Kotlowski: "Für uns war das Regionale die einzige Chance"

Interview28. Mai 2015, 07:00
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Im Juni startet Marcin Kotlowski einen Sat-Kanal österreichischer Regionalsender. Und er hat noch ganz andere TV-Pläne, sagt der W24-Chef und Medienmanager der Wien Holding

STANDARD: Wer ins Fernsehland Österreich schaut, kommt gerade aus dem Regionalen kaum heraus. Wie geht es denn einem großstädtischen Lokalsender wie W24, wenn Riesen wie Mateschitz, Dichand und ORF, womöglich auch Fellner und andere Ihr kleines Geschäftsfeld beackern? Man könnte, ganz unregional, von einem Hype sprechen – woher kommt der?

Kotlowski: Wir haben das Regionale ja schon vor zwei Jahren für uns entdeckt und ...

STANDARD: ... Sie waren's also.

Kotlowski: Im Ernst: In einer so globalisierten Welt wird das Zuhause wichtiger – nehmen Sie Nahrungsmittel, Mode, Musik. Überall zeigt sich ein Wunsch nach Nähe. Zugleich ist es zehnmal billiger geworden, Bewegtbilder zu produzieren, die den Ansprüchen des Fernsehens gerecht werden. Sie haben jetzt in jedem Handy eine HD-Kamera. Und Sie können diese Bilder nicht nur über klassisches Fernsehen anbieten, sondern auch über Onlinekanäle – wann und wo immer das Publikum sie sucht oder findet. Und für W24 gilt: Wir hatten keine andere Wahl – für uns war das Regionale die einzige Chance.

STANDARD: Und dann gründen Sie als nächsten Schritt eine nationale Werbevermarktung und einen überregionalen Satellitensender?

Kotlowski: Wir sind so regional wie nur möglich in unseren Inhalten. Aber wir sind so überregional wie möglich in unserer Vermarktung – mit R9. Denn: Österreichs Fernsehmarkt ist relativ klein und relativ jung. Wir haben sehr spät liberalisiert, zwölf Jahre später selbst als Griechenland.

STANDARD: Wenn wir schon von einem Hype sprechen, einem Boom des Regionalen im Fernsehen: Weiß das Publikum auch davon, abgesehen von der täglichen Millionenreichweite von "Bundesland heute" im ORF?

Kotlowski: Die Zahlen sprechen dafür: Die R9-Sender konnten ihre technische Reichweite von 1,9 auf 2,1 Millionen steigern.

STANDARD: Das heißt aber nur, dass Menschen den Sender eingestellt haben.

Kotlowski: Das sagt: Das Programm wurde bisher zumindest einmal länger als eine Sekunde gesehen. Also: Die Verbreitung steigt, und ebenso die Verweildauer. In Wien konnten wir uns von sechs auf 16 Minuten im Schnitt steigern, in Spitzenzeiten erreichen wir bis zu zwei Stunden.

STANDARD: Und wie viele Menschen sehen das tatsächlich pro Tag?

Kotlowski: Wir halten bei rund 100.000 Menschen pro Tag.

STANDARD: Das heißt: 100.000 Menschen pro Tag sehen mindestens eine Minute durchgehend einen der R9-Sender.

Kotlowski: Genau. Wobei der Teletest dem Charakter der meisten Regionalsender nicht ganz gerecht wird: Wenn sie alle paar Tage eine Stunde neues Programm produzieren und über den Tag vielfach wiederholen, kann man davon ausgehen, dass die Sendung praktisch das ganze Bundesland gesehen hat.

STANDARD: Eine Einzelsendung, wie man sie im Teletest abgebildet sieht, hat dann vermutlich ein paar hundert oder tausend Zuschauer.

Kotlowski: Deshalb habe ich eine gemeinsame Sendung entwickelt, die mehrfach wiederholt auf allen R9-Kanälen läuft: Sie können davon ausgehen, dass den "Österreichblick" 100.000 Menschen sehen. Damit konnten wir große Werbekunden gewinnen und halten – Post, ÖBB, Verbund, auch Pearle.

STANDARD: Wenn das funktioniert, warum dann nun ein gemeinsames Satellitenprogramm der Regionalsender für geschätzt ein paar 100.000 Euro im Jahr?

