Was Ex-Präsident Chirac mit Frankreichs Leiden zu tun hat

Blog28. Mai 2015, 12:43
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Der 82-Jährige ist der lebende Beweis, dass nicht unbedingt die besten Staatsoberhäupter in bester Erinnerung bleiben. Und das sagt auch einiges über das Land aus

Jacques Chirac, Frankreichs Staatschef von 1995 bis 2007, geht heute am Stock, wenn nicht am Arm eines Leibwächters; er hat Hörprobleme und Gedächtnislücken. Aber seine (teils noch lebenden) Vorgänger im Élysée-Palast schlägt der 82-Jährige allesamt mit jugendlicher Leichtigkeit aus dem Felde. Die Nachfolger sowieso.

Von der Illustrierten "Paris Match" gefragt, wer für sie der sympathischste Präsident seit 1958 sei, nannten 33 Prozent der Franzosen schon vor ein paar Wochen Chirac. Klar distanziert folgten sein direkter Vorgänger François Mitterrand mit 21 Prozent sowie Charles de Gaulle, der Begründer der Fünften Republik, mit 17 Prozent. Abgeschlagen Valéry Giscard d'Estaing (89) und die beiden Nachfolger Chiracs: Nicolas Sarkozy erhielt gerade einmal sieben und François Hollande ganze fünf Prozent.

Seither wundern sich viele Pariser Medien, wie Chirac in eine solche Poleposition kommen kann – wo er doch während seiner zwölf Jahre im Élysée eigentlich wenig Bleibendes hinterlassen hatte. Neben der Ablösung der Wehrpflicht durch eine Berufsarmee bleibt vor allem ein peinlicher politischer Fauxpas in Erinnerung: 1997 löste der Gaullist grundlos die Nationalversammlung auf; die Franzosen zwangen ihn daraufhin fünf Jahre lang zur Kohabitation mit dem sozialistischen Premierminister Lionel Jospin.

Beliebt auch bei rechtsextremen Wählern

Laut der Umfrage von "Paris Match" rechnen ihm die Franzosen am höchsten an, dass er 2003 dem US-Präsidenten George W. Bush die Stirn bot und das Land aus dem folgenschweren Irakkrieg heraushielt. An zweiter Stelle nennen sie den Umstand, dass sich Chirac stets klar vom Front National abgrenzte. Trotzdem genießt er selbst bei den rechtsextremen Wählern den höchsten Sympathiewert.

Was nur wenige Medien erwähnen: Chirac betrieb seine Bauernfängerei so offen, dass ihm die Franzosen einfach nicht böse sein wollen. Noch als Präsident schlug sich der Ex-Bürgermeister von Paris mehr mit Parteifinanzaffären als mit Politreformen herum. Die Politmuppetshow karikierte ihn mit dem Superman-Outfit, wobei das "S" für "Superlügner" stand. Die Franzosen, Chirac eingeschlossen, lachten herzlich darüber.

Im aktuellen Chirac-Hype listete der Fernsehsender BFM TV vor einigen Tagen zehn (eher beliebige) "Kultsprüche" Chiracs auf. Das schönste Bonmot – "Wahlversprechen verpflichten nur die, die daran glauben" – ließ der TV-Kanal aber geflissentlich weg. Chirac sehen die Franzosen eben alles nach.

"Hallo Eselchen"

Heute tritt Chirac öffentlich kaum mehr in Erscheinung. Ohne eigenes Vermögen lebt er von reichen Freunden: Er wohnt in einer Pariser Wohnung der libanesischen Hariri-Familie; zur Erholung reist er auf Einladung von König Mohammed VI. gerne nach Marokko. In Paris bemüht sich der Élysée-Rentner nach mehreren kleinen Hirnschlägen noch jeden Werktag in sein Büro, wo er für seine Stiftung zur Wiederaufforstung, Gesundheit und zum Erhalt bedrohter Sprachen in Afrika arbeitet.

Abends esse er oft allein eine Pizza aus der Kartonschachtel, berichtet "Paris Match". Gattin Bernadette politisiert nämlich unter der Woche im zentralfranzösischen Departement Corrèze. Als sie dort im März in ihrem Wahlkreis erneut siegte, hinterließ ihr Mann auf dem Anrufbeantworter folgende Nachricht: "Hallo, Eselchen, ich wollte Ihnen sagen, dass ich sehr stolz auf Sie bin." Bei Chiracs siezt man sich auch nach 59 Ehejahren.

"Paris Match" deutet die erstaunliche Chirac-Nostalgie selbst so: "Die Franzosen mögen die schönen Burschen und die Schönredner, die ihnen die Zukunft ausmalen und ihnen bei der Verlobung irreale und magische Versprechen machen. Nachher folgen Enttäuschung, Desillusionierung, Scheidung. Aber die Franzosen lieben es nun einmal, wenn man ihnen Emotionen vermittelt. Und Chirac geizte nicht damit."

Eine zweifelnde Nation

Doch all diese Erklärungen zielen am Wesentlichen vorbei. Chirac verkörpert die Nostalgie einer an sich zweifelnden Nation – und in gewissem Sinn ganz einfach Frankreich.

Für das politische Kurzzeitgedächtnis – das in Frankreich nicht länger ist als anderswo – steht er für die gute alte Zeit. Sie sehen in ihm den wohlgesinnten Landesvater, der mit der Kritik an den USA und den Atomversuchen im Pazifik noch die nationale Grandeur hochhielt. Heute hadert Frankreich mit sich selbst. Dass das Land ausgerechnet in hehren Gefühlen für einen Ex-Präsidenten schwelgt, der gegen Arbeitslosigkeit, Schmutzpolitik und Banlieuekrawalle so wenig ausrichtete, spricht Bände über seinen Zustand. Nicht den Chiracs, sondern den Frankreichs. (Stefan Brändle aus Paris, 28.5.2015)

  • Jacques Chirac, Frankreichs früherer Landesvater.
    foto: reuters/patrick kovarik

    Jacques Chirac, Frankreichs früherer Landesvater.

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