Die lebenslange Suche nach dem Soldaten-Vater

29. Mai 2015, 13:52
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Berührende Schicksale der Kinder von Besatzungssoldaten und Einheimischen

Im Frühling 1945 waren in Österreich rund 700.000 alliierte Besatzungssoldaten stationiert, großteils junge Männer aus der Sowjetunion, Frankreich, den USA und England. Die Menschen befanden sich in einer Ausnahmesituation, und natürlich kam es auch zu engeren Kontakten zwischen diesen Männern und einheimischen Frauen. Geschätzte 30.000 Kinder entstanden bis 1956 daraus, die meisten in den ersten Nachkriegsjahren. Diese sogenannten Besatzungskinder konnten ebenso die Folge von Vergewaltigungen wie von einer Art Versorgungsbeziehung oder einer großen Liebe sein.

Wie immer die Umstände ihrer Zeugung waren, eines hatten all diese Kinder gemeinsam: die Abwesenheit ihrer Väter und die mehr oder weniger offene Verachtung ihrer Umwelt. Viele von ihnen wuchsen bei Verwandten, Pflegeeltern oder in Heimen auf, da ihre alleinstehenden Mütter arbeiten mussten oder die späteren Stiefväter das Kind eines ehemaligen Kriegsfeindes ablehnten. Die meisten von ihnen wussten wenig bis nichts über ihre Erzeuger: "Die starke und absolute Tabuisierung meines Vaters innerhalb der Familie (Mutter und Großmutter) haben mein Leben bis heute sehr stark beeinflusst und erschweren bis heute noch die Vatersuche", berichtet die Tochter eines sowjetischen Besatzungssoldaten. "Obwohl beide schon gestorben sind, habe ich heute noch Angst, das Thema anzusprechen. Mein Leben war und ist geprägt von einer großen Einsamkeit und Sehnsucht nach Familie." Die Suche nach dem Vater ist für viele Betroffene zum Lebensthema geworden, Unterstützung etwa von staatlicher Seite gab es dabei nicht.

Späte Aufarbeitung

Auch die Wissenschaft befasste sich erst spät mit diesem Aspekt der Nachkriegsgeschichte. So fand das erste Treffen von Forschern und Zeitzeugen erst 2012 auf einer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung und der Uni Marburg organisierten Konferenz statt. Nun liegen die Ergebnisse dieses Treffens in Buchform auf mehr als 500 spannenden und zum Teil sehr berührenden Seiten vor. Die Sammlung wissenschaftlicher und autobiografischer Texte vermittelt nicht nur einen Eindruck von den vielgestaltigen Verbindungen zwischen sogenannten Befreiern und Befreiten.

Die Erinnerungen der Besatzungskinder und die historische, soziologische und psychologische Annäherung der Forschung an das lange tabuisierte Thema werfen auch Schlaglichter auf die Nachkriegsgesellschaft, in deren Umgang mit diesen Kindern sich oft noch lange nach dem Krieg die NS-Propaganda spiegelt. So hatten vor allem die "Russenkinder" unter der Verachtung ihres Umfelds zu leiden. Ein Happy End war selbst den innigsten Liebesbeziehungen zwischen Österreicherinnen und alliierten Besatzungssoldaten nur selten vergönnt.

Die Kinder, die daraus hervorgingen, sind nun im Pensionsalter, das Gros ihrer Eltern ist schon gestorben. Das Bedürfnis, mehr über die eigene Herkunft und damit Identität zu erfahren, ist über die Jahre aber nicht kleiner geworden. Es war also hoch an der Zeit, sich an die Erforschung dieser besonderen Kriegsfolgen zu machen. Das vorliegende Buch liefert den Grundstock dafür. (Doris Griesser, 27.5.2015)

  • Barbara Stelzl-Marx / Silke Satjukow (Hg.), "Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland". € 35,- / 538 Seiten. Böhlau-Verlag, Wien 2015
    foto: böhlau-verlag

    Barbara Stelzl-Marx / Silke Satjukow (Hg.), "Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland". € 35,- / 538 Seiten. Böhlau-Verlag, Wien 2015

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