Kotlowski: Würden wir dieses Interview in den Niederlanden oder der Schweiz führen, dann würde sich diese Frage nicht stellen: Dort haben fast alle Haushalte Kabelanschluss. In Österreich erreichen Sie über Kabel 38 Prozent der Haushalte – wenn Sie es schaffen, dass hunderte Kabelnetze Sie einspeisen. 57 Prozent der österreichischen Haushalte empfangen Fernsehen über Satellit. Diese 60 Prozent können wir nicht auslassen, auch wenn das eigentlich eine alte und relativ kostspielige Technologie ist.

STANDARD: Sie starten am 7. September mit R9 TV, erste Ausläufer soll es schon im Juni geben. Was wird man da zu sehen bekommen? 48-mal am Tag "Österreichblick"?

Kotlowski: Ab Juni werden auch erste R9-Sender ihre regionalen Inhalte zuliefern. Im Vollbetrieb hat jeder der neun Regionalkanäle einen täglichen Fixplatz im Programm von R9 TV. Um 10 Uhr früh und in der Nacht läuft "Österreichblick".

STANDARD: Und um 19 Uhr machen Sie Pause?

Kotlowski: Wir nutzen HD-Satellitenkapazitäten der ORS. Der ORF braucht um 19 Uhr für neun Ausgaben von "Bundesland heute" die volle Bandbreite, die übrige Zeit nützen wir einen Teil davon. Und ab 19 Uhr sagen wir unseren Zuschauern mit einem Insert: Wir wünschen Ihnen viel Freude mit ihrem regionalen ORF und sind um 19.20 Uhr wieder für Sie da.

STANDARD: Warum schaut man eigentlich Regionalfernsehen?

Kotlowski: Ganz einfach: Ich komme selbst vor – oder jemand, den ich kenne, die Familie, die eigenen Kinder auf der Donauinsel. Also stehen, auch bei uns auf W24, Liveevents im Fokus. Je mehr wir zeigen, was unmittelbar vor der Tür passiert, desto mehr werden wir geschaut.

STANDARD: Wenn man im Mai 2015 in Wien über die Bedeutung von Liveevents spricht, muss man auf den Song Contest kommen.

Kotlowski: Da gab es einen großen Sender, der wirklich alles abdeckte und vor allem auch die Rechte hatte. Wir beschäftigten uns die ganze Woche damit, hatten Livestudios auf dem Rathausplatz, Livereporter vor Ort. Wir haben mehr Zeit, das Dahinter zu zeigen, mit den Künstlern zu reden ...

STANDARD: Und was wollen Sie über das Dahinter sagen?

Kotlowski: Im Prinzip geht es um zwei Fragen: Wie funktioniert das? Und: Was habe ich als Bürger davon?

STANDARD: Das könnte man als Bürger auch zu W24 fragen, das der Wien Holding gehört, die wiederum der Stadt gehört.

Kotlowski: Service. Wir haben dafür 24 Stunden Zeit, mehr als jeder andere. In Prag widmet das Stadtfernsehen jede Stunde einem Bezirk.

STANDARD: Ein Thema für W24?

Kotlowski: Mit 23 Bezirken ginge sich das ganz gut aus. Aber die in der Nacht ausgestrahlten wären vielleicht ein bisschen unglücklich. Im Ernst: Wir produzieren täglich dreieinhalb bis vier Stunden Programm.

STANDARD: Geht sich das wirtschaftlich aus?

Kotlowski: W24 soll bis 2020 am Markt erwirtschaften, was es kostet. Derzeit finanziert sich W24 zum Teil noch aus der Dividende der Beteiligung an der UPC. Die Perspektive ist aber: Der Sender muss sich ohne Hilfe des Medienclusters der WH Medien tragen ...

STANDARD: ... also der Medienholding der Wien Holding. Was nimmt W24 ein?

Kotlowski: Wir haben uns als erstes Ziel für 2015 eine Million Euro Umsatz vorgenommen und vorzeitig erreicht. 2020 sollten es zweieinhalb Millionen sein.

STANDARD: Warum macht ein Unternehmen in öffentlichem Besitz, die Wien Holding, eigentlich Fernsehen?

Kotlowski: Darauf gibt es zwei sehr rationale Antworten: Die Stadt Wien hat langfristige Verträge mit der UPC über ein kommunales Programm.

STANDARD: Die Stadt Wien hält ja noch fünf Prozent am Wiener UPC-Netz und kontrolliert im Prinzip die Programmgesellschaft der UPC. Das zweite Argument?

