren Schluss nochmals mit einer ausgedehnten Coda ansetzt.

Auch Rattles Dirigat brachte diese Geniestreiche Haydns auf den Punkt - eine seltene Freude, von der sich auch das Orchester durchwegs anstecken ließ. Ohne ihre Wurzeln im späten 19. Jahrhundert zu verleugnen, spielten die Philharmoniker mit Feuer und Verve, aber - etwa im erwähnten Largo-Satz - auch mit kostbarer Zurückhaltung und agierten mit einem Spielwitz, der Haydns Geist fast immer präsent und lebendig werden ließ. Auch das hat Seltenheitswert. (Daniel Ender, 27.5.2015)

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