Der wirtschaftliche Aufstieg Afrikas in zehn Grafiken

27. Mai 2015, 15:01
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Das Wachstum steigt, die Armut geht zurück, ausländische Gelder fließen in produktivere Sektoren

foto: apa/epa/kim ludbrook
Die Sonne geht auf in Kapstadt, Südafrika.

Wien – Bürgerkriege, Ebola, hungernde Menschen: Das Bild, das westliche Medien von Afrika zeichnen, ist düster. Ökonomen tendieren zu etwas mehr Optimismus. Das zeigt auch der jüngste Wirtschaftsausblick für die Region. Im Schnitt soll die Wirtschaft des zweitgrößten Kontinents der Welt heuer dreimal so schnell wachsen wie jene der Eurozone, nämlich um 4,5 Prozent. Im nächsten Jahr sollen es gar fünf Prozent sein, damit könnte Afrika beim Wirtschaftswachstum an Asien anschließen. Der Afrikanische Wirtschaftsausblick ist ein Gemeinschaftsprojekt von OECD, UN und Afrikanischer Entwicklungsbank.

Nimmt man das vom Bürgerkrieg gebeutelte Libyen aus der Statistik, lag das Wachstum in den vergangenen Jahren im Schnitt bei vier Prozent. Das ist deutlich weniger als vor der Finanzkrise, als der Kontinent zwischen fünf und sechs Prozent gewachsen ist. Nun soll es aber wieder nach oben gehen. In den kommenden Jahren sollen es wieder fünf Prozent sein.

Historisch gesehen schaffen einige afrikanische Länder erstaunliche Wachstumsraten. In den vergangenen 15 Jahren ist die Wirtschaft Äthiopiens von allen Ländern des Kontinents am schnellsten gewachsen. Bereinigt man das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um die Kaufkraft, ist das Land zwischen 2000 und 2015 dreieinhalbmal so reich geworden. Das Ganze ging freilich auf einem relativ niedrigen Niveau vor sich: Der durchschnittliche Äthiopier verdient jetzt 1.700 Dollar, vorher waren es nur 500 Dollar. Zum Vergleich: Österreich kommt laut IWF-Prognose heuer auf 47.000 Dollar pro Kopf, diese Summe ist seit 2000 um 53 Prozent gestiegen. In Äthiopien waren es 240 Prozent. Die Beträge sind nicht um die Inflation bereinigt.

Misst man den Wohlstand von Menschen am Human Development Index (HDI), der Lebenserwartung, Einkommen und Zugang zu Bildung beurteilt, dann geht es in Afrika bergauf. Vor allem seit der Jahrtausendwende hat sich die positive Entwicklung beschleunigt. 17 von 52 afrikanischen Ländern würden mittlerweile in die Kategorie mittel- oder hochentwickelt fallen, so die OECD. Zugang zu Bildung, Gesundheit und Einkommen sei jedoch innerhalb der einzelnen Länder sehr ungleich verteilt, aber auch zwischen den Ländern selbst, genau wie zwischen Männern und Frauen.

Die größten Unterschiede zwischen den Einkommen von Männern und Frauen gibt es in reicheren Gebieten, also im Norden und Süden Afrikas. Im Norden Afrikas, etwa in Ägypten und Marokko, verdienen Männer im Schnitt viermal mehr als Frauen.

Afrika wächst. In den nächsten 15 Jahren sollen 370 Millionen Junge in Subsahara-Afrika zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen. Bis 2050 werden laut Prognose des Afrikanischen Wirtschaftsberichts mehr als 800 Millionen Menschen südlich der Sahara zusätzlich einen Job suchen. Das Bevölkerungswachstum Afrikas werde im Zusammenspiel mit dem Klimawandel eine große Herausforderung für Ressourcen wie Lebensmittel, Wasser und Land darstellen, schreibt die OECD in einer Aussendung. Für Länder können viele Junge auf dem Arbeitsmarkt aber auch ein großer Vorteil sein, weil sie die Wirtschaftsleistung erhöhen und wenige Ältere zu erhalten sind.

Das Handelsvolumen Afrikas mit Chinas hat sich seit 2008 fast verdoppelt. Viel bedeutender bleibt aber die EU als Handelspartner. Vor der Finanzkrise nahm das Handelsvolumen jährlich um die 20 Prozent zu. Die USA sind für Afrika nur von marginaler Bedeutung. Auffallend: Der intraafrikanische Handel ist noch sehr gering. Er beträgt nur 150 Milliarden Dollar, während sich das ganze afrikanische Handelsvolumen auf 1.150 Milliarden Dollar beläuft. Der Afrikanische Wirtschaftsbericht plädiert deshalb für die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur auf dem Kontinent.

Zwischen 2009 und 2014 haben sich nur in Europa mehr ausländische Firmen angesiedelt als in Afrika. In diesem Jahr sollen 73,5 Milliarden Dollar an ausländischem Geld nach Afrika fließen, die meisten Firmengründungen werden von Chinesen und Indern initiiert. Zum Vergleich: Über Gelder aus der Entwicklungshilfe sollen heuer nur mehr knapp 55 Milliarden Dollar nach Afrika kommen.

Eine gute Nachricht für Afrika: Immer mehr Investitionen fließen in Länder, in denen es keine großen Öl-, Gas- oder Edelmetallvorkommen gibt. Ausländische Investitionen würden jetzt eher in die Konsumgüter- und Dienstleistungsindustrie fließen, heißt es im Bericht. Das sei eine Reaktion auf das Wachstum der afrikanischen Mittelschicht. Viele Ressourcen gelten unter Ökonomen als Fluch: Oft werden sie von einer kleinen Elite abgeschöpft, andere Wirtschaftssektoren werden hingegen vernachlässigt.

Mit einem weitverbreiteten Mythos räumt der Ökonom Xavier Sala i Martín in einer Studie vom Vorjahr auf: Das Wirtschaftswachstum in Afrika würde nur der Elite in die Hände spielen, die breite Masse habe nichts davon, heißt es oft. Stimmt nicht, sagt der spanische Ökonom. Zwischen 1992 und 2011 hätten Arme stark profitiert. "Es gibt keine Hinweise, dass das afrikanische Wachstum von einer kleinen Elite monopolisiert wurde und die Armen nicht erreicht hat", schreibt er in der Studie. Die Armut in Ländern, für die es verlässliche Daten gibt, ist seit 1990 stark zurückgegangen, von knapp unter 35 Prozent auf etwas mehr als 20 Prozent.

Die Länder, für die verlässliche Daten zur Verfügung stehen, sollten das Millennium-Entwicklungsziel der Halbierung der Armut zwischen 1990 und 2015 erreichen, so der Ökonom. Der Rückgang der Armut in Afrika betreffe sowohl Länder mit und ohne Rohstoffe und Zugang zum Meer, unabhängig von der kolonialen Vergangenheit und den landwirtschaftlichen Bedingungen. "Auch die Länder mit den meisten Problemen können sich auf den Weg machen, um die Armut zu verringern oder innerhalb eines Jahrzehnts sogar auszulöschen", schreibt er gemeinsam mit dem Ökonomen Maxim Pinkovskiy in der Studie. (Andreas Sator, 27.5.2015)

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