Mit Handzeichen gegen Chinas Raucher

28. Mai 2015, 07:00
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Am 1. Juni soll Peking zur rauchfreien Zone werden. Schüler übten besondere Handzeichen, um ertappte Raucher zu stoppen, sonst hagelt es Geldstrafen

Peking mobilisiert hunderttausende Schüler, um Rauchern die rote Karte zu zeigen, buchstäblich mit der Hand. Die Hauptstadt soll ab 1. Juni als erste Metropole und damit als Vorbild für ganz China zur rauchfreien Zone werden und ist jetzt schon voller Reklame gegen das Qualmen. Schüler üben die drei Handzeichen ein, die sie ertappten Rauchern in Restaurants, bei der Arbeit oder auf öffentlichen Plätzen entgegenstrecken sollen, so, als stünden sie mit einem Kreuz vor einem Vampir. Einem Qualmenden die blanke Handfläche zu zeigen bedeutet: "Das geht nicht!" Sich die Hand vor die Nase zu halten meint: "Was du da machst, stinkt mir." Den Zeigefinger gegen die Handfläche zu stoßen ist die Aufforderung: "Hör damit auf!"

Am 1. Juni tritt ein vom Pekinger Stadtparlament beschlossenes neues Antirauchergesetz in Kraft, das die "Global Times" das "schärfste in unserer Geschichte nennt." Außer zu Hause stellt es das Rauchen fast überall unter Strafe. Unbemerkt oder unbestraft soll sich keiner der vier Millionen Raucherinnen und Raucher in Peking, wo jeder fünfte Bürger der Sucht frönt, die Zigarette mehr anzünden können. Zuerst zeigen Schüler mit Händen auf sie, dann dürfen spezielle Ordnungskräfte von den ertappten Sündern umgerechnet bis rund 30 Euro Geldbuße kassieren, 20-mal so viel wie bisher. Gaststätten, Behörden, Schulen oder Arbeitsstellen, die Rauchen in ihren Räumen erlauben, müssen bis zu 1500 Euro Strafe zahlen.

Am 12. April hat die Stadt für ihre Antiraucherkampagne die drei Handzeichen vorgestellt. Sie ließ die Bevölkerung über Handy und mit dem Kurznachrichtendienst Wechat (Weixin) abstimmen, welche Variante potenzielle Nikotinabhängige am besten abschreckt. Drei Millionen Pekinger haben gewählt. 1,2 Millionen stimmten für das Handzeichen "Das geht nicht," knapp über eine Million für "Mir stinkt's" und rund 746.000 für "Aufhören". Die Stadtbehörden nannten das einen so knappen Ausgang der Wahl, dass mit allen drei Gesten künftig vor den Gesichtern der Raucher gefuchtelt werden darf.

Werbeverbot nicht umgesetzt

Peking will sich mit der Austreibung der Raucher vom blauen Dunst in seinem trüben Smog trennen. Alle bisherigen Anläufe scheiterten. Chinas Regierung ratifizierte schon 2005 ihren Beitritt zur internationalen Konvention der Tabakkontrolle durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie unterschrieb auch ein Verbot für alle Werbung. Doch nichts davon wurde umgesetzt. Kleinlaut gestand die Nachrichtenagentur Xinhua Ende 2014 ein, dass die Volksrepublik unter den damals 100 Unterzeichnerländern des WHO-Antiraucherpakts weiterhin an "unterer Stufe steht".

Die trüben Zahlen heute sprechen für sich: 300 Millionen passionierte Raucher sorgen im "Reich des Tabaks" für die Schwaden, die auch die Gesundheit weiterer 740 Millionen Passivraucher gefährden, vor allem in ihren Familien. Chinesische Ärzte bezifferten die Zahl an Rauchtoten auf 1,36 Millionen im vergangenen Jahr. Nach Angabe der Tabakbranche baute die Volksrepublik 2014 ihren Abstand als weltgrößter Zigarettenhersteller und auch Verbraucher noch aus.

Hohe Steuereinnahmen

Schuld hat neben der Sucht auch der Staat mit seinen im System eingebauten Interessenkonflikten. Die staatliche Monopolbehörde für Tabak sorgt sich nicht nur um diesen, sondern überwacht auch politisch die Umsetzung der Antiraucherkampagnen. So wetteifern zwei Seelen in ihrer Brust, neben ihrer Aufgabe, China immer höhere Tabaksteuer zu verschaffen, muss sie zugleich für weniger Raucherlungen sorgen.

Der Staat kann zufrieden sein. Sein Steueraufkommen sprudelt, enthüllte jetzt das Wirtschaftsfachblatt "21st Century Economic Observer" mit neuen Zahlen: 54 Prozent aller Verbrauchersteuern, die das Finanzministerium 2014 kassierte, zahlten die Raucher mit 482 Milliarden Yuan (rund 71 Milliarden Euro). Das waren 12,5 Prozent mehr als 2013, weit höher als das Wirtschaftswachstum.

Neuer Aktionismus ist angesagt. Anfang des Monats ließ Peking die Zigarettenverkaufssteuern von fünf auf elf Prozent erhöhen. Ab September treten revidierte und verschärfte Gesetze in Kraft, die die Geldbußen für Tabakwerbung und Sponsoring auf bis zu eine Million Yuan (140.000 Euro) anheben. Zigarettenverkauf an Jugendliche wird unter Strafe gestellt. Wie mächtig die Interessengruppen der Tabakindustrie weiterhin sind, lässt sich an jeder Zigarettenschachtel ablesen. Dort stehen aller Kritik zum Trotz nur milde Ratschläge, an die Gesundheit zu denken, wenn man raucht. Alle abschreckenden und drastischen Warnungen fehlen, die in anderen Ländern längst Standard sind. (Johnny Erling aus Peking, 28.5.2015)

  • Vier Millionen der rund zwölf Millionen Bewohner Pekings rauchen.
    foto: reuters/kim kyung-hoon

    Vier Millionen der rund zwölf Millionen Bewohner Pekings rauchen.

  • Sie sollen nun mit Handzeichen auf das strenge Rauchverbot in Chinas Hauptstadt hingewiesen werden.
    foto: johnny erling

    Sie sollen nun mit Handzeichen auf das strenge Rauchverbot in Chinas Hauptstadt hingewiesen werden.

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