Kotlowski: Man muss heute erklären, was man tut. Wenn man das intelligent macht, gibt es auch ein Bedürfnis danach. Das beantwortet auch die Frage: Was habe ich davon? Diese Frage muss die Kommune den Bürgerinnen und Bürgern immer genauer beantworten.

STANDARD: Und was hat die Kommune davon?

Kotlowski: Man kann das Bemühen um Lebensqualität in der Stadt besser zeigen, besser erklären. In "Wien heute" haben Sie dafür knappe 20 Minuten. Wir haben dafür 24 Stunden. Und es gibt den Anspruch, dass Politik immer regionaler wird, sie muss sich bemühen, im Grätzel Wurzeln zu fassen. Wenn sie das nicht schafft, wird es immer beliebiger und schwieriger. Wir sind im Grunde die elektronische Bezirkszeitung von heute und folgen dem Trend, dass man Bewegtbild heute auch auf Handy und Tablet konsumieren kann. Und dass im Prinzip drei, vier Leute Meidling TV oder Oberlaa TV machen können.

STANDARD: Nun ist gerade eine Novelle zu diversen Rundfunkgesetzen unterwegs. Hat der heutige Medienminister, in dessen Kabinett Sie ja schon gearbeitet haben, in Ihrem Sinne getextet?

Kotlowski: Aus meiner Sicht ja, da vor allem kleine, nur in Österreich verbreitende Sender gestärkt werden. Aber ich ernte im Verband der österreichischen Privatsender mit dieser Position Kritik, da der Entwurf manchen Kolleginnen und Kollegen nicht weit genug geht. Für uns war das Thema der Dauerwerbesendungen wichtig. Hier wurde zunächst eine Beschränkung auf zwölf Minuten im Entwurf gelesen, dieses Missverständnis wurde nun ausgeräumt. Das hätte eine extreme Benachteiligung gegenüber dem deutschen Markt bedeutet und die Realität vieler kleinerer Sender beeinträchtigt. Dauerwerbesendungen sind eine wichtige Haupteinnahmequelle, vor allem am Nachmittag.

STANDARD: Was wurde eigentlich aus Ihrer Forderung, R9 müsse, weil so österreichisch, verpflichtend vor ATV und Puls 4 und direkt nach dem ORF in Kabelnetzen und auf Fernbedienungen programmiert sein?

Kotlowski: Zunächst wurde die Forderung milde belächelt. Aber im Grunde gibt es im Medien- und Kulturministerium wie im Parlament viele, die uns hören. Aber damit wir gehört werden, müssen wir auch unsere Hausaufgaben machen: Wir brauchen eine einheitliche Marke, und wir müssen auch die Qualität unseres Produktes heben.

STANDARD: Gerade hat das im Burgenland verankerte ostösterreichische Regionalfernsehen Schau TV seinen Start im Wiener Kabelnetz vermeldet. War nicht einmal eine Zusammenarbeit zwischen W24 und Schau TV ein Thema?

Kotlowski: Uns freut jede Stärkung des regionalen Fernsehens, also auch Schau TV im Wiener Kabel. Wir arbeiten bei R9 schon gut zusammen. Und wenn das Burgenland nicht mehr mit dem Wahlkampf beschäftigt ist und gewählt hat, werden wir uns vermutlich wieder zusammensetzen und überlegen, wie wir noch enger zusammenarbeiten können.

STANDARD: Soll das auf ein gemeinsames Programm hinauslaufen?

Kotlowski: Programm, wie wir es verstehen, muss so regional wie möglich sein. Selbst wenn Schau TV und W24 enger zusammenarbeiten würden, würden wir zwei Redaktionen, zwei Sender unabhängig voneinander betreiben. Ich sehe eher Synergien in Bereichen wie Technik und Vertrieb. Das Programm muss so nahe wie möglich an der Region bleiben, die ist das entscheidende Alleinstellungsmerkmal.

STANDARD: Wenn Sie jede Stärkung des regionalen Fernsehens freut, wie sehen Sie denn die Pläne des ORF für regionales Frühstücksfernsehen?

Kotlowski: Die Freude gilt auch für den ORF, das unterscheidet uns von den übrigen Mitgliedern im Privatsenderverband. Da bin ich sehr allein im VÖP. Ich glaube nicht, dass es uns schaden würde, wenn es einen weiteren Regionalkanal gibt.

