Püspök: "Marktpreis bei Strom ist verschmutzt"

Interview27. Mai 2015, 10:00
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Subventionen für Strom aus Wind und Sonne könnte man streichen, sagt der Präsident von Erneuerbare Energie Österreich

STANDARD: Was hat ein gestandener Bankmanager wie Sie mit erneuerbaren Energien am Hut?

Peter Püspök: Das ist eine Familiengeschichte. Mein Bruder ist Gastwirt im Burgenland und Jäger. Vor etwa 20 Jahren hat ihn ein Jagdfreund aus Deutschland darauf aufmerksam gemacht, dass auf der Parndorfer Platte ähnliche Windverhältnisse herrschen wie im Norden Deutschlands. Mein Bruder hat dann begonnen, Windkraft zu entwickeln, ich habe ihn von der Bankenseite begleitet. Wie ich vor acht Jahren aus der Bank ausgeschieden bin, habe ich mich in das Unternehmen der Familie eingeklinkt. Inzwischen leitet mein Sohn das Unternehmen.

STANDARD: Wissenschafter sagen, zwei Grad Erderwärmung bis 2100 sei gerade noch tolerierbar, damit die Menschheit halbwegs heil davon kommt. Schaffen wir das noch?

Püspök: Im Moment bin ich nicht sehr optimistisch. Ich hoffe aber immer noch auf eine Entwicklung, die zu einem radikaleren Umdenken führt.

STANDARD: Nach Fukushima gab es so einen Schub.

Püspök: Kein Mensch wünscht sich ein weiteres Fukushima; aber die Entwicklung, die wir jetzt haben, geht eindeutig zu langsam.

STANDARD: Shell hat gerade die Erlaubnis bekommen, in der Arktis nach Öl zu bohren. Das Zeitalter der Kohlenwasserstoffe scheint so rasch nicht zu Ende zu gehen?

Püspök: Das ist schlimm. Aber man darf nicht übersehen, dass es bei den erneuerbaren Energien durchaus Fortschritte gegeben hat. Für mich sind die Entwicklungen in China ein ganz großer Hoffnungsschimmer. China war im Vorjahr Weltmeister beim Zubau erneuerbarer Energien. Wenn das so weitergeht, glaube ich, dass wir bei der im Herbst stattfindenden Klimakonferenz in Paris bessere Chancen haben als bei vorigen Klimakonferenzen.

STANDARD: Wird die Produktion von Strom aus Wind oder Sonne einmal ohne Subventionen möglich sein?

Püspök: Das ist heute schon möglich. Das Problem sind die Marktpreise, die sind verschmutzt.

STANDARD: Wie das?

Püspök: Während die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen ausgebaut wurde, sind konventionelle Stromerzeuger im Markt geblieben und haben insbesondere die Kohlefeuerung forciert. Deshalb gibt es einen Überschuss an Strom. Großhandelspreise von aktuell drei Cent je Kilowattstunde (kWh) sind völlig irreal. Würden sich die tatsächlichen Kosten in den Preisen widerspiegeln, wären wir bei etwa sechs Cent. Dann bräuchten die Erneuerbaren keine Förderungen mehr.

STANDARD: Was müsste passieren?

Püspök: Die Erzeuger von schmutzigem Strom müssten aus dem Markt genommen werden. Der arme Sigmar Gabriel (deutscher SPD-Wirtschaftsminister; Anm.) will das auch tun, stößt aber auf die Lobby der SPD-Kernwählerschicht im Ruhrpott.

STANDARD: Die Industrie jedenfalls jammert und verweist auf die USA, wo Strom noch billiger ist.

Püspök: Jammern ist der Gruß des Kaufmanns. Wir glauben, dass ein Strompreis von sechs, sieben Cent verkraftbar ist. 2007, 2008 lag der Strom-Großhandelspreis bei acht Cent je kWh, da hat auch niemand geschrien. Ich glaube im Übrigen, dass die erneuerbaren Energien eine Riesenchance für die Wirtschaft sind, gerade auch in Österreich. Heimische Unternehmen sind da teils Weltmarktführer, bei Pelletsanlagen etwa, bei Wechselrichtern oder Wärmepumpen.

STANDARD: Der Widerstand gegen die angeblich teuren erneuerbaren Energien wächst gerade jetzt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten?

Püspök: Bei denen, die kurzfristig ihr Geldbörsl optimieren wollen. Es gibt aber viele Menschen, die genau wissen, dass an der Energiewende kein Weg vorbeiführt.

STANDARD: Nicht vor meiner Haustür, bekommen Windkraftbetreiber immer öfters zu hören.

Püspök: Im Burgenland hat es nie größere Schwierigkeiten gegeben.

STANDARD: Wie das?

Püspök: Die Politik steht voll dahinter. Außerdem wurden rechtzeitig Flächen identifiziert, die für das Aufstellen von Windrädern geeignet sind. Die Mehrheit hier ist stolz auf die Windkraft.

STANDARD: Wo sehen Sie größere Chancen, bei Wind, Solar oder einer anderen Technologie, die noch im Verborgenen schlummert?

Püspök: Natürlich hoffen wir alle auf versteckte Technologien. Von der Entwicklung bis zur Marktreife dauert es aber erfahrungsgemäß zehn bis 20 Jahre. In Österreich glaube ich, dass längerfristig die Fotovoltaik noch sehr viel Potenzial hat. Beim Wind gibt es auch noch Potenzial, selbst wenn man sich auf die Flächen beschränkt, die schon mit Windkraft ausgestattet sind.

STANDARD: Was würden Sie sich vonseiten der Politik wünschen?

Püspök: Eine weit ambitioniertere Energiepolitik und eine Energiestrategie, die diesen Namen verdient. Was wir jetzt haben, sind viel zu lockere 20-20-20-Ziele der EU, die wir mit links schaffen werden. Wir könnten viel mehr tun.

STANDARD: Was wollen Sie die nächsten zwei Jahre erreichen?

Püspök: Die Menschen noch mehr von der Wichtigkeit der Energiewende überzeugen. Ich möchte nicht irgendwann vor meinen Enkelkindern dastehen und mich rechtfertigen müssen, warum ich nichts getan habe. Man wird sich in 30 Jahren nicht darauf ausreden können, man habe nichts gewusst.

STANDARD: Muss sich die Branche der Erneuerbaren verändern?

Püspök: Natürlich. Die Welt wird auch bei den Erneuerbaren in zehn Jahren ganz anders ausschauen als heute. Es wird viele kleine, dezentrale Einheiten geben. Unser Vorteil gegenüber großen Energieerzeugern ist - wir sind flexibel. (Günther Strobl, 27.5.2015)

Peter Püspök (68) wurde für zwei Jahre als Präsident von Erneuerbare Energie Österreich bestellt. Püspök startete seine Karriere 1971 bei der US-Bank Chase Manhattan, wechselte 1977 zum Raiffeisen-Spitzeninstitut RZB und war von Mitte 1998 bis Mitte 2007 Generaldirektor der Raiffeisen-Landesbank NÖ-Wien, dann selbstständiger Unternehmer. Püspök ist verheiratet und hat vier Kinder.

  • "Es gibt viele Menschen, die genau wissen, dass an der Energiewende kein Weg vorbeiführt", sagt Peter Puspök im Interview.
    foto: andy urban

    "Es gibt viele Menschen, die genau wissen, dass an der Energiewende kein Weg vorbeiführt", sagt Peter Puspök im Interview.

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