Jeans-Trends: Denim feiert Wiederauferstehung

28. Mai 2015, 15:58
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Denim gilt als unverwüstlich. Doch die blutstauende Skinny hat ausgedient. Jetzt bringen Boyfriend-, Mom-, Flared- und Jogg-Jeans den Markt ins Flattern. Ein Überblick über aktuelle Jeans-Trends

Adieu amerikanische Arbeiterhose, adieu raues Rebellenimage: Jeans, das ist in diesem Sommer mehr als zwei Beine aus robustem Baumwollstoff und genieteten Gesäßtaschen. Bei Burberry Prorsum zum Beispiel, da sieht Denim ganz nach gepflegter Tea-Time, nach gesetteltem Establishment aus. Die Jeansjacke tailliert, fast skulptural erstarrt, darunter pastellfarben schimmernde Pailletten.

Denim feiert 2015 eine Wiederauferstehung. Kein Blog, keine Kampagne von Topshop oder Zara, keine Designer-Kollektion ohne den Baumwollstoff in Indigoblau. Auf den Designer-Laufstegen komme Denim eine Schlüsselrolle zu, meinte zuletzt sogar die deutsche Vogue. Sie hat recht. Stella McCartney, Chloé, Saint Laurent, Gucci, Rodarte, die Designer setzen auf Jeans rauf und runter, und das auch jenseits des Hosenbodens. Mit ausgefransten Säumen an langen Jeanskleidern und Overalls, mit Jeansjacken in schmaler Passform wie in klotzigem Oversize, Hemden mit Druckknöpfen und knappen Miniröcken mit Knopfleiste.

foto: closed
Lange galt der All-over-Jeanslook als ziemlich unmodern. Das hat sich geändert. Hier ein Bild des Hamburger Labels Closed.

Investitionsobjekt

Wenn es den Designern dann doch um die Hose geht, dann wird mehr geklotzt als gekleckert, dann wird es unverschämt glamourös. Mit applizierten Swarovski-Kristallen und Rosenknospen aus Leder zum Beispiel. So ein Spaß lässt eine Jeans von Dolce & Gabbana mit einem Schlag knapp 6500 Euro teuer werden. Christopher Kanes Modell mit den bunten Knieschonern aus Blumenspitzen verkauft sich für rund 1200 Euro, eine um die Hüfte herum bestickte Jeans von Stella McCartney ist immerhin schon für 500 Euro zu haben.

Mit solch individualisierten Hinguckern erarbeiten sich auch unbekanntere Jeans-Labels die Aufmerksamkeit des Marktes. Das japanische Label "Tu es mon Tresor" appliziert Perlen und Ketten auf Säume und Nähte, Aries aus London regenbogenfarbene Folien, Flicken und handgemalte Prints auf Hosen und Jacken.

Und sonst, jenseits des Investitionsobjekts Designer-Jeans? Werden die alten Kassenschlager entstaubt. Das Hamburger Label Closed lässt sein Erfolgsmodell "Pedal Pusher" von 1978 wieder neu aufleben. Die 501 von Levis wurde jetzt für die Generation Skinny um die Waden herum verengt. Wohl nicht ohne Grund. Auf der Straße hat der enge Jeansschlauch den Mainstream noch im Griff. Meint auch der Berliner Modejournalist Jan Joswig: "Jungs wie Mädchen tragen Skinny und enthaaren ihre Körper. Selbst Skater versuchen, in Skinny-Jeans in die Knie zu gehen." Ausnahme: "Der Rustikal-Look mit umgekrempelter Boller-Jeans. Der ist das Privileg über 35-jähriger Männer."

Dabei gibt es doch gerade für die Frauen bereits jede Menge Alternativen zu den blutstauenden Jeansschläuchen. Da wäre die geräumige Culotte, das Boyfriend-Modell oder die hüfthoch geschnittene Mom-Variante. Und auch der Schlag ist wieder da. Latzhosen, Glockenhosen, die heute nur noch Flares heißen, das Revival der Siebzigerjahre lebt auf Modeblogs auf, von New York bis Berlin, von Manrepeller.com bis Journelles.de.

Innovation Jogg-Jeans

Topshop, H&M und Zara reagieren wendig auf die Trendvorgaben. "Die Vertikalen haben definitiv den Vorteil, dass sie schneller auf Tendenzen auf dem Markt reagieren können", meint Nina Piatschek, Fachjournalistin beim deutschen Branchenblatt Textilwirtschaft. "Aber die Innovationen kommen nach wie vor von den Spezialisten, also den Jeansmarken." Material-Innovationen, die für den Markt von eigentlicher Relevanz seien. "Jogg-Jeans zum Beispiel werden ein großes kommerzielles Potenzial zugeschrieben: nicht nur weil sie neu, sondern auch weil sie extrem bequem sind", meint die Journalistin.

Zunehmend relevant seien außerdem: Figurformende Jeans für Frauen – passend zum Aufstieg der Shapewear. Sogar Denims mit eingelagertem Cellulite-Killer sind auf dem Markt. "Ich bezweifle, dass das wirkt - aber es liefert Geschichten", meint Piatschek.

