"Inntöne"-Festival: Kreative Balanceakte

26. Mai 2015, 17:37
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Bunter Reigen hochkarätiger Musik

Diersbach - Dass Paul Zauner keinen Spürsinn für Talente hätte, kann man dem "Inntöne"-Impresario nicht nachsagen. Der Grammy-bekrönte Bariton-Bär Gregory Porter ist nur einer jener heute berühmten Musiker, die Zauner früh auf seinem Buchmannhof im Innviertler Sauwald präsentierte; der israelische Pianist Yaron Herman ein anderer. Nicht zu vergessen Saxofonist Lenny Popkin, der 2009 im zarten Alter von 68 sein spätes Österreich-Debüt feierte. Popkin kehrte 2015 auf die "Inntöne" -Bühne zurück und bezirzte erneut durch sublime, melodisch erfindungsreiche Linien. Die Entdeckung der diesjährigen 30. Festival-Ausgabe trägt indessen den Namen Kaja Draksler. Technisch exzellent, verblüffte die 28 Jahre junge slowenische Pianistin mit Wohnsitz Amsterdam durch spannungsreiche Balanceakte zwischen Abstraktion und konkreter Sinnlichkeit: Etwa, wenn sie in About Life dissonant-sperrige und tonale repetitive Strukturen immer wieder neu ineinander verzahnte. Oder wenn sie in ihrer Hommage an die Jazzpianisten Jaki Byard und James P. Johnson an Hindemith gemahnende Harmonik mit Ragtime-Rhythmik kombinierte. Von dieser jungen Dame wird noch zu hören sein!

Einen starken Eindruck hinterließ auch Trompeter Matthias Schriefl mit dem neuen "Multiorchester": Traditionelle Blasmusik wurde da genussvoll gegen den Strich gebürstet, dann wieder auf vier dröhnende Tuben verdichtet, während sich die Stimmen von Tamara Lukasheva und Simon Rummel mitunter wirkungsvoll über das Orchester erhoben. Pianist David Helbock, aktueller Shootingstar des österreichischen Jazz, gab mit seinem Trio Random/Control das gewitzte Thelonious-Monk/Hermeto-Pascoal-Programm zum Besten. Der ideenreiche rhythmische Verve litt dabei unter den rasenden Instrumentenwechseln der Kollegen Andreas Broger und Johannes Bär, der zuweilen mehr Effekt als Gewinn an musikalischer Substanz bedeutete.

Improvisation und Tradition

Neben junger europäischer Improvisationsmusik wurde auch die Jazztradition prominent thematisiert: Trompeter Stéphane Belmondo spielte sich im Zuge seiner Chet-Baker-Hommage immer wieder von dessen lyrischen Kantilenen frei und entspann dichte interaktive Dialoge mit Bassist Thomas Bramerie und dem ob eigenwillig-vertrackter Soli heftig akklamierten Gitarristen Jesse van Ruller. Reizvoll kam auch das Quintett der Tenoristen Walt Weiskopf und Johannes Enders über die Rampe: Weiskopf prunkte mit wuchtigem, schneidendem Ton und schnörkelloser Geradlinigkeit, Enders zeigte sich geschmeidiger, entwickelte seine Soli differenzierter, farbenreicher. Hinter den Erwartungen blieben Sängerin Sarah Jane Morris, deren Ansagen persönlicher gerieten als die flachen Bob-Dylan- und Janis-Joplin-Covers, sowie Saxofonist Steve Grossman, der seine Chorusse ideenfrei und lustlos einer Erledigung zuführte. Darüber sowie über die schlechte Witterung, konnte man angesichts eines insgesamt erfreulichen Programms leicht hinweg hören. (Andreas Felber, 26.5.2015)

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