STANDARD: Sie sprechen da von einem ORF-Regionalkanal, über den ORF-Chef Alexander Wrabetz seit ein paar Jahren gern laut nachdenkt. Was halten Sie denn vom regionalen Frühstücksfernsehen?

Kotlowski: Grundsätzlich gilt für mich: Was den regionalen Markt weiterentwickelt, hilft längerfristig auch den Regionalsendern. Wenn sich der ORF stärker regional engagiert, lernen Kunden und lernt das Publikum.

STANDARD: Ihre lieben Kollegen im Privatsenderverband erwarten eher, und vemutlich nicht ganz ohne Berechtigung: Dann bucht oder sponsert diese oder jene Gemeinde lieber beim ORF.

Kotlowski: Die wenigsten regionalen Werbekunden werden zum nationalen Frühstücksfernsehen wechseln. Dann doch lieber eine gesetzliche Verpflichtung des ORF, 20 Stunden in der Woche bei regionalen Produzenten zuzukaufen. Das würde allen helfen. Wir produzieren zu einem Fünftel der ORF-Kosten. Und um die Landesstudios würde sich eine Produktionslandschaft entwickeln.

STANDARD: Jetzt klingen Sie ein bisschen wie ein ORF-Manager. Sie, so sagen auch in den vergangenen Wochen Branchengerüchte, gelten als sozialdemokratische Personalhoffnung insbesondere für den ORF. Üben Sie hier für den ORF?

Kotlowski: Das ist für mich überhaupt kein Thema. Die Wien Holding hat in Medien und Technologie wirklich spannende Möglichkeiten.

STANDARD: Mit den Themen würde sich der ORF auch beschäftigen.

Kotlowski: Natürlich, aber als breit aufgestellter Konzern sehen wir im Mediencluster in naher Zukunft völlige neue Märkte und weitergehende Synergien. Mit der Stadt Wien haben wir einen Eigentümer, der hier auch Ausprobieren und strategische Weiterentwicklung ermöglicht und einfordert.

STANDARD: Was wollen Sie denn ausprobieren?

Kotlowski: Im Grunde geht es um Smart TV und Digitalvideo. In fünf Jahren wird das Kerngeschäft nicht mehr lineares Fernsehen sein - wie auch bei den anderen Regionalsendern, wenn sie es richtig machen.

STANDARD: Sondern?

Kotlowski: Wir müssen zu Bewegtbildproduzenten mit dem wichtigsten Ausspielkanal, Handys und andere mobile Geräte, werden. Und um unseren wichtigsten Inhalt zu sehen, sich selbst oder Bekannte, dafür wird man nicht mehr vor dem großen Bildschirm im Wohnzimmer sitzen, sondern am Handy. Also muss der gesamte Content mobil verfügbar sein. Die technische Umsetzung, die Aufbereitung ist da entscheidend – auch für die Vermarktung. Dafür müssen wir all unsere Inhalte digital und indiziert verfügbar haben, um diese Inhalte zu finden. Darin steckt noch viel Fantasie.

STANDARD: Klingt nach einer Art Mediathek der Regionalsender.

Kotlowski: Richtig aufbereitet kann man das gesamte Material auch auf jenen Kanälen verwenden, die gerade hip sind – ob das jetzt Facebook, Youtube, Snapchat, mobile Seiten oder Apps sind. Man produziert nicht mehr allein fürs Fernsehen, sondern für das gesamte Marketingbudget. Und die Zuschauerinnen und Zuschauer wollen 24 Stunden am Tag darauf zugreifen können, wann eben sie wollen. (Harald Fidler, 28.5.2015)

Marcin Kotlowski (38) führt seit 2011 die Medienholding der Wien Holding und den Stadtsender W24 sowie seit 2013 den Regionalsenderverbund R9. Davor war der Betriebswirt Pressesprecher von Werner Faymann und Josef Ostermayer, heute Kanzler und Medienminister, und der SPÖ.

  • "Wir produzieren zu einem Fünftel der ORF-Kosten": W24-Chef Marcin Kotlowski hat eine Idee für den  Küniglberg.
    foto: standard/newald

    "Wir produzieren zu einem Fünftel der ORF-Kosten": W24-Chef Marcin Kotlowski hat eine Idee für den Küniglberg.

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