Empörung allein ist nicht genug

Kommentar der anderen26. Mai 2015, 17:48
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Wenn Bulldozer und Presslufthämmer die großen kulturellen Vermächtnisstätten der Menschheit zu zerstören drohen, dann bedarf es auch einer gemeinsamen Anstrengung der gesamten Menschheit, um diese Monumente zu schützen

Bamiyan und Timbuktu sind noch nicht vergessen, und jetzt Ninive, Nimrud, Hatra, möglicherweise sogar Palmyra. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" zerstört beziehungsweise bedroht Kulturschätze im Irak und in Syrien. Die internationale Empörung darüber ist groß. Die Unesco fordert eine UN-Sondersitzung, verurteilt die Taten als Kriegsverbrechen. Man liest von einem Angriff auf die Menschheit, deren kulturelles Erbe zerstört wird. Die Menschen würden durch diese beispiellose Barbarei ihrer Vergangenheit beraubt, von Verbrechen, Katstrophe, Tragödie und Schande ist die Rede.

Zu Recht. Natürlich sind wir Archäologinnen und Archäologen, Denkmalschützerinnen und Denkmalschützer entsetzt. Uns muss man nicht vom Ausmaß der Katastrophe überzeugen, zumal die Bilder für sich sprechen. Wir fürchten aber nicht nur die Zerstörung der Kulturschätze, wir sorgen uns um die Bevölkerung vor Ort, darunter viele Kolleginnen und Kollegen, die diese schützen wollen und das mit dem Leben bezahlen.

Schnell an den Grenzen

Wenn aber die Zerstörung von Kulturerbe einen Angriff auf die gesamte Menschheit darstellt, so müsste doch eigentlich im Umkehrschluss die Erhaltung desselben in der Verantwortung eben dieser Menschheit liegen. Erfahrungsgemäß wird aber man beim Bestreben um eine nachhaltige Bewahrung irgendwelcher Ruinen irgendwo im Nahen Osten oder Afrika sehr schnell an die Grenzen der internationalen Solidarität stoßen, sobald dies mit Kosten verbunden ist.

Offensichtlich braucht man tatsächlich religiöse Fanatiker, die mit Bulldozern über wehrlose Ruinen fahren, um sich der Bedeutung von archäologischen Stätten bewusst zu werden. Presslufthämmer müssen an antike Relief angesetzt werden, Skulpturen zertrümmert werden, um daran zu erinnern, dass die Erhaltung von Kulturerbe unser aller Verpflichtung ist. An Brutalität und Drastik nicht zu überbietende Bilder scheinen notwendig, um ein Bewusstsein für das kulturelle Vermächtnis von Monumenten zu schaffen.

Traurig genug. Aber wer wird wirklich nach anfänglicher Betroffenheit bereit sein, für den Wiederaufbau und den nachhaltigen Erhalt- nicht nur von Ninive, Nimrud, Hatra und möglicherweise Palmyra, sondern auch der vielen anderen Kulturstätten, die zwar nicht aktiv zerstört werden, die aber langsam verfallen, da sich viele Länder deren Erhalt schlicht nicht leisten können - unter dem Schlagwort der globalen Verantwortung einen solidarischen Beitrag zu leisten?

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt! (Sabine Ladstätter, 26.5.2015)

Sabine Ladstätter (Jahrgang 1968) ist habilitierte Archäologin und seit 2009 Leiterin des Österreichischen Archäologischen Instituts. Seit 2010 hat sie die Leitung der Grabung in Ephesos inne, 2011 war sie Wissenschafterin des Jahres. Zuletzt erschienen: "Knochen, Steine, Scherben. Abenteuer Archäologie", der Band wurde 2014 zum besten populärwissenschaftlichen Buch Österreichs gewählt.

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