Auf Blogs wie denimblog.com lässt sich die ganze Bandbreite an Neuigkeiten an Poppy Delevingne, Emma Roberts, Rihanna bewundern. Doch bis die ausgefallenen Jeans-Lieblinge der Prominenten auf der Straße zu sehen sein werden, wird es wohl noch dauern. "Bis bei der Hose ein Silhouetten-Wandel in der Masse ankommt, braucht es viele Saisonen", erklärt Piatschek. Allerdings tue sich was auf dem Markt. "Bewegung haben bei den Männern die Skinnies, bei den Frauen jetzt die weiteren Formen – von Momjeans bis hin zum spitzen Trendthema Flared – hineingebracht. Nach jahrelanger Dominanz der Jeggings und Röhren."

Nicole Doleh, die sich im Wiener Ersten Bezirk mit ihrem Geschäft inked auf angesagte US-amerikanische Jeans-Labels wie Frame, 6397 oder Current Elliott spezialisiert hat, bestätigt das. Ihre Kundinnen seien gerade besonders offen für Boyfriend-Modelle. Auch ausgestellte Hosen hat die Shop-Inhaberin für den Sommer bestellt. "Die sind aber nicht mehr so hauteng wie in den letzten Jahren geschnitten".

Trendsetterin Beckham

Eben nicht mehr so wie damals um die Jahrtausendwende, als von kalifornischen Labels wie "7 for all Mankind" der Trend der mehrere hundert Euro teuren "Premium-Jeans" angestoßen wurde. Ein Trend, der bis heute anhält. Der Preis der Premiums: mindestens doppelt so hoch wie der einer normalen Markenjeans. Der Schnitt damals: um den Hintern herum knackig und tief auf der Hüfte sitzend, ausgestellte Hosenbeine. Victoria Beckham, die zu der Zeit mit teetassengroßen Sonnenbrillen und langer Mähne auf der Fußballtribüne Trends setzte, designte damals solche Jeans für das amerikanische Label Rock & Republic. Auf den Gesäßtaschen ihrer Jeans saßen glitzernde Kristallkronen.

Heute sehen nicht nur die Beckhams, sondern auch ihre eigenen Jeans dem Zeitgeist entsprechend dezenter aus. Doch die Kampagnen, die machen noch immer gern auf dicke Hose. "Sex sells" gilt nach wie vor im umkämpften Jeansgeschäft. Obermacker Tom Ford zum Beispiel provoziert in der aktuellen Männerkampagne mit gelockertem Jeans-Knopf - ein Zitat des über vierzig Jahre alten Stones-Plattencovers Sticky Fingers. Das sexuell aufgeladene Stück Baumwolle funktioniert so eben auch für den heterosexuellen Mainstream. Und die Massenware Jeans zum Fetischobjekt zu erheben, hat sich schon in den Jeans-Kampagnen der Achtziger und Neunziger mit Brad Pitt für Levis bewährt.

Social Media

Doch die klassischen Kampagnen und Lookbooks machen mittlerweile nur noch einen Teil des Werbeprogramms aus. Dazu gesellt sich jetzt Instagram. Der Kanal scheint maßgeschneidert für das Jeansgeschäft. Bei Calvin Klein hyperventilieren die Social Media-Kids Justin Bieber, Lara Stone und Kendall Jenner unter dem Hashtag #myclavins. G-Star versucht es unter dem Motto #tightorwide. Und das Jeanslabel Adriano Goldschmied hat sich gleich mit dem zaundürren It-Girl Alexa Chung zusammengetan, um Latzkleidchen und -hosen herauszubringen. Die gibt es auch in Wiens erstem Bezirk bei Amicis. Der Renner sind dort im Sommer allerdings nach wie vor gelöcherte Jeans, "destroyed" und "ripped" Denim in enger Passform. Doch was kommt nach all den losen Einblicken auf nackte Beine?

Der Berliner Modejournalist Jan Joswig prognostiziert "das Abwegigste von gestern als den Trend von morgen": die Bootcut-Jeans. "Mehr hässliches Allerweltsentlein als die Bootcut-Jeans ist derzeit nicht denkbar." Allzu lange wird sich das Entlein aber nicht mehr verstecken müssen. Für die "Vogue" gehört das Modell Boot Cut schon jetzt zu den Jeans-Trends dieses Jahres. (Anne Feldkamp, Rondo, 29.5.2015)

  • Beschichtet, zerrissen, gestanzt, appliziert, verwaschen: Die Hersteller überbieten sich derzeit im Einsatz von Denim. Von oben nach unten: Diesel, Carlings, Diesel, Asics, V. Westwood, Levi's und Jones.
    foto: hersteller

    Beschichtet, zerrissen, gestanzt, appliziert, verwaschen: Die Hersteller überbieten sich derzeit im Einsatz von Denim. Von oben nach unten: Diesel, Carlings, Diesel, Asics, V. Westwood, Levi's und Jones.

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